Stephan Rieder führt seit 1,5 Jahren mit seinem Kollegen Christopher Rosser das 3-Sterne-Hotel Alpha Thun. Eingestiegen ist er gleich, nachdem er im Herbst 2011 die Hotelfachschule Thun abgeschlossen hatte. Rieder und Rosser führen das Haus in Co-Direktion, beide sind gleichberechtigt. «Wir haben uns die Arbeitsbereiche aufgeteilt: Christopher Rosser ist für das Restaurant zuständig, ich für das Hotel und das Marketing», erklärt Stephan Rieder. Und wenn der eine nicht da ist, übernimmt der andere beide Parts. Kennengelernt haben sich die beiden im Rahmen eines Praktikums, das Rieder in einem Interlakner Hotel absolviert hatte. «Wir wussten also beide, wie jeder von uns arbeitet», so Rieder.
Rieder und Rosser haben für das 38-Zimmer-Hotel, zu dem ein Restaurant mit 120 Innen- und 180 Aussenplätzen gehört, auch das Konzept neu erarbeitet. Das «Alpha Thun», das einem russischen Investor gehört, richtet sich auf zwei Gästesegmente aus: auf 3-Sterne-Gäste, meist Geschäftskunden, und auf solche, die mit den einfachen Zimmern in der «Sleepfactory» zufrieden sind. Das sind oft junge Gäste, die über das Wochenende in der Region einen Anlass besuchen, oder Segler, die auf dem Thunersee ihre Segel hissen. «Im Sommer kommen je länger je mehr auch Touristen.» Viele Gäste bringen dem «Alpha Thun» auch die Thuner Seespiele. «Wir haben hier ein gemischtes Publikum», sagt Rieder. Das gilt auch für das Restaurant, in dem ausschliesslich Produkte aus der Schweiz serviert werden. Das ist bei einheimischen Gästen besonders gefragt.
Flache Hierarchien, lockerer Führungsstil
Die Auslastung zeigt: Die beiden machen ihre Sache richtig. «Mit 65 Prozent liegen wir weit über dem Thuner Durchschnitt.» Zu Beginn, erinnert sich Stephan Rieder, sei der Sprung ins kalte Wasser nicht ganz einfach gewesen. «Wir wurden von den Lieferanten und Partnern nicht ganz ernst genommen. Man traute uns nicht zu, das Hotel führen zu können.» Doch das anfängliche Misstrauen habe sich schnell gelegt. Dass er vor der Hotelfachschule auch noch eine Koch- und Servicelehre absolviert hatte, habe ihm sehr geholfen, den Praxisalltag zu meistern.
Die Führung seiner Mitarbeitenden bereite ihm keine Probleme, sagt er, «ich habe schon im Praktikum Mitarbeitende geführt». Sein Team hat ein Durchschnittsalter von 23 Jahren, jeder und jede mit einem anderen Charakter. Klar entstünden da immer wieder Probleme, doch die liessen sich gut meistern. «Wir haben flache Hierarchien und pflegen einen offenen, lockeren Führungsstil, erwarten von unseren Mitarbeitenden, dass sie mitdenken und sich einbringen.» Obwohl er und Rosser mit allen Mitarbeitenden - Lernende ausgenommen - per Du sind, bleibe der gegenseitige Respekt gewahrt. «Sonst wird sofort darüber diskutiert.»
In der Theorie einfach, in der Praxis schwieriger
«Es gibt doch viele Dinge, die ich dazulernen musste. Auch wenn wir das Prinzip in der Hotelfachschule vermittelt bekamen. In der Praxis bin ich jedoch mit ganz anderen Zusammenhängen konfrontiert.» Rieder spricht da etwa das Vertragswesen an, die AHV-Abrechnungen und die Lohnabrechnungen. «Grundsätzlich sind die administrativen Aufgaben für mich die grösste Herausforderung.» Alles in allem, sagt er, habe ihn die Hotelfachschule Thun gut auf seine Praxis vorbereitet. Einzig das Online-Marketing und die Social-Media-Kanäle seien etwas zu kurz gekommen. «Doch das hat die Schulleitung inzwischen geändert.»
«Ich war mir während meiner Studienzeit an der Hotelfachschule zu wenig bewusst, dass der Schulabschluss nur als Zwischenschritt gewertet werden kann. Der Beweis steht erst an, wenn man selber einen Betrieb führt. Das heisst, die grosse Arbeit erfolgt erst nach Schulabschluss.» Ein Hotel zu führen, erfordere sehr viel Einsatz, «das ist vielen jungen Hoteliers nicht bewusst. Letztes Jahr beispielsweise hatte jeder von uns nur zwei Wochen Ferien.» Seine beruflichen Ziele? «Ich möchte weitere Erfahrungen sammeln, auch in grösseren Hotels.»


Soll ich oder soll ich nicht? Der Entscheid, den elterlichen Betrieb zu übernehmen, ist nicht einfach. Immer weniger Junge tun es.



