dolce vita
02.09.2010
Zürich schlägt Brücken
Alt umarmt Neu: Die Brückenbögen   wurden in eine Einkaufsstrasse umgewandelt.   Anders als bei Berlins Hackeschen Höfen sind die Wölbungen nicht ganz ausgefüllt.
Alt umarmt Neu: Die Brückenbögen wurden in eine Einkaufsstrasse umgewandelt. Anders als bei Berlins Hackeschen Höfen sind die Wölbungen nicht ganz ausgefüllt. (© Ralph Hut/zvg)
Die Umnutzung des Viadukts im Kreis 5 ist Muster für den Wandel des Stadtteils. Nun steht das Herz der Einkaufsmeile, die Markthalle. Es soll laut pulsieren, hofft man dort.
samira zingaro

Eine über 100-jährige Luftaufnahme macht deutlich, wie dominant die steinerne Eisenbahnbrücke den Zürcher Kreis 5 durchschnitten hat. Südöstlich des Viadukts standen Wohnhäuser, nordwestlich erste Industriebauten. Dieser Gegensatz, sagt Ingenieur Claudio Fetz, sei bis heute spürbar und forderte Architekten und Planer heraus. Wie schlägt man die ideale Brücke zwischen der alteingesessenen Quartierseele und dem urban-visionären Geist? Sie kostete 33,5 Millionen Franken und wird dieses Wochenende nach fünf Jahren Planungs- und Bauzeit eröffnet: Aus der alten Eisenbahnbrücke wurde eine 600 Meter lange Einkaufsmeile. Fetz ist für die Bauherrin PWG (Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen) zuständig für die Vermietung und Erneuerung der Bögen. Er weiss: «Wir brauchen die Quartierbewohner als Kunden genauso wie Besucher von ausserhalb. 30 Millionen Franken müssen jährlich mindestens umgesetzt werden.»

Diesen April eröffneten die meisten Geschäfte in den über 33 Bögen, darunter auch ein Restaurant und eine Cafébar. Vervollständigt wird das Viadukt nun durch die Markthalle mit rund 50 Ständen für Frischprodukte und Feinkost. Fix eingemietet haben sich hier nahe der Limmatstrasse unter anderem die Vinothek Südhang, die Delikatessen Metzgerei Wipkingen oder ein Fischspezialist. Und die in Zürich umtriebige Gasometer AG. Sie betreibt dort das Restaurant «Markthalle» mit 120 Stühlen und Platz für 100 Personen im Aussenbereich. Zwei offene Küchen gehören dazu, in der Halle steht eine quadratische Ess-Bar mit weiteren 20 Sitzplätzen. Architektonisch hat man sich an der madrilenischen Gastrokultur der 50er- und 60er-Jahre orientiert. «Eigenwillige Kombinationen», erklärt Cello Rohr, Projektleiter und Mitinhaber der Gasometer AG, die für das Konzept «weit über eine Million Franken» investiert hat. Laut Rohr will man im Gastrobetrieb möglichst viele Produkte aus den dortigen Geschäften und Ständen verarbeiten. Engster Partner wird die Vinothek nebenan sein, der Wein bezieht das Restaurant ausschliesslich von dort. «Es bleibt ein Fragezeichen, wie die Markthalle laufen wird. Davon hängt auch unser Restaurant ab», so Rohr und schiebt nach, er sei vom Projekt überzeugt. Gerade bei der Markthalle forderten nicht nur bauliche Auflagen heraus – die haustechnische Infrastruktur etwa oder das denkmalschützerische Verbot, die Flanierzone zu überdachen –, sagt Ingenieur Fetz. Sondern das Konzept per se: eine Halle, verschiedene Anbieter. «Die Betreiber müssen kooperieren.»

Laut Fetz hätte die PWG die Viaduktbögen innert Kürze nur an Gastronomen vermieten können. «Doch ein Gastrotempel würde nicht in dieses Quartier passen.» Die drei Gastrobetriebe liegen im Viadukt nun gut verteilt. Wie das Konzept Markthalle bei den Zürchern und Besuchern ankommt, wird sich ab diesem Wochenende zeigen. Die Einkaufsläden, weiss Fetz, hätten in den ersten zwei Monaten das Doppelte eingenommen als budgetiert.

  
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500 Meter lange Flanierzone. <nobr>   (© Ralph Hut/zvg)</nobr>
Damals war die Stadt noch Land. <nobr>   (© zvg)</nobr>
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