Weinbau in den klassischen europäischen Ländern ist belastet durch ein jahrhundertealtes Erbe, bei all den Vorschriften bleibt wenig Platz für kreative Experimente. In Übersee dagegen verspricht der Weinbau Abenteuer und Aufbruch. So lassen sich vermehrt Önologen aus der Alten Weinwelt von den neuen Terroirs inspirieren und erzeugen auch dort Spitzenprodukte. Dieser Trend kam am Symposium der Masters of Wine zur Sprache, das letzte Woche in Bordeaux stattfand. An diesem vierjährlichen Weltgipfel der Weinelite werden jeweils die jüngsten Strömungen im Weingeschäft vermittelt.
Sauvignons Blancs aus der Alten und Neuen Welt
Arnaud Bourgeois ist sichtlich stolz auf seine Sauvignons Blancs, die er im Loire-Tal und in Neuseeland auf unterschiedlichen Terroirs, jedoch unter ähnlichen klimatischen Bedingungen produziert. Der Spross einer alteingesessenen Winzerfamilie präsentiert seinen lieblich-frischen Clos Henri Sauvignon Blanc (2008) aus Marlborough (Neuseeland). Der elegante Weisse schmeckt nach reifen Birnen, die tonhaltige Erde verleiht ihm zudem eine eigene Mineralität. Sein Gegenpart aus der Alten Welt wächst hingegen im Kies- und Kalkboden heran: Der Sancerre Blanc (La Côte des Monts Damnés, 2008) offenbart eine zwar ausdrucksärmere, aber komplexere Nase und schmeckt im Gaumen deutlich runder.
Önologisches Heimspielfür Riesling
Riesling bringt die besten Ergebnisse in kühleren Gegenden. Einer der grössten Produzenten Deutschlands ist Egon Müller IV aus einer legendären Weindynastie (Scharzhofberg an der Saar). Er besitzt auch Güter in der Slowakei und Australien. Sein Château Belá Riesling (2008) aus Stúrovo ist geradezu leicht und fruchtig im Vergleich zum kräftigen, krautigen und mineralischen Kanta Riesling (2008) aus den Adelaide Hills. Die australischen Trauben wurzeln in Schiefergestein und der Wein erinnert an die begehrten Rieslinggewächse der Schieferweinberge an Mosel und Saar. Egon Müller kann im fernen Down Under also quasi eine önologische Heimpartie spielen.
Um Cabernet Sauvignon dreht sich die Degustation von Michel Rolland. Der bekannte Önologe aus dem Bordelais berät als «Flying Winemaker» weltweit über hundert Weingüter. Seine Weine sind elegant und geschmeidig, mit reifem Fruchtbouquet und ausgeprägten Holzaromen sowie einer durch hohen Alkoholgehalt hervorgerufenen Süsse. Sie treffen die Vorlieben des weltweit einflussreichsten Weinkritikers Robert Parker.
Hochstehender Wein aus dem chilenischen Colchagua Valley
Das von Rolland beratene Gut Casa Lapostolle liegt knapp 200 km südlich von Santiago de Chile im idyllischen Colchagua Valley und wurde 1994 gegründet. Hier wächst die tiefrote Cuvée Alexandre Cabernet Sauvignon (2005) mit kräftiger Nase von vornehmlich roten Früchten, doch die Tannine sind immer noch rau und kratzen. Samtig hingegen erlebt der Gaumen die Gerbsäuren beim Cabernet-betonten Château Pontet-Canet (2005), einem eleganten und zugleich komplexen Grand Cru Classé aus dem Pauillac (Nachbar von Mouton-Rothschild). Die Reben werden im sandig-kiesigen Boden nach biodynamischen Grundsätzen gezogen. Michel Rolland verpasst den Cuvées jeweils den Finish.Weine aus Übersee werden in der Schweiz immer beliebter
Die Weine aus der Neuen Welt finden in der Schweiz wachsenden Zuspruch. Auch die Qualität dieser Weine nimmt weiter zu, und die Preise sind im Gegensatz zu europäischen Edelgewächsen noch bezahlbar. Zwei Drittel des konsumierten Weins in der Schweiz werden importiert, die Tendenz ist steigend. Über 80 Prozent der Einfuhren kommen aus klassischen Weinländern wie Italien, Frankreich und Spanien. Doch bereits jede siebte importierte Flasche stammt aus Übersee. Trotz der langen Transportwege schneiden diese Weine punkto Ökobilanz meistens nicht viel schlechter ab als europäische Produkte. Ein weiterer Pluspunkt: Die Schifffahrt ist viel energieeffizienter als der Strassentransport.
www.henribourgeois.com; www.pfv.org/html/scharzhof-history.html; www.casalapostolle.com; www.pontet-canet.com
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