Die weltweite Tourismusnachfrage wächst überproportional, Tiefpreisländer sind gegenüber dem Hochpreisland Schweiz im Vorteil. Doch der Schweizer Tourismus braucht Wachstum - die Frage ist nur, wie viel und welcher Art. Denn zu viel Wachstum führt zu einem Dilemma: Je mehr gebaut wird, desto grösser ist der Verlust des touristischen Kapitals, das heisst der wunderschönen Landschaft, der Natur, der Eigenart und der Ressourcen.
Der nun emeritierte Berner Tourismusprofessor Hansruedi Müller präsentierte Ende Januar an seiner Abschiedsveranstaltung an der Universität Bern sechs Thesen zum touristischen Dilemma und ein mögliches Auswegsszenario mit sechs Wegweisern.
Müllers sechs Thesen zum touristischen Wachstumsdilemma
Hansruedi Müller zeigt an folgenden sechs Thesen das touristische Wachstumsdilemma auf:
1. Das Dilemma ist ungenügend erfasst: Statt monetäre Grössen werden lediglich Logiernächte erhoben, nicht aber die Übernachtungen in der Parahotellerie und den Zweitwohnungen. Auch der Tagestourismus wird nicht erfasst.
2. Der Städtetourismus wächst, der alpine Tourismus stagniert oder schrumpft: Die Städte sind attraktiver geworden, der Gästemix wurde optimiert und die Hotels sind das ganze Jahr über ausgelastet. Alpinen Destinationen machen die starke Saisonalität und der vernachlässigte Sommertourismus zu schaffen. Die Folgen davon sind Rentabilitätsprobleme in der Hotellerie und bei den Bergbahnen.
3. Der Tourismus wächst in unerwünschten Bereichen und höhlt seine eigene Ertrags- und Wertschöpfungskraft aus: Das sind die monetären Folgen des Booms im Zweitwohnungs-, Tages- und im Ferntourismus.
4. Natur und Landschaft geraten zunehmend unter Druck - der Tourismus avanciert zum Klimaschänder Nr. 1: Müller spricht vom «ungebremsten Ressourcen- und Landschaftsfrass» und meint damit den Zweitwohnungsbau. Outdoor-Freizeitaktivitäten rund um die Uhr seien oft infrastrukturlastig und lärmintensiv. Probleme ortet er auch bei der Mobilität. Es werde immer häufiger und weiter Auto gefahren, die Fahrzeuge werden schwerer. Der Flugverkehr verursacht einen hohen CO2-Ausstoss. Und das alles im Umfeld eines hochsensiblen alpinen Tourismus. Alles Einflüsse, die das Gefahrenpotenzial erhöhen.
5. Der alpine Tourismus konzentriert sich auf den Winter - der Sommertourismus serbelt: Es herrscht Bauhektik, Erlebnisarmut, und die Alpen leiden an Imageproblemen. Zudem fehlt vielen Destinationen ein starker Leader für den Sommertourismus.
6. Die Bergbahnen sind zum Wachstum verdammt - sie können kaum schrumpfen: Ein Rückbau von erschlossenen Bergen ist wohl nicht denkbar. Die periodischen Ersatzinvestitionen in die Bahnen bedeuten nicht nur Qualitäts-, sondern immer auch Kapazitätssprünge.
Der Ausweg führt über eine ernst genommene Nachhaltigkeit
Den Ausweg aus dem Wachstumsdilemma sieht Hansruedi Müller in einer ernsthaft verstandenen nachhaltigen Entwicklung. Diese bringe mehr Lebensqualität, Wohlbefinden und wirtschaftlichen Wohlstand. Die Entwicklung sei nur dann nachhaltig, wenn sie mit einem geringeren Einsatz an nicht erneuerbaren Ressourcen sowie einer reduzierten Belastung der Umwelt und der Menschen erreicht werde. Wichtig sei, die Gestaltungsoptionen künftiger Generationen nicht zu beschneiden, sagt Müller.
Er plädiert dafür, Wachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, das quantitative Wachstum einzuschränken. Etwa indem der Verkehr entschleunigt, Rückbauprämien für Bergbahnen beschlossen und der Zweitwohnungsbau restriktiv kontingentiert werden. Weiter ruft er dazu auf, Kooperationen auszubauen und damit die Effizienz zu steigern. Auch soll die Qualität von Service und Erlebnis verbessert, das Innovations- und Qualitätsmanagement intensiviert werden.
Mit der Umsetzung der bestehenden Umweltgesetze, mit einem Öko-Management und mit mehr Unternehmensverantwortung könne der Umwelt vermehrt Sorge getragen werden. Als sechster Ausweg aus dem Wachstumsdilemma sieht er die Menschlichkeit. «Reisen ist ein Human Business.» Die Touristiker müssten also die hohe Kunst der Führungsqualität beherrschen, anpassungsbereit, empathisch und leidenschaftlich sein.
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