Mit sicherem Pinselschwung verteilt Anne Gelbard dickflüssiges Gold in Arabesken und erklärt dabei konzentriert: «Das muss auf Anhieb sitzen. Ausbessern geht nicht». Sie arbeitet an einem grossen Gemeinschaftstisch in einem weitläufigen Atelier des Pariser Bastille-Viertels. Gelbard gilt als eine der begabtesten Textildesignerinnen Frankreichs.
Sie ist offen, warmherzig und kein bisschen überkandidelt. Dabei entwirft sie Stoffe für die teuersten Roben der Welt und arbeitet für berühmte Häuser wie Dior, Lacroix und Balenciaga.
Seit knapp drei Jahren hat Anne Gelbard begonnen, ihre Kunst auch auf andere Materialien, wie Leder, Federn und Tapeten zu applizieren und hat sich damit ein zweites, wirtschaftliches Standbein aufgebaut. Zugleich ist diese «Home Couture» aber auch ein Ventil für ihre sprudelnde Kreativität. «Wenn ich Stoffe für die Haute Couture entwerfe, schlüpfe ich in eine Rolle, bin Schauspielerin, und der Modedesigner ist der Regisseur. Wenn ich Entwürfe für Tapeten und Wandpaneele mache, bin ich mein eigener Herr, kann meinen Ideen freien Lauf lassen.»
Die Kreationen schimmern als seien sie lebendig
Das Ergebnis sind gelbe Drachengestalten auf olivgrünen Kissen, silbern und perlmuttern glänzende Bouquets auf goldgelben Wandschirmen, himbeerfarbene Schmetterlinge auf braun-roten Tischläufern und schwarze Grotesken auf rosafarbenen Tapetenbahnen. Stets wendet die Designerin eine streng geheim gehaltene Technik an, die sie vor 15 Jahren für ihre Stoffkonzeptionen entwickelt hat und mit der sie heute Kupfer-, Silber-, und Blattgold auf nahezu alle Materialien übertragen kann. Denn ihre Kreationen sollen glänzen und schimmern, wodurch sie lebendig wirken – je nachdem wie der Blick darauf fällt. Den entscheidenden Input bekam die heute 42-Jährige auf der Pariser Kunstgewerbeschule (ENSAD): «Dort konnte man die Materie mit Händen greifen, es gab Strick- und Webmaschinen. Mir wurde klar, dass ich mein Leben mit Stoffen verbringen wollte», erinnert sie sich. Sie etablierte sich als Freelance-Designerin, und bald folgten erste Aufträge. Ihre Inspirationen holt sie sich aus Büchern, aber auch auf den Flohmärkten und in den Kunstausstellungen: «Ich liebe Asien und die Renaissance und übertrage die alten Motive in die heutige Zeit, um meine eigenen Geschichten zu erzählen.»
Die Stoffdesignerin gestaltet ein Viersternehotel mit
Eine Geschichte rankt sich auch um die Renovierung des ehemaligen Hotels Ferrandi, die sie gemeinsam mit dem Architekten Vincent Bastie seit Mitte letzten Jahres in Angriff genommen hat. Die Wiedereröffnung ist für nächsten Herbst geplant. Die Besitzerin Corinne Moncelli will dem zwischen Montparnasse und Saint-Germain gelegenen Haus ein komplett neues Ambiente einhauchen und es zum 4-Sterne-Etablissement umgestalten. Anne Gelbard liefert dazu die Stoffe und die Tapeten, sie hat auch Kacheln gemalt, Kissen und Lampenschirme konzipiert und einige Möbel entworfen.
Sicherheitsnormen müssen eingehalten werden
Das gesamte Outfit wird von den beiden Frauen gemeinsam bestimmt, wobei die Designerin ganz neue Dimensionen entdeckt hat: «Die Haute Couture ist vergänglich. Hier hingegen muss ich Bleibendes schaffen, das den Anforderungen eines Hotels gerecht wird.» Wichtig seien auch die Sicherheitsnormen. So avancierten zum Beispiel B1 (schwer entflammbar), oder A1 (nicht brennbar) seither zur echten Herausforderung.
Innigster Wunsch von Anne Gelbard ist es, dass ihre junge Firma «Suites Parisiennes», die sie gemeinsam mit ihrem Bruder Nicolas Ende 2007 für die Home Couture gegründet hat, möglichst bald mit neuen Hotelprojekten betraut wird. Vor allem aber macht ihr die Raumausstattung Spass: «Ich spiele mit dem Puppenhaus, aber in Lebensgrösse, und das ist besonders aufregend», sagt die Textildesignerin.
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