Es gibt nichts, was ich mehr hasse als Leute, die einem nicht genügend Zeit lassen um die Türe zu öffnen, bevor sie erneut klingeln. Deshalb bleibe ich viele lange Minuten auf der Türschwelle der Wohnung eines Freundes in Nord-London stehen und frage mich, wie lange wohl lange genug ist, bis ich nochmal klingle.
Schliesslich tue ich es, weil es anfängt zu regnen. Niemand öffnet die Türe, was mir genügend Zeit gibt, um durchnässt zu werden und den neuen Spalt im Türglas zu betrachten. Endlich ziehe ich mein Telefon hervor und rufe meinen Freund an. Einen Augenblick später ist er an der Türe.
«Tut mir leid, die Klingel funktioniert nicht», sagt er und reicht mir einen Gin und ein Frottiertuch. Während ich mein Haar trockne, führt er mich durch das Haus. Ab morgen bin ich allein verantwortlich dafür. Es gibt nichts Fremderes als die Wohnungen anderer Leute, selbst wenn diese ganz normal scheinen. Ist man erst einmal im Haus, braucht man eine Karte, um rund um die Seltsamkeiten zu navigieren. Um diese Wohnung habe ich mich zwar schon oft gekümmert, aber sie hat jedes Jahr eine Reihe von neuen Macken entwickelt.
Gin schlürfend und Gutmütigkeit ausströmend, zeigt mir Tony, was neu und was neu defekt ist. Eine neue Waschmaschine: wunderbar! Da gab es letztes Jahr eine Problemzone, die Eimer, Wischer und Ausflüge in den Waschsalon erforderten. Neue Gartenbeleuchtung mit Fernbedienung? Nicht ganz so wundervoll. «Drück ja nie diesen Knopf», sagt Tony, der die Fernbedienung hält, als ob sie aus Kristall wäre, «sonst gibt’s im ganzen Haus einen Kurzschluss.» Ich merke mir a) die Fernbedienung nicht zu berühren, und b) nie einen englischen Elektriker anzustellen.
«Dann ist da noch die Eingangstüre», bemerkt Tony. «Wie du ja schon weisst, geht die Klingel nicht mehr. Und dann ist da dieser Spalt...» Er klatscht ein Stück Abdeckband darüber. Jetzt sieht die Türe wie ein Kind mit einem Pflaster aus.
Es war mir schon oft bewusst, wie eine Türklingel nerven kann, aber bisher noch nie, wie unverzichtbar sie ist. Oder wie angenehm es ist, eine Türe zu haben durch die man nicht hindurch sehen kann. Viele Besucher – Briefträger, Vertreter, Leute, die Geld sammeln – lösen das Abdeckband ab und rufen durch den Spalt. «Ich kann Sie sehen!», schreit einer, der durch den Briefeinwurf nach hinten schaut, wo ich mich am Ende des Korridors hinter einem Bücherregal verstecke. «Öffnen Sie die Türe!»
Als ich eines Tages die Treppe hinunter renne, um ein donnerndes Klopfen an der Türe zu stoppen, beginnt ein merkwürdiger Lärm. Er kommt aus einem Kästchen hoch oben an der Wand, von dem aus Drähte bedrohlich zur Haustüre führen. Die Türklingel wurde in ihren Todeskampf gerüttelt. Sie versucht noch einmal zu klingeln, bevor sie den Geist für immer aufgibt.
Der Lärm ist sagenhaft. Nicht ein lautes Brrring, oder ein angenehmer Glockenton, mehr ein ohrenbetäubendes Dröhnen, wie von einer Gans, der etwas in die Luftröhre geraten ist. Wie ironisch! Ich habe mir eine Klingel gewünscht die ihre Arbeit wieder aufnimmt, jetzt habe ich eine, die nicht mehr aufhört.
Ich überlege mir Handlungsmöglichkeiten. Drähte durchtrennen und mir einen tödlichen Stromstoss verabreichen; den Elektriker anrufen, der die Gartenbeleuchtung installierte, die nicht funktioniert und der vermutlich uns beiden tödliche Stromstösse verpassen wird. Für den Rest der Woche einen Gehörschutz tragen. Ein kurzes Kleid anziehen und versuchen, die Bauarbeiter im Nachbarhaus zu Hilfe zu holen, mit der beschämenden Entschuldigung, eine einsame Frau in einem fremden Haus zu sein.
Ich versuche schliesslich etwas anderes – ich renne noch einmal die Treppe hinunter. Der Lärm hört auf. Ruhe hat noch nie so wunderschön getönt. Für den Rest der Woche gehe ich auf Zehenspitzen umher.
Deutsch von Renate Dubach
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