Matthias Ohler, Sie sind Paar- therapeut und haben selbst sechs Jahre lang mit Ihrer Ehefrau ein Hotel geführt. Wie haben Sie das erlebt?
Schwierig und erfüllend zugleich. Die sechs Jahre haben dazu geführt, dass wir nachher nicht mehr verheiratet waren… Das muss jedoch nicht so sein, wenn man ein paar Dinge weiss und beachtet.
Was macht eine Hoteliersehe so schwierig?
Man muss wissen, dass man mit seiner Beziehung nicht alleine ist, es gibt ein gewisses Mass an Öffentlichkeit. Mit dieser sollte man offensiv umgehen, also bewusst Privates kommunizieren, wie: Wir waren im Urlaub, das erste Kind ist geboren. So kann man die wirkliche Privatheit schützen. Die Öffentlichkeit, die Gäste und auch die Konkurrenz wollen etwas über das Hotelierspaar erfahren; wenn man nichts preisgibt, holt die Öffentlichkeit sich die Informationen selbst.
Aber das ist wohl nicht die einzige Schwierigkeit?
Richtig. Wenn man einen Familienbetrieb übernimmt, wie meine Exfrau und ich, dann ist die vorherige Generation häufig noch stark präsent, mit ihren Ansprüchen und Vorstellungen, wie ein Betrieb zu führen ist. Meine Exfrau stand je nachdem mir oder ihren Eltern näher, da gibt es dann viel Unausgesprochenes, welches das Paarleben belasten kann. Wichtig ist, dass man im guten Gespräch bleibt.
Was heisst das konkret?
Es muss einem bewusst sein, dass der Partner ja in einer ähnlichen Situation ist wie man selbst, und dass es nie eine optimale Lösung gibt. Wichtig ist deshalb, dass man gegenüber dem Partner neugierig bleibt und lieber Fragen stellt, als fixfertige Antworten vorzugeben. Liebe ist ein Prozess und kein Zustand.
Wie bringt man eine Geschäftsbeziehung und eine Ehe unter einen Hut?
Privates und Job müssen klar getrennt werden. Im Job agiert man als Geschäftspartner, die erotische Beziehung gehört ins Privatleben. Gut ist, wenn man Fixpunkte fürs Privatleben definiert, Zeitfenster für das private Zusammensein reserviert. Es braucht feste Rituale.
Gibt es Tabus für eine Geschäftsehe?
Es kommt, vielleicht besonders in der Hotellerie, immer wieder vor, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin das Gefühl hat, der bessere Partner zu sein. Darauf darf man natürlich auf keinen Fall eingehen. Dann ist es besonders angebracht, per «Wir» zu kommunizieren und so zu zeigen, dass man als Be- triebsleiterpaar nicht teilbar ist.
Kann eine wirtschaftliche Verknüpfung nicht auch zusammenschweissen?
Unbedingt. Eine Hoteliersehe muss schon alleine aus wirtschaftlichen Gründen langfristig angelegt sein. Entscheidend ist, dass man Erfolge gemeinsam feiert und Misserfolge nicht dem anderen in die Schuhe schiebt, sondern seinen eigenen Anteil am Misserfolg sucht.
Soll ein Hotelier, eine Hotelière lieber einen Partner ausserhalb der Branche zu suchen?
Damit holt man sich unter Umständen zusätzliche Probleme ins Haus. Wenn, dann sollte die Beziehung eher ausserhalb des Hotels gelebt werden.
In der Schweiz wird fast jede zweite Ehe geschieden. Ist die Ehe ein Auslaufmodell?
Das denke ich nicht. Die Ehe hat einen rechtlichen Rahmen und bietet Versorgungssicherheit und Zuverlässigkeit - auch wenn es einem mal nicht so gut geht. In diesen Punkten ist die Ehe als Beziehungsmodell konkurrenzlos.
Trotzdem: Die Scheidungsrate ist hoch. Was macht der Mensch heute falsch?
Die Romantisierung der Beziehung ist ein Problem. Ein tolles Weekend zu zweit ist wunderbar, man darf aber nicht erwarten, dass das 35 Ehejahre andauert. Man muss den anderen und sich selbst realistisch einschätzen und nicht den Anspruch haben, alle Beziehungsprobleme lösen zu müssen.
Gibt es eigentlich eine Alternative zur Ehe?
Nein. Aber es gibt Alternativen für die Rahmenbedingungen. Ich denke, dass die Ehe in eine grössere Gemeinschaft einge- bettet sein sollte. Ein soziales Netzwerk wirkt stabilisierend auf eine Beziehung.
Wir lernen so viel, aber nicht, wie man eine Beziehung führt.
Stimmt. Mathematik kann man auch übers Internet schulen, soziale Kompetenzen lernt man aber nicht via Social Media. Hier wären die Schulen gefordert, Beziehungskompetenzen zu vermittelt. Der Trend wird sicher in diese Richtung gehen.
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