Vor einem liegen der Vierwaldstättersee, der Sempachersee, der Zugersee, der Hallwilersee, die Rigi, der Bürgenstock mit seiner Grossbaustelle… Die Aussicht ist atemberaubend, aber das Fahrgefühl, das ist - ja, was ist es? Ein Fahren? Ein Fliegen? Oder eher ein Gleiten? Ein Schweben? Schwerelos jedenfalls und mit dem Cabriolet-typischen Fahrtwind im Haar bringt uns die welterste doppelstöckige Openair-Luftseilbahn namens Cabrio innert sieben Minuten und im Halbstundentakt aufs Stanserhorn. «Runter ist noch fast besser», findet Fabienne Huber während der Fahrt nach oben, und die Marketingleiterin der Stanserhorn-Bahn schwärmt vom «Europapark-Effekt», wenn das «Cabrio» über einen der vier Masten fährt.
Das Laufwerk wurde nicht oben, sondern seitlich angebracht
Über ein Jahr wurde gebaut im nidwaldnerischen Stans, und nun, pünktlich auf den Sommer, wurde die neue Bahn auf den «Faulenzerberg» - wie die Stanser ihren Berg nennen - in Betrieb genommen. 60 Personen kann die neue Seilbahn transportieren, die mit ihrer Wendeltreppe, welche aufs offene Oberdeck führt, auch an den Londoner Bus gemahnt. Unter dem freien Himmel hat es Platz für 30 Personen, die so «ein erhabenes Erlebnis» geniessen können, wie es Stanserhorn-Bahndirektor Jürg Balsiger ausdrückt: Das Gehänge mit den Laufwerken wurde nicht wie bei herkömmlichen Pendelbahnen oberhalb der Kabine, sondern an die Seiten der Kabine gebaut, was auch unangenehmes Schwingen verhindert. Vor allem aber bleibt so die Sicht gen oben frei, und das ermöglicht gar einem Land wie der Schweiz mit ihren rund 1800 Seilbahnen und den etwa 310 Millionen Passagieren jährlich ein besonderes Erlebnis.
So befinden sich nebst Touristen aus Asien oder etwa der Filmequipe der Lifestyle- und Reise-Sendung «24/7» aus Chicago auch viele Einheimische unter den ersten Gästen, die «iisi Bahn» testen wollen. Aus dem Ausland kämen bereits Anfragen für das Patent, erzählt Huber, und auch was den Schweizer Tourismus betrifft, versprechen sie sich einen Mehrwert. «Viele Schweizer kennen das Stanserhorn nicht. Mit dieser Bahn könnte sich das ändern», hofft die Marketingleiterin. Verzeichnen sie pro Saison, die von Mai bis November dauert, bislang 120000 Gäste, so erwarten sie nun dank dem «Cabrio» einen Anstieg von 25 Prozent. Dafür werden auch die Stanserhorn-Rangers geschult. Die Rangers, das sind pensionierte Berggänger, die den Gästen das Stanserhorn näher bringen und dafür 2008 mit dem Milestone, dem Tourismuspreis Schweiz, ausgezeichnet wurden.
Auf Tischsets hielten sie ihre Ideen für eine neue Bahn fest
Geboren wurde die «Cabrio»-Idee übrigens am 25. Juni vor acht Jahren. Damals liessen Jürg Balsiger und Reto Canale - Stanserhorn-Bahn
direktor der eine, Seilbahn-Ingenieur der andere - auf dem Stanserhorn selber, im Drehrestaurant Rondorama auf 1850 Meter über Meer, ihrer Fantasie freien Lauf. «Wir skizzierten Ideen auf Tischsets und zogen auch utopische wie etwa eine Mischung aus Standseil- und Luftseilbahn in Betracht». Bei der abendlichen Rückfahrt ins Tal sei die Luft noch so warm gewesen, erinnert sich Balsiger, dass sie übermütig beschlossen hätten: «Ein offenes Deck müsste sie zudem haben, die neue Bahn, wie ein Cabriolet». Eine Idee, die schliesslich auch den Verwaltungsrat überzeugte, der das Resultat nun stolz als «Leuchtturm für die ganze Region» bezeichnet. (Erste Projektskizze: siehe oben recht)
Etwas aber blieb beim Alten: der historische Wartsaal in Stans Dorf und die Fahrt zur «Cabrio»-Talstation. Die erfolgt einst wie heute in der nostalgischen Standseilbahn aus dem Jahre 1893.
Fakten: 90 Prozent der Wertschöpfung aus der Schweiz
Von der ersten Idee bis zur letzten Schraube: Fast alles an der
Cabrio-Luftseilbahn trägt das Gütesiegel «Swiss made»: Rund 90 Prozent
der Wertschöpfung wurde in der Schweiz erbracht, meist von Firmen der
Zentralschweiz. Die Bahn hat die Seilbahnbaufirma Garaventa in
Zusammenarbeit mit Seilbau-Ingenieuren der ETH entwickelt. In die
Bahnanlagen investiert worden sind 28,3 Millionen Franken; budgetiert
waren einst 24,9 Millionen Franken. Mehrkosten entstanden wegen
Logistikproblemen und aufgrund des instabilen Baugrundes. Voll beladen
wiegt das ganze Fahrzeug über 16 Tonnen.






