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1.03.2012
Es fehlt an Nachwuchs
Die Branche kämpft mit einem Nachwuchsproblem. Die Zahl der interessierten Lehrlinge ist im Vergleich zum Vorjahr um 55 Prozent eingebrochen.
Virginia Nolan

Dem Gastgewerbe fehlen Lernende. Im Bereich Dienstleistungen zählte das BBT 1000 Ausbildungsplätze, die für Lehrbeginn 2011 gedacht und im August noch unbesetzt waren. Auch die Hotellerie gehört zu diesem Sektor - und wartet mit einem Überangebot auf. Während im Gastgewerbe laut Bundesamt für Statistik im Jahr 2000 rund 4000 Fähigkeitszeugnisse ausgestellt wurden, waren es, wenn auch bei leicht veränderter Datenbasis, 2010 noch 3230. Laut einer Statistik von hotelleriesuisse ist die Nachfrage nach Lehrstellen gegenüber dem Vorjahr stark eingebrochen. Die Zahl der Anfragen von Interessierten war bis Ende des ersten Vermittlungshalbjahres (August 11 bis Januar 12) um 55 Prozent rückläufig, jene nach Lehrstellen um 44 Prozent. Am schwierigsten sind Koch-Lernende zu finden.

870000 Franken hat hotelleriesuisse 2011 ins Nachwuchsmarketing investiert, als Partner stockte Gastrosuisse die Ressourcen um den gleichen Betrag auf. Wo nicht viel Geld für Marketing übrig bleibe, sei es sinnvoll, Allianzen einzugehen, sagt Peter B. Grossholz, Leiter Berufsbildung bei hotelleriesuisse. «Man spricht vom ‹war for talents› - wir kämpfen aber in erster Linie nicht um Talente, sondern um Leute überhaupt.»

Alexander Scheidegger, Vizedirektor im Flimser «Adula», bietet Ausbildungsplätze in allen Betriebssparten an. Drei von vier sind noch offen. «Es ist schwierig, Restaurationsfachleute zu finden», sagt er, «und fast unmöglich, Köche auszubilden.» Kochlehrlinge zu finden, sei einfacher, als sie zu halten: Die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche den Lehrvertrag vorzeitig auflösten, sei relativ hoch. «Die Arbeitszeiten machen ihnen zu schaffen», vermutet Scheidegger. Obwohl jedes Jahr mit einem Ausbildungsplatz im Angebot, hat das «Adula» in der Küche derzeit keinen Lehrling - im Service gerade mal einen.

Auch Irene Müller vom «Bellevue» in Adelboden bezweifelt, dass sie den Ausbildungsplatz im Restaurationsfach heuer besetzen kann. Damit doch noch Bewerbungen kommen, überlegt sie sich kostenpflichtige Werbung auf Facebook. Das Grand Hotel Giessbach am Brienzersee wirbt in der Hoffnung, die Lücke bei Service und Hotelfach zu füllen, neuerdings im Internet dafür, Jugendlichen, die anderswo den Lehrvertrag auflösten, eine zweite Chance zu geben.

Arbeitskräfte aus Osteuropa als Ersatz

Wer rückt an die Stelle der fehlenden Lehrlinge? «Arbeitskräfte aus Osteuropa», antwortet Hotelier Scheidegger. Kein Betrieb könne sich als Ersatz Fachkräfte leisten. Auch Irene Müller greift auf Praktikanten der Hotelfachschule oder aufs Ausland zurück. Letzteres müsse nicht zu einem Qualitätsproblem führen, findet Scheidegger: «In Osteuropa gibt es viele gut ausgebildete, sprachlich begabte und dienstleistungsorientierte Leute. In Deutschland dagegen ist die Suche in dieser Hinsicht schwierig geworden.»

Dem Zürcher Fünfsternehotel Widder fehlt noch ein Lehrling im Service. «Der Beruf braucht mehr Marketing», sagt die Personalverantwortliche Anja Pagani. Er habe ein Imageproblem, sei aus Sicht der Jugendlichen wenig interessant. Dem widerspricht Peter B. Grossholz. Den Jugendlichen fehle es nicht an Interesse. «Aber wenn sie den Eltern erzählen, dass sie eine Lehre im Service machen wollen, sind die meist entsetzt.» Imagedünkel sei ein Problem der Erwachsenen. Die Hotellerie habe dazu beigetragen, indem sie viele ihrer Berufssparten lange geringschätzte: «Man liess Hilfskräfte Arbeiten machen, die Fachkenntnisse erfordern.» So fehle es mitunter an geschultem Personal, das den Lernenden etwas beibringen könne. «Mit der Qualität der Dienstleistung sinkt das Image eines Berufs.»

Trotz aller Kritik an der Branche: Aufstiegschancen sind gut

«Viele Junge wollen keine Lehre, sondern eine höhere Schule machen», sagt Irene Müller aus Adelboden. Die Beobachtung der Hôtelière deckt sich mit der Erfahrung von Grossholz. «Gymnasien und höhere Schulen gehören zu unserer grössten Konkurrenz», sagt er, «sie werden zu immer grösseren Sammelbecken für Junge, die nicht wissen, welchen Beruf sie ergreifen wollen.»

Um Jugendliche für eine Lehre begeistern zu können, sei es wichtig, dass man sich mit positiven Themen ins Licht rücke. Würden nur Schwierigkeiten betont, gelte schnell die ganze Branche als problematisch. «In der Diskussion über Mindestlöhne geht unter, dass wir auch gute Saläre zahlen», ärgert sich Grossholz. «Und warum rücken wir statt der unregelmässigen Arbeitszeiten nicht die Entwicklungschancen in den Fokus?» Dass diese in der Hotellerie besser denn je sind, zeigt der Weiterbildungskatalog: In allen Betriebssparten gibt es spezialisierte Weiterbildungen sowie Bachelor-, Master- oder Nachdiplomstudiengänge. Wer arbeiten und seine Wege dennoch offenlassen will, ist in der Hotellerie also gut bedient.

  
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