meinung
09.09.2010
«15 Prozent mehr lächeln»
Jürg Schmid steht seit Juni wieder an der Spitze von Schweiz Tourismus.  Als «Wiedereinsteiger» hat er die Schweiz genau angeschaut. Und plant «organisatorische Feintunings».
Jürg Schmid steht seit Juni wieder an der Spitze von Schweiz Tourismus. Als «Wiedereinsteiger» hat er die Schweiz genau angeschaut. Und plant «organisatorische Feintunings». (© Alain D. Boillat)
Mit geschärftem Blick leitet Jürg Schmid wieder Schweiz Tourismus. Der Euro macht ihm Sorgen, die Chinesen bereiten im Freude.
Elsbeth Hobmeier

Jürg Schmid, Sie sind seit 100 Tagen erneut ST-Direktor. Hat Ihr SBB-«Stage» den Blick geschärft?

Der kurze Blick von aussen war ein Privileg. Ich habe die Schweiz bereist und mit den Top-90-Touristikern gesprochen. Dies wird in die Strategiedefinition der Zukunft einfliessen.

Welches sind Ihre Ziele für 2010?

Kurzfristig wollen wir das für den Winter bereits Lancierte gut ins Ziel tragen. Wir müssen eine starke Flanke gegen den schwachen Euro bieten. Im Herbst sind ein paar organisatorische Feintunings geplant, um das 2011 frisch und stark anzutreten.

Einschneidende Massnahmen?

Spürbare, aber nicht einschneidende. ST ist gut aufgestellt und hat keine revolutionären Veränderungen nötig. Jedes Unternehmen muss ab und zu die Rahmenbedingungen überprüfen.

Was sind die wichtigsten Eindrücke Ihrer grossen Schweizreise?

Es war begeisternd, wie viel gute Arbeit geleistet wird und wie viele engagierte Leute ich treffen durfte. Doch ich sah auch, dass die Branche in grundlegendem Wandel begriffen ist. In fast jedem Tal findet eine Strukturdiskussion statt – erfolgreich oder blockiert. Die kleinen Tourismusbüros müssen verschmelzen. Das tönt einfach, aber es geht um Menschen und Emotionen. Auch technologisch verändert sich unglaublich viel, das Tempo ist horrend. iPhones und iPads führen zu neuen Marktplätzen, es werden Dienstleistungen von ST erwartet.

Und die Landschaftszerstörung?

Im Alpenraum ist die dringende Frage des Zweitwohnungsbaus noch nicht gelöst. Hier sind jetzt die Kantone und Gemeinden gefordert. Nachhaltig reisen wird immer wichtiger, die Schweiz darf ihre Naturschönheiten nicht kaputt machen.

Was meinen Sie zur Klage, ST vernachlässige die Städte?

Wir stehen in einem Verteilkampf. Jeder will mehr Mittel, mehr Support von ST. Dieser Konflikt lässt sich nicht lösen. Rund 12% der gesamten Übernachtungen sind städtische Freizeitübernachtungen, 2011 werden wir 15% unseres Budgets dafür einsetzen. Wir tun also etwas. Die Städte haben mit dem Trend zu kürzerer Aufenthaltsdauer grosse Chancen. Sie sind das Tor zu den Alpen, dies zieht ausländische Gäste an.

Eine der grössten Sorgen bereitet der starke Franken und schwache Euro. Wo führt das hin?

Sicher nicht auf einen Glückspfad, aber auch nicht ins Elend. Der Schweizer Tourismus ist konkurrenzfähig, das zeigen die Juli-Zahlen mit plus 5,3% Logier-nächten. Währungsänderungen haben stets einen Verzögerungseffekt. Die erste Euro-Welle haben wir gut verdaut, die zweite werden wir ab Spätherbst zu spüren bekommen. Wir sind 15% teurer, aber nicht 15% besser geworden.

Was ist zu tun?

Preissenkungen sind keine Lösung. Gefragt sind attraktive Angebote. Als Antwort auf den Euro gibt’s nur topsolide Arbeit und Freundlichkeit. Wir müssen jetzt noch 15% mehr lächeln!

Kommt die Rettung aus China mit +35% Übernachtungen im Sommer?

Nicht die Rettung, die Zukunft. Der Chinese kann den Deutschen nicht wettmachen. Aber wir werden 2010 weit über 500000 Übernachtungen aus China haben, allein im Juni und Juli eine Zunahme um 92 Prozent! Die Chinesen lieben die Schweiz. Die Ausgaben pro Kopf sind die zweithöchsten – beim Shoppen, aber noch nicht in der Hotellerie.

In der Hotellerie bevorzugen die Chinesen eher das Billigsegment?

Sie kommen halt fast nur über Tour-Operators, und die verhandeln knallhart. Aber der Chinese neigt zunehmend zum längeren Aufenthalt und zu etwas mehr Schweiz im Programm, und damit zu mehr Qualität.

Die Hotels müssen jedoch auf spezielle Bedürfnisse eingehen?

Ja, sie müssen bereit sein, mit Reiseveranstaltern zu arbeiten, und sich gastronomisch anpassen. Der Chinese isst kein Konfibrot, sondern er will Grüntee, Reis und Suppe zum Frühstück.

Bleiben wir beim Geld: Heute erhält ST vom Bund 190 Mio Franken, möchte aber 50 Mio mehr. Ist das realistisch?

Wir möchten total 227 Mio. für 4 Jahre. Der Tourismus ist durch die Währungslage gefordert wie noch nie, und wir haben so grosse Chancen in fernen Märkten wie noch nie. Die Branche muss sich jetzt, in der Phase der Vernehmlassung, geschlossen Gehör verschaffen.

Das Wanderland Schweiz wird von der UBS gesponsert. Ist deren Engagement für die Formel 1 ein Widerspruch?

Die Zusammenarbeit mit ST bezieht sich einzig auf den Markt Schweiz. Bis heute verteilte die UBS über 500000 Wanderverführer, das ist beste Promotion. Ich bin dankbar für diese Partnerschaft.

  
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