hotelarchiv
02.09.2009
Grand Hotel, Brissago (TI)
Ansichtskarte von 1938
Ansichtskarte von 1938 (© Hotelarchiv Schweiz/zvg)

Das 1906 eröffnete Grand Hotel in Brissago war vom Architekten Paolito Somazzi aus Lugano entworfen worden. Der Erbauer etlicher Luganeser Hotels schuf eine in der bewegten barocken Formensprache begründete, fünfteilige Fassade, beeinflusst durch die Formen des Jugendstils in der Ausstattung (Verglasungen, Fassadenschmuck). Die Zimmer des grossen Gebäudes lagen auf beiden Seiten des zentralen Mittelganges. Auf 200 Gästebetten waren bereits 40 Bäder und WC's mit fliessendem Wasser eingebaut, ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den noch kurz zuvor eröffneten Grand Hotels in Lugano mit zwei bis vier Etagenbädern.

Das Grand Hotel entwickelte sich in den ersten Jahren äusserst erfreulich und es wurde zum Aufenthaltsort zahlreicher Berühmtheiten der europäischen Literatur. Thomas Mann, Ernest Hemingway, Hermann Hesse, Wladimir Nabokov und Erich Maria Remarque liessen sich von der Atmosphäre des Hauses verzaubern. Hans Georg Wels, der in einem seiner Romane den Ersten Weltkrieg voraussagte, liess dessen Friedenskonferenz im Grand Hotel Brissago stattfinden. Er hatte sich nur um wenige Kilometer getäuscht: 1925 wurde der Frieden im Grand Hotel Locarno besiegelt und man berichtet, die ersten Kontakte zwischen dem deutschen Reichskanzler Gustav Stresemann und dem französischen Premier Aristide Briand hätten im Grand Hotel Brissago stattgefunden.

Nach einer schwungvollen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen mit viel deutscher Prominenz diente das Grand Hotel seit 1943 als Internierungsheim für Flüchtlinge. Dann wurde es vorübergehend geschlossen, bis 1958 die Hotelnutzung nochmals begann. Fehlende Investitionen durch die Eigentümerschaft führten aber zur endgültigen Schliessung auf das Ende der Sommersaison 1971. Es war die Zeit, in der solche «alten Hotelkästen» kein Renommee mehr hatten. Dann stand das Hotel leer; der fehlende Unterhalt und zahlreiche Vandalenakte führten zu einem rapid sich steigernden Verlust der Bausubstanz. Initiativen zur Rettung, Sanierung und Wiedereröffnung blieben erfolglos; kaum jemand sah in diesen alten Mauern eine Zukunft. Ein Grossbrand vom 4. April 1983, der die oberen Geschosse und das Dach zerstörte, besiegelte das Schicksal des Grand Hotel von Brissago endgültig: Im Jahre 1993 - zu einer Zeit, in der man sich andernorts in der Schweiz längst wieder an die Sanierung historischer Hotelbauten wagte - wurden die verbliebenen Brandruinen abgetragen.


Weitere Literatur zum Grand Hotel in Brissago:

Flückiger-Seiler, Roland: Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit. Schweizer Tourismus und Hotelbau 1830-1920. Baden 2003. Seiten 150-153.

Nestler Monica: Grand Hôtel Brissago 1906-1989. Brissago/Zürich 1989.

Werbung
Weitere Bilder zum Artikel
Ansichtskarte von 1925 <nobr>   (© Hotelarchiv Schweiz/zvg)</nobr>
Aktuelle Themen