Was machen junge Leute anders als ihre Väter? Und was ändern sie, sobald sie ein Weingut übernehmen und auf ihre eigene Art und nach eigener Philosophie weiterführen können?
Die Antwort ist klar: Vieles. Ein Rundgang bei den 17 jungen Berufsleuten, die sich unter dem Motto «Junge Schweiz – Neue Winzer» gefunden haben, zeigt überraschende Ideen punkto Auftritt und Vermarktung ihres Produkts. Zum Beispiel Carina Kunz aus Maienfeld, die seit 2005 im elterlichen Betrieb Kunz-Keller Weine&Destillate die Verantwortung für die Weinbereitung trägt. Für ihren «Intuiva», einen samtigen, runden, kraftvollen Pinot noir Barrique, schreibt sie jede Etikette von Hand und verziert sie mit einem Motto, «das mir halt so in den Sinn kommt für genau diesen Wein», sagt sie. Da heisst es «Geniessen verbindet», oder «Rendez-vous der edlen Beeren», oder «Leere Gläser sind voller Geschichten». So wird jede Flasche einzigartig, auch wenn es denselben Spruch natürlich mehrfach gibt. Eine solche Flasche bewahrt man auch eher auf – und erinnert sich erneut freudvoll an den Wein.
Mit einer nachhaltigen Marketingidee hat sich auch Erich Meier vom Weingut zur Reblaube in Uetikon am See eigenständig positioniert. Er liefert einen schönen Teil seiner Produktion in die Gastronomie – unter anderem in die Hotels Dolder Grand, Eden au Lac und Baur au Lac. Beim Beobachten, wie Gäste das Handy zücken um das Etikett fotografisch festzuhalten, kam ihm die Idee einer ablösbaren Erinnerungshilfe. Nach vielem Tüfteln tragen jetzt alle seine Flaschen auf dem Rück-Etikett einen perforierten Teil mit der Aufforderung «Zur Erinnerung hier ablösen» und den nötigen Angaben zu Wein, Jahrgang und Produzent. An der «expovina primavera» schenkt Erich Meier einen Uetiker Riesling AOC 2008 aus: Einen runden, kräftigen Weissen mit prächtigem Säurespiel, eben genau so, wie ein reiner Rheinriesling sein sollte. «Mein Charakter spiegelt sich im Wein», sagt der 34-jährige Winzer, der in fünfter Generation den Familienbetrieb führt, dazu, «ich bin experimentierfreudig, innovativ, eigenständig und habe einen Sinn für Trends». Der Erfolg scheint ihm recht zu geben, kein anderer Winzer vom Zürichsee war in den letzten Monaten in den Medien so präsent wie er.
Ebenfalls ein gutes Marketing betreibt Pasquale Chiapparini, der vor drei Jahren im zürcherischen Rafz ein Weingut pachten konnte und seither – mit den nötigen Schulungen – seinen eigenen Wein macht. Als Erstes fallen dessen spezielle Namen auf: «sorein» heisst der leicht prickelnde Müller-Thurgau, «soweiss» der harmonische Weisse aus Pinot noir und Chardonnay, «sorot» dessen Gegenstück im Rotwein, und «sofern» der Komplexeste in der Palette, ein kräftiger, gerbstoffbetonter Pinot noir, den Chiapparini nach Burgunder-Art keltert.
Pasquale Chiapparini ist ein Quereinsteiger, der im Gastgewerbe tätig war und dort von der Liebe zum Wein gepackt wurde. Er ist auch der Initiant, der die «jungen Schweizer Winzer» zusammengetrommelt hat. Durchaus aus eigenem Interesse, wie er gerne zugibt: «Meistens schaffte ich es nicht, wie geplant andere Berufskollegen zu besuchen», sagte er, «deshalb organisierte ich im Herbst 2008 erstmals eine Jungwinzer-Degustation mit jungen Weinen». Daraus ist nun eine lose Vereinigung von Weinmachern geworden, die alle unter 39-jährig sind und einen Betrieb übernommen haben oder demnächst übernehmen werden. Einmal monatlich trifft man sich für eine Degustation samt Erfahrungsaustausch. «Das Ziel ist nicht, dass jeder denselben Weinstil macht. Im Gegenteil! Aber wir schätzen den Austausch untereinander», betont Chiapparini.
In der Vereinigung dabei sind zurzeit Männer und Frauen aus den Kantonen Aargau, Graubünden, Schaffhausen, Thurgau und Zürich. Wie steht es denn mit jungen Romands und Tessinern? «Wir sind offen und würden uns über eine Ausbreitung in der ganzen Schweiz freuen», betont Chiapparini. Die Interessensgemeinschaft sei halt selber auch noch jung – aber sie soll wenn möglich ausgebaut werden.
Einen Meilenstein stellt jetzt sicher die von der «expovina primavera» angebotene Möglichkeit dar, sich gemeinsam an einem Stand zu präsentieren. «Eine tolle Gelegenheit», kommentiert dies Tom Litwan, der seit 2006 in Schinznach Reben gepachtet hat und seinen eigenen Wein macht. «Da machen wir gerne mit», sagen Nadine Saxer Gysel und Stefan Gysel Saxer. Beide sind ausgebildete Önologen, beide führen ein Familiengut – sie das Weingut Jürg Saxer in Neftenbach, er das Gut Aagne in Hallau. Die Expovina-Plattform nutzen einzelne Jungwinzer bewusst mit raren Traubensorten. So bringt Cédric Besson-Strasser aus Uhwiesen einen roten Zweigelt, und sein Kollege Alain Schwarzenbach einen Meilener Lemberger (Blaufränkisch). Jürg Marugg aus Fläsch bleibt dagegen beim Pinot noir, der typischen Herrschäftler Traube: Sein 08er ist herrlich fruchtig und süffig, ein schönes Beispiel für einen jungen Schweizer Wein eines jungen Schweizer Winzers.
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