meinung
08.07.2010
Der schmale Grat zwischen zu viel Angebot und zu wenig Inhalt (2/2)
Hanspeter Schneider ist Geschäftsführer von Via Storia und erarbeitete das Inventar historischer Verkehrswege. «Der Inhalt eines Angebots ist entscheidend», sagt er.
Hanspeter Schneider ist Geschäftsführer von Via Storia und erarbeitete das Inventar historischer Verkehrswege. «Der Inhalt eines Angebots ist entscheidend», sagt er. (© Alain D. Boillat)

htr: Der Bund hat kürzlich seine Wachstumsstrategie präsentiert, aber auch eine Verlagerung der Gelder angedroht.

Schmid: Endlich sieht man unsere Branche als Wachstumssektor! Dass man aber den Nachholbedarf so definiert, dass wir Marktanteile verlieren, ist für mich eine inkorrekte Folgerung. Die Schweiz war schon früh ein Tourismusland und verliert darum logischerweise Marktanteile an neue Teilnehmer, wie Thailand, China oder der Mittlere Osten. Dies auch beim allerbesten Job, den wir machen. Die Menge bringt es nicht, wir müssen einen Qualitätstourismus entwickeln, der auch ökologisch stimmt.

 

htr: Via Storia finanziert sich ja auch über Innotour – würde dann ST- Geld zu euch fliessen?

Schneider: Grundsätzlich finde ich das Abschränzen nicht richtig. Innotour ist ein wichtiges Instrument für die Förderung neuer, innovativer Ideen und braucht die entsprechende Förderung.

Schmid: Aber nicht nur. Sonst hat man gute innovative Projekte, aber wegen fehlendem Marketing weiss niemand davon. Das hiesse in Schönheit sterben. Eine Reduktion der Marktpräsenz wäre fatal.

 

htr: Was ist Ihr Ziel?

Schneider: Wir möchten unsere Routen selektiv verkaufen. Die Touristen informieren sich über das Netz, klicken ihre Interessengebiete an und suchen entsprechende Angebote. Die Zugänglichkeit der Informationen wird zum entscheidenden Faktor. Die Elektronik wird immer ausgeklügelter – jetzt braucht es Inhalt. Und ein gemeinsames, optimales Produkt.

Schmid: In Sachen Information sind wir unterschiedlicher Meinung. Wir legen im Wanderverführer 32 Routen an den schönsten Orten der Schweiz vor, täglich 70000 Personen klicken unsere Website an. Auf dem iPhone gibt es eine App mit den Wanderkarten. Die gezielte Suche ist nur für den geübten Wanderer, der genau weiss, wo er was erleben will. Die meisten Leute haben nur vage Vorstellungen. Diese 95 Prozent müssen wir abholen: mit plakativen Erlebniswelten oder auch mit humorvollen Aktionen. Vielleicht sind wir beide ja gar nicht so unterschiedlicher Meinung. Wir reden von einer breiteren Menge und ihr vom erfahrenen «experienced hiker» mit klaren Vorstellungen.

Schneider: Ich bin überzeugt, dass man die flächendeckenden Botschaften von SchweizMobil und Kulturwegenetz auch rüberbringen könnte. Die meisten eurer Routen sind lokal und ohne grosse Bedeutung.

Schmid: Lokal ist nicht schlecht für uns. Wir können nicht ganze Netze propagieren, sondern müssen kleine Teilstücke rauspflücken.

Schneider: Diese Beschränkung auf Tagesausflüge könnte auch ein Manko der Broschüre sein: Geht diese Rechnung touristisch und wirtschaftlich gesehen denn auf?

Schmid: Das Thema Wandern hat im europäischen Raum eine grössere Bedeutung als in Asien. Der chinesische Gast kommt für Sightseeing. Vielleicht gelingt es uns, ihn auf eine Wanderung zu führen. Unsere Broschüre ist für die Primärmärkte, wie Deutschland, Frankreich, Italien, Holland oder UK gedacht, sie spricht Gäste an, die eine Woche hier sind und in dieser Zeit ein- bis zweimal wandern wollen. Mehrtagestouren sind nur für wenige ein Thema. Wir suchen daher das breite Marketing. Dabei geht es keineswegs nur um eine hübsche Verpackung, sondern wir bieten auch viel Inhalt, einfach im richtigen Mix zwischen Cliché und weniger Bekanntem.

Schneider: Die Umwanderung des Welterbes Jungfrau-Aletsch ist so ein Angebot! Drei Wochen mit 21 Tagesetappen…

Schmid: Dreimal eine Woche! Unsere Gletscherpanoramawanderung zum Märjelensee dauert 3,5 Stunden. Das ist der Unterschied. Wir nehmen nur die Perlen.

Schneider: Die lassen wir euch ja auch auswählen, in den 21 Tagesausflügen hättet ihr jede Menge Perlen gefunden.

Schmid: Der Eigertrail ist ein gutes Beispiel, das zeigt: Der Schuss ist voll im Ziel, nicht hinten hinaus. Wir haben einfach eine andere Sicht auf den Schuss. Bei uns ist eine Zweistunden-Wanderung die Perle aus einer Siebentage-Wanderung, die hinauszutragen sich lohnt.

Schneider: Aber die man mit anderen Angeboten kombinieren könnte

Schmid: Kein Problem, wenn einer länger wandern will, dann findet er alles auf dem Web. Aber zuerst muss er Appetit bekommen. Wir sind gar nicht so weit auseinander.

Schneider: Ein schönes Streitgespräch, wenn wir uns so annähern und zuletzt einig sind! Bei künftigen Projekten fliesst vielleicht auch das «früher zusammen reden» ein. Wie geht die Wanderkampagne weiter?

Schmid: Im Sommer 2011 wird das Thema Wandern vertieft. 2012/13 kommt das Thema Wasser dazu. In unserem Land entspringen die grossen Ströme . Wasser ist ein kostbares Gut, das immer wertvoller wird.

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«Ich kann nicht 300 Routen ins Schaufenster stellen. Das ist eine Überdosis.» Jürg Schmid, Schweiz Tourismus <nobr>   (© Alain D. Boillat)</nobr>
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