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meinung
21.06.2012
Das Hamsterrad verlasssen
Glückscoach Ernst Wyrsch: «Es ist ein Grundübel, dass der Hotelier zu wenig zu sich selbst schaut.»
Glückscoach Ernst Wyrsch: «Es ist ein Grundübel, dass der Hotelier zu wenig zu sich selbst schaut.» (Bild: Bilder: zvg)
Die Hoteliers sollen sich mehr Zeit für sich selbst nehmen, um glücklich zu sein. Dies rät der frühere Davoser Hotelier und heutige Glückscoach Ernst Wyrsch.
Daniel Stampfli

Ernst Wyrsch, sind Sie heute glücklich?

Ich war schon immer ein glücklicher und zufriedener Mensch, ein Glückskind, das mit viel Goodwill geboren wurde. So gesehen strebe ich keinen speziellen Schub an Glücklichsein an. Jetzt bin ich glücklich, dass ich seit Kurzem etwas Neues mache. Ich habe die Hotellerie jedoch nicht verlassen, weil ich nicht mehr gerne Hotelier war. Sondern weil ich Lust auf etwas Neues verspürte.

Also waren Sie auch als Hotelier glücklich?

Ja, sehr. Ich war mit Leib und Seele sowie mit viel Herzblut Hotelier. Es ist der schönste Beruf der Welt. Deshalb werde ich im nächsten Leben wieder Hotelier. Menschen glücklich zu machen, ist etwas vom Edelsten. So betrachtet hatte ich mit Sicherheit den richtigen Beruf. Aber im Alter von 50 Jahren wollte ich etwas Neues anpacken.

Warum wurden Sie gerade Glückscoach? Was befähigt Sie, den Leuten das Glücklichsein beizubringen?

Als Glückscoach habe ich die Aufgabe, Menschen zu begleiten, die sich in einem Hamsterrad befinden. Es geht darum, sie hinauszubegleiten und die Lösungen zu aktivieren, die jeder Menschen selbst in sich hat. Ich bin aber kein Glücksapostel, der weiss, was richtig oder falsch ist, sondern ich halte den Leuten den Spiegel vor und helfe ihnen, das Hamsterrad zu verlassen.

Beschreiben Sie den glücklichsten Moment Ihres Lebens.

Es sind zwei ganz private Ereignisse: die Heirat mit meiner Gattin Sylvia in Sils Maria und die Geburt unserer beiden Kinder. Solche Momente lassen sich durch nichts toppen.

Im Rahmen des WEF hatten Sie das Glück, viele interessante Persönlichkeiten kennenzulernen. Welches war Ihr interessantester und glücklichster prominenter Gast im «Belvédère»?

Die interessantesten Gäste waren Bill Clinton, Nelson Mandela und Muhammad Ali. Mein glücklichster Moment am WEF war eine Jam-Session morgens um halb vier mit Lionel Richie, Gilberto Gil, Bono und Quincy Jones in einem intimen Rahmen vor etwa bloss zwanzig Personen. Da schwebte ich auf Wolke sieben, denn es war musikalisch betrachtet wie die Champions League hoch drei. Da kamen mir vor Emotion die Tränen.

Und Ihr glücklichster prominenter Gast im «Belvédère?

Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho strahlt von seinem Wesen her sicher sehr viele Glückshormone aus. Und Bill Clinton habe ich während 15 Jahren nie unglücklich gesehen.

Sind Spitzenpolitiker und Top-Manager glückliche Menschen?

Dies lässt sich nicht verallgemeinern. Viele Politiker und viele Wirtschaftsleute befinden sich in einem unsichtbaren Hamsterrad, sind sich dessen aber nicht bewusst. Dies frisst ihnen viel Zufriedenheit und Glück weg. Wer permanent fremdbestimmt funktioniert und sich nie Zeit für sich selbst nimmt, hat es sehr schwer, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten.

Im Showbusiness ist es wohl ähnlich.

Ja, generell schon, obwohl es gute Ausnahmen gibt. Michael Douglas oder Richard Gere etwa machen mir einen sehr geerdeten und balancierten Eindruck. Angelina Jolie hingegen wirkt eher getrieben. Die Hollywood-Stars sind mit ihrer Performance sehr auf die Wirkung nach aussen orientiert. Sie haben dauernd Angst, Fehltritte zu begehen.

Wie sieht es bei Ihren früheren Berufskollegen, den Hoteliers, diesbezüglich aus?

Unter dem Strich sind die Hoteliers eine der spannendsten Menschengattungen. Sie sind tendenziell extrovertiert, haben starke Meinungen und haben die permanente Aufgabe, sich bei den anderen einzubringen. Ein Hotelier kann nie von sich aus seine Aufgabe definieren, sondern muss dies immer vom Gast aus betrachtet tun. Klar gibt es auch Hoteliers, die sich im problematischen Hamsterrad drehen. Dabei habe ich aber oft das Gefühl, dass diese nicht ungern darin sind, so haben sie etwas zum Jammern.

Was raten Sie den Hoteliers, um im Job und privat glücklich zu sein?

Mehr Ich-Zeit auf Kosten der Sozial- und Arbeitszeit zur Verfügung haben. Das heisst, nicht unbedingt mehr Zeit mit der Familie verbringen, sondern Dinge tun, die ihnen persönlich gut tun. Es ist ein Grundübel, dass der Hotelier zu wenig zu sich selbst schaut. Die Belastung für Gesellschaft, Familie und Gäste ist dann am grössten, wenn man nicht ausgeglichen ist. Ist man hingegen ausgeglichen, ist man für alle ein Gewinn.

Ist im Berufsleben nicht die Motivation wichtiger als das Glücklichsein?

Die richtigen Werte-Motivationsfaktoren sind dabei entscheidend. Wichtig ist, dass ich tun kann, was meinem Werte-Inventar oder meinen Stärken entspricht. Viele Menschen sind auch hier fremdbestimmt, das heisst, sie definieren ihre Ziele nicht selbst. Menschen, die keine Ziele haben, leben und arbeiten für Menschen mit Zielen. Die Frage ist nämlich: Definiere ich meine Ziele selbst oder lasse ich sie mir von anderen Menschen vorschreiben?

Zur Person: Vom Top-Hotelier zum Glückscoach
Ernst «Aschi» Wyrsch (51) war von 1996 bis 2011 Direktor im Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos. Im Fünfsternehaus beherbergte Wyrsch jeweils auch das Weltwirtschaftsforum (WEF) mit 220 Anlässen in fünf Tagen - und sorgte damit für das Wohlbefinden wichtigster Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft, von Bill Clinton (siehe Bild oben rechts) bis Nelson Mandela. Heute ist Ernst Wyrsch Dozent und Experte der St. Gallen Business School für Leadership, Motivation und Glück. Ausserdem ist er Mitbegründer der Glücksakademie und seit 2003 Ehrenpräsident Hockey Club Davos. Ernst Wyrsch ist Verwaltungsratspräsident des Arosa Kulm Hotels und VR-Mitglied der Lenzerheide Marketing und Support AG. Wyrsch wohnt mit seiner Familie in Davos.

  
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