Schluss mit den vielen Einzelkämpfern: Der Agrotourismus in der Schweiz soll künftig professioneller vermarktet werden. Zu diesem Zweck wurde am 31. Mai die neue Dachorganisation «Agrotourismus Schweiz» formell aus der Taufe gehoben. Im Vorstand sind die drei Anbieterorganisationen «Ferien auf dem Bauernhof», «Schlaf im Stroh!» und «tourisme rural» ebenso vertreten wie der Schweizerische Bauernverband. Fürs Präsidium konnte mit Roland Lymann, Dozent am Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern, ein ausgewiesener Touristiker gewonnen werden. Es wartet viel Arbeit.
Dachorganisation will Übersicht und Transparenz schaffen
Roland Lymann sieht vier Aufgabenfelder: die Zusammenführung der Kommunikation und Werbung, der Aufbau einer Informations- und Buchungsplattform, die Qualitätssicherung sowie die Angebotsbündelung und -entwicklung. «Für mich ist klar, das die Werbung nur noch über Agrotourismus Schweiz laufen sollte», betont Roland Lymann. Doch wie so häufig liegt der Teufel im Detail. So hat beispielsweise die Organisation «tourisme rural» zahlreiche Mitglieder, die keinen direkten Bezug zu einem Bauernhof haben – kleine Hotels und Ferienwohnungen auf dem Lande. «Wir wollen den ländlichen Tourismus sicher nicht ausschliessen, das Label Agrotourismus ist aber zwingend für Angebote reserviert, bei denen der Bauernhof ein wesentlicher Bestandteil ist», so Lymann. «Die andern ländlichen Anbieter können wir beispielsweise über Kooperationen mit den Naturpärken oder der Via Storia einbeziehen.» Bei der Buchungsplattform kann die Dachorganisation auf Bestehendem aufbauen. So sind die Betriebe von «Ferien auf dem Bauernhof» bereits heute bei der Reka integriert und damit auch auf dem Fewo-Marktplatz von Schweiz Tourismus präsent. Punkto Qualitätsmanagement und -sicherung bleibt aber noch viel zu tun. «Wir müssen erst noch festlegen, welche Anforderungen wir an unsere Mitglieder stellen werden», erläutert Lymann. «Das wird auch Weiterbildungen bedingen. Dabei setzen wir aber auf die Zusammenarbeit mit bestehenden Anbietern. Wir wollen und können nicht alles selber machen.» Lymann hat zum Ziel, bis im Frühling 2011 die operative Geschäftsführung auf die Beine zu stellen. Offen ist noch, ob das über eine eigene Geschäftsstelle abgewickelt wird oder ob die Aufgabe eventuell im Mandat abgegeben wird. Parallel dazu läuft die Sicherung der mittelfristigen Finanzierung. «Es stellt sich hier natürlich auch die Frage, in welcher Frist und in welchem Umfang wir über eine steigende Anzahl Mitglieder die Eigenmittel erhöhen können.» Bisher sind erst 700 bis 800 Betriebe organisiert, obwohl man davon ausgeht, dass schweizweit rund 3500 Betriebe im Agrotourismus tätig sind.
Gesetzliche Rahmenbedingungen sind immer noch nicht optimal
Der Schweizer Tourismusverband (STV) beobachtet die neusten Entwicklungen im Agrotourismus interessiert und könnte sich auch vorstellen, die neue Geschäftsstelle im Mandat zu übernehmen oder Räumlichkeiten zu vermieten. «Der Agrotourismus ist ein interessantes Nischenangebot. Er sollte stärker als bisher mit den touristischen Organisationen verknüpft werden», hält Mila Trombitas, stellvertretende Direktorin des STV, fest. Rita Barth, Präsidentin des Vereins Ferien auf dem Bauernhof, hätte da gar nichts dagegen. Sie setzt sich unterdessen aber noch an anderen Fronten ein. So hat beispielsweise die Revision des nationalen Raumplanungsgesetzes im Jahr 2007 doch nicht alle Hemmfaktoren für den Agrotourismus beseitigt. «Vorhandener Raum darf zwar zu Ferienwohnungen umgenutzt werden, eine Küche darf aber nicht eingebaut werden», kritisiert Rita Barth. Das bedeute, dass die Bauernfamilie ihre Gäste immer am Familientisch bewirten müsse. Das sei eine Belastung für die Familie, komme aber auch nicht allen Gästen entgegen. Weiter bemängelt Rita Barth, dass der Agrotourismus noch immer kein anerkannter Betriebszweig der Schweizer Landwirtschaft ist. So wird er bei den Berechnungen der Standard-Arbeitskräfte eines Betriebs nicht miteinbezogen. Dafür wäre eine Änderung des Landwirtschaftsgesetzes nötig.
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