Corrado Kneschaurek, am kommenden Wochenende schliesst Ihr Hotel Du Lac. Nicht nur für die Wintersaison, sondern definitiv nach 91 Jahren Familienbetrieb. Mit welchen Gefühlen schauen Sie dieser Schliessung entgegen?
Es ist für uns ein sehr emotionaler Moment. Immerhin führen wir das Hotel in der dritten Generation, meine Frau und ich in den letzten 31 Jahren. Diese starke Bindung ans Haus hat uns den Entscheid natürlich sehr schwer gemacht. Wir haben alle Aspekte genau abgewogen.
Warum kamen Sie zum Schluss, den Hotelbetrieb einzustellen?
Es gab eine Reihe von Gründen. Zum einen nähern sich meine Frau und ich dem Pensionsalter. Zum anderen hätten wir enorme Investitionen tätigen müssen, um den Standard des Hotels zu heben und vier Sterne langfristig behalten zu können. Gleichzeitig erhalten wir immer mehr staatliche Regeln und Vorschriften, das reicht von der Hygiene in der Küche bis zur Lifttür, vom Feuerschutz bis zum Schwimmbad. Hingegen hat die öffentliche Hand aber keine planerische Klarheit geschaffen, um uns beispielsweise eine Erweiterung des Hotels zu ermöglichen.
Sie wollten eigentlich ausbauen?
Wir haben uns dies überlegt, weil unser Haus mit 50 Zimmern zu klein ist, um die nötigen Investitionen zu amortisieren. Doch wir hatten keinerlei Klarheit, ob ein Erweiterungsbau auf der anderen Strassenseite möglich gewesen wäre. In sieben Jahren haben sich in der Gemeinde Paradiso vier Planer für den Zonenplan abgelöst. Da fängt man immer wieder von Null an. Dann das ewige Kompetenzgerangel zwischen Kanton und Gemeinde. Irgendwann ist einfach Schluss.
Dazu kamen sicherlich noch andere Gründe.
Auf die Motivation schlagen natürlich auch die ständig steigenden Steuern und Abgaben. Bei uns wurden sie zum Teil verdreifacht, weil wir uns an bester Seelage befinden. Das schmälert den Ertrag. Und dann kam dieses Jahr die Euroschwäche, als fast die Parität zum Franken erreicht wurde. Das war eine Art finaler Schuss.
Fällt es Ihnen schwer, Ihren Beruf als Hotelier aufzugeben?
Sicher. Ich habe das im Blut. Andererseits ist dieser Beruf nicht mehr das, was er vor 30 Jahren war. Ich würde sogar sagen: Es sind zwei verschiedene Berufe. Heute verbringe ich mindestens 50 Prozent meiner Zeit mit bürokratischen Arbeiten und muss irgendwelche Checklisten und Formulare ausfüllen.
Was wird aus Ihrem Hotel?
Es wird in eine Seniorenresidenz umgebaut. Ich hatte früher schon viele Anfragen, weil Investoren das Haus auf Grund der traumhaften Position erwerben wollten, um dort Wohnungen im Stockwerkeigentum einzurichten. Aber das wollte ich nicht, auch wenn ich ein Supergeschäft hätte machen können. Es widersprach meiner inneren Überzeugung. Sonst haben wir wieder kalte Betten, von denen es in Paradiso wirklich schon genug gibt.
Wie wärmen Sie also die Betten?
Wir werden das Haus im Baurecht der Gesellschaft Tertianum zur Verfügung stellen, die bereits Seniorenresidenzen im Tessin führt. Diese vermietet Wohnungen an Senioren und bietet einen Service an. Wir teilen die Philosophie dieser Gruppe. So bleibt Leben im Haus, auch ein öffentlich zugängliches Restaurant. Tertianum würde den Neu- beziehungsweise Anbau ausführen.
Trotzdem: Ein weiteres Familienhotel in Lugano schliesst. Gibt es für Hotels und den Tourismus im Tessin überhaupt eine Zukunft?
Natürlich gibt es eine Zukunft. Aber es ist eine grosse Strukturrefrom im Gang. Hier in Paradiso kommen sogar neue Hotels. Die Accor-Gruppe eröffnet ein neues Haus mit 250 Zimmern. Aber das ist eine andere Art des Hotel-Managements. Es handelt sich um standardisierte Produkte, die weltweit gleich sind. Diese können eine ganz andere Preispolitik fahren.
Also keine Zukunft für die persönlich geprägten Familienherbergen?
Es gibt in Lugano nur eine Handvoll Hotels, die noch von Familien geführt werden. Die anderen sind bereits verschwunden. Hier haben 75 Hotels geschlossen, seit ich im Du Lac Direktor bin, das heisst zwei pro Jahr. Der Zug für bestimmte Hotels ist abgefahren. Unsere Rufe nach Reformen im Tourismus wurden nicht gehört. Ticino Turismo hat eine Discount-Politik verfolgt. Und im Prinzip hat der Tessiner Tourismus immer noch dieselben Strukturen wie vor 20 Jahren. Auch die Rahmenbedingungen haben sich kaum verändert. Man diskutiert noch immer über eine halbe Stunde Verlängerung für die Ladenöffnungszeiten. Und die Politiker erhöhen die Kurtaxe, wenn die Logiernächte zurückgehen.
Das klingt alles sehr pessimistisch. Gibt es keine Hoffnung?
Hier in Lugano gibt es auch eine gewisse Perspektive. Ich denke etwa an das neue Kulturzentrum, das neue Kongress-Messe-Zentrum am Campo Marzio. Aber die kleinen Familienhotels werden alle verschwinden. Es geht kein Weg daran vorbei, die Strukturen des Tourismus grundlegend zu reformieren. Hier im Tessin wird ein lokaler Verkehrsverein nicht aufgehoben, wenn es strukturell nötig ist, sondern erst dann, wenn ein Direktor in Pension geht. Das ist politisch korrekt, aber wirtschaftlich absurd.
Zur Person: Hotelier in dritter Generation
Corrado Kneschaurek (62) gehört zu den bekanntesten Tessiner Hoteliers.
Er war von 1996 bis 2005 Präsident des Tessiner Hoteliervereins und
sass von 1999 bis 2003 für die FDP im Grossen Rat. Das direkt am See
gelegene Vier-Sterne-Hotel «Du Lac» befindet sich seit 1920 im Besitz
der Familie Kneschaurek und wurde von seinem Grossvater gegründet. 1981
übernahm Corrado Kneschaurek mit seiner Frau Cristina die Führung des
inzwischen neu gebauten Hotels. Das Paar hat zwei Kinder. Corrado
Kneschaureks Markenzeichen ist die Fliege.
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