dolce vita
02.02.2012
Schönes unserer Epoche
Die «Gletscherspalte» des Hotel Astoria in Luzern: ein Entwurf von Herzog & de Meuron.
Die «Gletscherspalte» des Hotel Astoria in Luzern: ein Entwurf von Herzog & de Meuron. (© zvg)
Christian Caflisch

Nach dem Siebziger-Krieg - wie der Deutsch-Französische Krieg in den Jahren 1870 bis 1871 auch genannt wurde - folgte in Europa eine für damalige Verhältnisse ungewohnt lange Zeit des Friedens. Daraus ging ein Aufschwung für Wirtschaft und Kunst hervor - eine industrielle Revolution. In der Architekturgeschichte löste die Belle Epoque, auch Jugendstil genannt, den Klassizismus ab. Die faszinierende Zeit dieser Belle Epoque (1879 bis 1905) bildete auch in der Schweiz die Grundlage für das Erblühen einer grossartigen Hotelarchitektur, die weit über die Grenzen hinaus bekannt und wegweisend war. Ein imposanter Hotelpalast und ein Grandhotel nach dem anderen schossen aus dem Boden - eine wahrlich «schöne Epoche» für Architekten, Ingenieure und Bauherren. Kaum war ein Hotel fertig gestellt, folgte bereits ein anderes mit etwas Neuem oder für damalige Verhältnisse noch Verrückterem, wie fliessendem Wasser, elektrischem Licht, Heizung oder gar einem Lift.

Bekannte Namen wie Karl Koller, Daniel Pfister, Karl Moser, Alfred Chiodera und Theophil Tschudy waren die Stars jener Zeit. Da Architektur dazumal an Universitäten nur spärlich gelehrt wurde und an Kunstakademien eher ein Nebenfach darstellte, waren es meistens Gelehrte der Mathematik und Geschichte oder auch Baumeister, die sich mit viel praktischer Erfahrung in der Branche einen Namen machten. Interessant ist auch die Tatsache, dass der Beruf des Architekten bis heute kein geschützter Titel ist, im Vergleich zu Arzt, Apotheker oder Rechtsanwalt.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde plötzlich Zürich Mittelpunkt der Kulturwissenschaften, nachdem der Bundesrat einen gewissen Gottfried Semper (Baumeister der Semperoper Dresden) zum ersten Architekturprofessor des Polytechnikums ernannt hatte. Ursprünglich war er von Deutschland nach Zürich geholt worden als Begutachter und Experte für die Wettbewerbsentwürfe der heutigen Eidgenössische Technische Hochschule ETH. Semper beurteilte die Entwürfe kurzerhand als ungenügend, entwickelte selbst ein Konzept und setzte es um. Viele seiner Schüler - die so genannten Semperschüler - wurden weltbekannte und erfolgreiche Architekten.

Danach folgten die beiden Weltkriege und eine eher ruhige Phase der Hotelarchitektur, besonders in der Schweiz. Die Hotels waren, im Gegensatz zu Häusern in vielen ausländischen Destinationen, bereits gebaut und standen leer. So verwundert es nicht, dass einer der grössten Architekten der Moderne zwar aus der Schweiz stammte, jedoch nie ein Hotelobjekt bauen durfte. Charles Jeanneret, besser bekannt unter dem Pseudonym «Le Corbusier», hatte es als gelernter Graveur und Ziseleur zu Weltruhm und viel Anerkennung gebracht, nicht nur in der Architekturszene. Seine heute noch hoch bewunderten und viel kopierten Designmöbel hätten sicherlich viel Mut von einem Hotelinvestor gefordert. Auch der heute bald 70-jährige Mario Botta - einst emsiger Schüler bei Le Corbusier - kam erst spät mit der Hotellerie in Kontakt, als er für den Hotel-Mäzen Karl Heinz Kipp die Wellness-Bergoase im «Tschuggen» in Arosa bauen durfte, die sicherlich zu den spektakulärsten Bauten in der Hotellerie zählt.

Bauvorschriften, Einsprachen, Denkmalschutz, überhöhte Baukosten oder der fehlende Mut etwas abzureissen führten dazu, dass kaum ein berühmter Schweizer Architekt der Gegenwart sein Können und seine Kreativität an einem von Grund auf neu erbauten Hotel unter Beweis stellen konnte. Umso mehr verstehen es die heutigen Cracks - darunter Tilla Theus, Pia Schmid, Herzog & de Meuron und Heinz Julen -, sich vorwiegend über Modernisierungen bestehender Objekte, Annexbauten oder über die Innenarchitektur und Umbauten von Restaurants einen Namen in der Szene zu machen - «belles preuves de notre époque»!

  
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Christian Caflisch ist Architekt und Hotelier.   (© zvg)
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