Mathias Binswanger, macht Wachstum glücklich?
In reichen Ländern wie der Schweiz führt Wirtschaftswachstum nicht mehr dazu, dass die Menschen im Durchschnitt glücklicher oder zufriedener werden. Das ist nur der Fall in Entwicklungsländern, wo die Grundbedürfnisse eines grossen Teils der Bevölkerung noch nicht gedeckt sind.
Wenn die Bautätigkeit so weitergeht, ist bald die letzte freie Fläche der Schweiz zugepflastert. Was tun?
Es braucht hier Beschränkungen, wofür in der Schweiz die gesetzlichen Grundlagen zu einem grossen Teil existieren: Zonenpläne und Raumplanungsgesetz. Allerdings hapert es häufig in der konsequenten Umsetzung auf Gemeindeebene, es bleibt Organisationen wie dem Heimatschutz überlassen, diese Gesetze zur Geltung zu bringen. Sinnvoll ist auch eine Beschränkung des Zweit- wohnungsbaus, wie dies in der Initiative von Franz Weber gefordert wird. Dies käme auch der Hotellerie zugute.
In der Hotellerie herrscht Investitionsstau. Ohne Investi- tionen werden keine Renditen erzielt. Ein Dilemma…
Wenn man Überkapazitäten hat, dann ist ein Investitionsstau die ökonomisch logische Folge. Rendite entsteht nicht nur durch neue Investitionen, sondern auch durch die bessere Nutzung vorhandener Kapazitäten. Solange die Stärke des Schweizer Frankens andauert, ist kaum mit einem weiteren Tourismusboom und deshalb auch nicht mit grossen Investitionen zu rechnen.
Die Verschuldung steigt…
Verschuldung ist an sich kein Problem, sondern normal in einer wachsenden Wirtschaft. Dies liegt an der zeitlichen Natur des wirtschaftlichen Prozesses, wo man zuerst Geld für Investitionen ausgeben muss und die entsprechenden Einnahmen erst zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Problematisch wird die Verschuldung dann, wenn kein Wachstum mehr stattfindet und die Kredite nicht produktiv verwendet werden.
Natur und Ressourcen werden zunehmend geplündert. Geht es auch anders?
Es gibt grosse Potenziale zur Entkopplung des Wirtschaftswachstums von Natur- und Ressourcenverbrauch, die bisher nicht genutzt werden, vor allem auch weil es sich ökonomisch gar nicht aufdrängt. Nach wie vor sind Ressourcen relativ billig.
Wie viel Wachstum braucht der Tourismus?
In einem Land wie der Schweiz braucht der Tourismus kein grosses Wachstum, da er sonst an dem Ast sägt, auf dem er sitzt. Man kommt ja vor allem in die Schweiz wegen der Schönheit der Landschaft und der Natur, weiteres Wachstum gefährdet die Einmaligkeit der Schweiz. Statt um Wachstum geht es mehr darum, bestehende Kapazitäten den Gäste-Bedürfnissen anzupassen.
Das Gefälle arm-reich wird immer grösser. Wie sehen Sie die künftige Entwicklung?
Im grossen Ganzen ist dieses Gefälle in der Schweiz kaum grösser geworden, wenn wir von den paar wenigen Prozent der ganz Reichen absehen. Die Mehrheit der Bevölkerung zählt hier nach wie vor zum Mittelstand, und das wird in nächster Zeit auch so bleiben.
Noch effizienter, noch rentabler, zunehmend Arbeitslosigkeit und Stress. Wo sehen Sie einen Ausweg?
Es sollte heute nicht mehr darum gehen, ein maximales Wachstum anzustreben. Dies macht ökonomisch nur dann Sinn, wenn es etwas zum Glück und zur Zufriedenheit der Bevölkerung eines Landes beiträgt. Auf der andern Seite führt das Streben nach maximalem Wachstum auch zu stets höheren Risiken, was uns in letzter Zeit einige Krisen beschert hat. Solange die Wirtschaftspolitik aber nur auf möglichst hohes Wachstum ausgerichtet ist, wird sich das nicht ändern.
Stillstand gleich Rückschritt. Sehen Sie das auch so?
So wie die Wirtschaft heute funktioniert, stimmt dieser Satz mehr oder weniger. Allerdings ist das keine Notwendigkeit. Frühere Gesellschaften haben jahrhundertelang ohne Probleme mit wirtschaftlichem Stillstand gelebt, ohne dass es zu einem Rückschritt kam. Wenn man nur wächst um des Wachstums willen, dann macht man auch sehr viel Unsinn, den man längerfristig bereut.
Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Privatdozent an der Uni St. Gallen. Das Interview wurde schriftlich geführt.
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