Christian Hunziker, worauf muss sich der Schweizer Tourismus im nächsten Halbjahr gefasst machen?
Die ersten sechs Monate des laufenden Jahres werden sicher nicht einfach. Gefordert wird die Branche weiterhin durch die Frankenstärke und die schwächelnde Konjunktur.
Gilt dies auch für das zweite Halbjahr oder darf man bereits von einer leichten Erholung ausgehen?
Die konjunkturell schwierige Situation in der Eurozone wird auch in der Schweiz ihren Niederschlag finden. Frühestens gegen Jahresende erwarten wir jedoch einen zaghaften Aufschwung.
Wie können die Leistungsträger diese Herausforderungen am besten meistern?
Ein eigentliches Rezept gibt es nicht. Sicher zu empfehlen ist die Pflege und das Halten von Stammgästen. Da auf der Einnahmenseite die Möglichkeiten sehr beschränkt sind, muss wenn immer möglich bei den Kosten angesetzt werden. Hier bieten sich Kooperationen und die Zusammenarbeit von verschiedenen Hotels als schnell wirksame Massnahme an. Durch gemeinsamen Einkauf etwa können bei Lieferanten grössere Rabatte herausgeholt werden.
Bis vor Kurzem war der Städtetourismus noch eine Stütze. Muss jetzt auch in diesem Bereich mit Einbrüchen gerechnet werden?
Ja. Leider wird die Situation auch für die Städte schwieriger. Der Businesstourismus ist zwar weniger währungssensitiv, dafür aber stärker konjunkturabhängig. Erste Anzeichen dieser Entwicklung lieferte bereits die Logiernächte-Statistik für den Monat Oktober 2011. Da zeigte sich erstmals, dass auch die schweizerischen Städte einen Rückgang der Logiernächte verkraften mussten. Also wird im 2012 auch der Städtetourismus nicht ungeschoren davonkommen. Trotzdem erwarten wir eine günstigere Entwicklung in den Städten als in den Ferienregionen.
Gesamthaft betrachtet werden also alle auf der Verliererseite sein. Gibt es trotzdem irgendwo noch Gewinner?
Doch, es gibt auch Gewinner. Wir gehen davon aus, dass der Binnentourismus relativ stabil sein und somit eine nicht unbedeutende Stütze darstellen wird. Zudem sehen wir nach wie vor ein grosses Wachstumspotenzial für die Fernmärkte. Dies insbesondere in Asien. Regionen und Destinationen, die sich darauf fokussiert haben, profitieren davon. Sie können zumindest einen wichtigen Teil des für Westeuropa erwarteten Ausfalls damit kompensieren.
Werden denn die Schweizer bei den attraktiven Preisen im Ausland aufgrund des starken Frankens dem heimischen Markt tatsächlich treu bleiben?
Klar verleitet der starke Franken Schweizerinnen und Schweizer vermehrt zu Auslandreisen. Die Vergangenheit hat aber immer wieder gezeigt, dass Schweizer Gäste treue Gäste sind. Wir gehen auch in Zukunft davon aus, dass sie der Schweiz treu bleiben werden.
Somit werden die inländischen Gäste im 2012 für kein Minus sorgen?
Wir gehen von einem bescheidenen Rückgang für den Binnenmarkt aus. Da bei den ausländischen Gästen - insbesondere aus dem traditionellen europäischen Raum - ein stärkerer Rückgang zu erwarten ist, rechnen wir auch im Total mit einem Minus. Dies trotz einer Zunahme der Logiernächte von Gästen aus den Wachstumsmärkten.
Ein entscheidender Faktor für die Tourismuswirtschaft ist die Währungsentwicklung. Wie lange wird der Franken so stark bleiben, wie er derzeit ist?
Wir gehen zurzeit davon aus, dass es zu einer leichten Entspannung an der Währungsfront kommen wird. Bis Ende 2012 dürfte der Euro bei 1.28 Franken notieren und bis Ende 2013 bei 1.35 Franken. Zeiten mit 1.50 oder gar 1.60 dürften aber definitiv der Vergangenheit angehören.
Und was prognostizieren Sie für den US-Dollar?
Die Entwicklung dürfte ähnlich wie beim Euro verlaufen. Auch gegenüber dem Dollar wird sich der Schweizer Franken voraussichtlich abschwächen. Die alten Höchstkurse sind aber auch hier unwahrscheinlich.
Wenn Sie heute einen Ausblick ins Tourismusjahr 2013 wagen, erwarten Sie gegenüber 2012 wieder eine Erholung?
Es wird tatsächlich nach 2012 zu einer spürbaren Erholung kom- men. Bereits 2013 wird der Tourismus positive Wachstumsraten mit einer deutlich höheren touristischen Nachfrage aufweisen. Dazu beitragen werden der schwächere Schweizer Franken und die verbesserte Konjunktur. Ab 2014 werden auch attraktivere Angebote infolge neuer Projekte mithelfen.
Welche Auslandsmärkte dürften am stärksten von der schwierigen Situation in der Schweiz profitieren?
Westeuropäische Touristen könnten aus Kostengründen vermehrt in Österreich ihre Ferien verbringen. Davon könnte etwa Vorarlberg profitieren.
Im BAK-Topindex belegen regelmässig österreichische Destinationen die ersten Plätze, im Winter mit grossem Abstand. Weshalb sind die Schweizer nicht zuvorderst?
Das Problem der Schweizer Destinationen ist sicher nicht das generelle touristische Angebot. Eine Rolle spielen hingegen die aktuelle Frankenstärke sowie die Struktur der Beherbergungsindustrie. In Österreich ist die Problematik der so genannten kalten Betten viel geringer als in der Schweiz. Hinzu kommt, dass in der Schweiz jedes zweite Hotelbett nicht klassiert ist. Viele Hotelbetriebe stellen sich also keinen standardisierten Qualitätskriterien. Die Schwächen in der Schweizer Beherbergungsstruktur sind auch eine Folge mangelnder Investitionen in den beiden vergangenen Jahrzehnten. All diese Faktoren führen zu einer unterschiedlichen Entwicklung der Übernachtungszahlen.
Somit sagt also der BAK-Topindex nichts über die Qualität der Angebote oder der Destinationen aus.
Nein. Es handelt sich um eine reine Output-Grösse im Sinne eines Benchmarks. Über die Gründe selbst sagt der Index nichts aus.
Zur Person: Von der Geographie zum Tourismus
Christian Hunziker (33) bekleidet seit Anfang 2011 das Amt des
Bereichsleiters Tourismus bei BAK Basel. Hunziker ist seit 2007 bei BAK
Basel tätig, zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter und ab 2009 als
Projektleiter. Zu seinen Schwerpunkt-Themen gehören
Tourismus-Benchmarking, Tourismus-Prognosen, Tourismus-Impact-Analysen
sowie Wirtschaftspolitik- und Strukturanalysen. Christian Hunziker
studierte von 1999 bis 2006 Geographie und Volkswirtschaft an der
Universität Zürich, mit Schwerpunkt Tourismusforschung,
Regionalentwicklung und Wirtschaftspolitik.
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