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12.04.2012
Mehr als Business-Stadt
Genf rangiert in Tourismus-Barometern an der europäischen Spitze - nicht nur dank seines internationalen Flairs. Das Weekendgeschäft ist noch entwicklungsfähig.
Robert wildi

An den Wochenenden geraten Genfer Hoteliers ins Grübeln. Leere Zimmer sind dort, wo von Montag bis Freitag im Akkord ein- und ausgecheckt wird, keine Seltenheit. Vergünstigte Tarife, kostenlose Wellness-Behandlungen oder Champagner als Willkommens-Geschenk entfalten nicht die gewünschte Wirkung. Bei einigen Hoteliers macht sich Frust breit: Genf habe eben nichts zu bieten und sei daher am Wochenende leer, sagt einer hinter vorgehaltener Hand.

Die Wahrnehmung deckt sich nicht mit derjenigen namhafter Tourismus-Beobachter, die Genf seit Jahren auch in internationalen Vergleichen immer wieder zu den absoluten Top-Destinationen zählen. So auch beim letzten «BAK Top-Index» der Basler Konjunkturforscher aus dem Jahr 2010. In diesem liegt gesamteuropäisch einzig Barcelona vor Genf. Zürich belegt den fünften Rang, Basel den neunten.

Infrastrukturen im Geschäftstourismus wichtig

Reaktionen von Genfer Hoteliers lassen durchblicken, dass sie den Erfolg vor allem mit dem Bild in Verbindung bringen, das Genf unter der Woche abgibt. «Ich kann mir gut vorstellen, dass die hervorragenden Infrastrukturen unserer Stadt im Bereich des Geschäfts- und Kongresstourismus in der Bewertung eine wesentliche Rolle gespielt haben», sagt etwa Philippe Vuillemin, Direktor im 5-Sterne-Hotel de la Cigogne.

Damit hat er recht. Die BAK-Erhebung ist in verschiedene Kategorien unterteilt. Bei der Rubrik «Attraktivität des touristischen Angebots» belegt Genf «nur» den sechsten Rang und verteidigt diesen gegenüber Stuttgart (7.) und Florenz (8.) nur aufgrund des attraktiveren Angebots im Bereich Geschäftstourismus.

Doch Genf ist auch eine grüne Stadt, verfügt über eine hohe Lebensqualität und ein breit gefächertes Kultur- und Freizeitangebot. Dazu kommt eine malerische Altstadt auf der linken Rhone-Seite, die einen Kontrast zur geschäftigen Neustadt auf der rechten Seite darstellt. Auch solche städtebaulichen Merkmale sind es, welche die Calvin-Stadt in der Fachwelt zu einer Top-Tourismus-Destinationen machen. Die «attraktiven, natürlichen und umweltbezogenen Bedingungen» der Stadt werden im BAK-Sample ausdrücklich gelobt.

Diese Wahrnehmung vertritt auch der Genfer Tourismusdirektor Philippe Vignon ganz dezidiert. «Meetings und Conventions» seien selbstverständlich wichtige Verkaufsargumente für den Genfer Tourismus. «Dazu sind wir auf unserem Stadtgebiet aber auch mit einer der bezauberndsten Landschaften in der ganzen Schweiz beschenkt worden», schwärmt er. Ausserdem sei Genf die internationale Hauptstadt des Friedens und der Freiheit.

Luxus und Lage top, Nachtleben flop

Diese globale Ausstrahlung trage laut Vignon wesentlich dazu bei, dass die Genfer Hotellerie - zumindest unter der Woche - im europäischen Vergleich mit Abstand die höchsten relativen Preise durchsetzen kann. Nicht verwunderlich, dass die lokale Hotelstruktur eine Dichte im Luxussegment aufweist und 15 5-Sterne-Betriebe zählt. Aber der starke Frankenkurs hat zuletzt für Gästerückgänge aus dem europäischen Raum gesorgt und auch Touristen aus dem arabischen Raum kommen zurzeit nicht in der erhofften Zahl. Sehr gut lief im Jahr 2011 hingegen das Geschäft im chinesischen und russischen Markt. Eine gewisse Gästeverlagerung von den Luxushotels zur 4- und 3-Sterne-Hotellerie ist derweil nicht zu übersehen und drückt auf die Umsätze.

Von einer Dumpingpreis-Strategie will man in Genf jedoch nichts wissen. Stattdessen werden im Marketing die Pluspunkte der Stadt noch stärker ins Zentrum gerückt. Für Hotelier Philippe Vuillemin ist zum Beispiel auch die gute Lage und rasche Erreichbarkeit wichtiges Erfolgsmerkmal. Die Nähe zum Flughafen Cointrin mit 130 Direktverbindungen in die ganze Welt sei für die nachhaltige Prosperität des Genfer Tourismus Gold wert. Etwas pulsierender könnten sich einige lokale Touristiker derweil das Nachtleben vorstellen. Um die Stadt für junge, internationale City-Touristen attraktiver zu machen, wäre eine Aufwertung der Ausgangsmöglichkeiten angebracht.

  
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