meinung
16.02.2012
«Ein Unglück kann auch Chance sein»
«Man muss von Altem Abschied nehmen und sich neu orientieren können», sagt Alexandra Townend Genoni.
«Man muss von Altem Abschied nehmen und sich neu orientieren können», sagt Alexandra Townend Genoni. (© zvg)
Alexandra Townend Genoni führt das Hotel Waldheim am Sarnersee als Vertreterin einer 125-jährigen Frauendynastie. Das Schicksal war ihr nicht immer gut gesinnt.
Virginia Nolan

Alexandra Townend Genoni, seit 125 Jahren führt Ihre Familie das Parkhotel Waldheim am Sarnersee. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Wir sind beharrlich. Das bedeutet mehr als zu sagen: Hier bin ich, hier bleibe ich. Wer bleiben will, muss etwas dafür tun, sich ständig weiterentwickeln. Vieles, was sich einst bewährte, geht irgendwann vorbei, ist nicht mehr gefragt. Zum Beispiel der Gruppentourismus mit englischen Gästen, mit dem wir gross geworden sind. Man muss flexibel bleiben, von Altem Abschied nehmen und sich neu orientieren können.

Ihnen blieb oft nichts anderes übrig: Ihre Eltern standen zweimal vor einer Brandruine, 2005 gab es Hochwasserschäden von zwei Millionen Franken. Sie mussten das Hotel für ein Jahr schliessen.

Ja, wir haben ungewollt viel Übung im Krisenmanagement. So wie meine Eltern damals nicht aufgaben, wollte auch ich nicht das Handtuch werfen. Geholfen haben mir mein Dickschädel - und mein Mann, der mich unterstützte. Ein solches Unglück kann aber immer auch eine Chance sein, weil es eine Standortbestimmung ermöglicht.

Inwiefern?

Es stellt sich die Frage, ob man weitermachen will - und weshalb. Man muss ehrlich zu sich selbst sein: Geht es darum, das Familienerbe aufrechtzuerhalten? Das allein genügt nicht. Mich hat das Unglück angespornt, weil ich merkte: Ich habe Kraft, ich habe die richtigen Mitarbeiter, und ich will weitermachen - meinetwegen.

Wie geht es Ihnen heute, in Zeiten von Wirtschaftsschwäche und Frankenstärke?

2011 hatten wir das beste Jahr seit je. Ich erkläre mir das durch treue Gäste und den starken Heimatmarkt. Zudem hat uns der lange, schöne Spätsommer geholfen. Wir sind im Voralpengebiet, da hängt viel vom Wetter ab.

In der Branche herrscht jedoch Krisenstimmung. Wo drückt der Schuh?

Es gibt äussere Faktoren, die den Hoteliers das Leben schwer machen. Etwa die hohen Lebensmittelpreise, die endlich gesenkt gehören. Wichtig ist auch, dass sich die Lohnkosten in einem fairen, aber für uns erträglichen Mass einpendeln. Allgemein sollte sich die Zahl der Vorgaben, die man uns macht, nicht ständig erhöhen. Aber natürlich gibt es Dinge, die am Hotelier liegen. Da sortiert der freie Markt aus, was es heute nicht mehr verträgt.

Zum Beispiel?

Wer nicht freundlich ist, kann nicht überleben. Man darf als Hotelier nicht abgehoben sein, denn der Gast ist heute weniger denn je bereit, sein Geld für Chichi auszugeben. Er will etwas Solides, und eine familiäre Atmosphäre, in der er sich aufgehoben, im besten Fall wie zu Hause fühlen kann.

Mangelt es Schweizer Hoteliers denn an Freundlichkeit?

Im Gegenteil. Ich staune immer wieder, wie freundlich wir in der Schweiz sind. Darum ärgert es mich, wenn man uns von der Gastfreundschaft der Österreicher vorschwärmt. Was die können, pflegen wir hier seit je. Überhaupt: Die Schweiz hat ganz einmalige Qualitäten.

In welcher Art haben sich die Ansprüche der Hotelgäste über die Jahre verändert?

Der Gast von heute ist meist weit herumgekommen, besser informiert und hat mehr Vergleichsmöglichkeiten als früher. Er macht häufiger, aber weniger lange Ferien. In die kurze Dauer muss viel Programm. Die Toleranz gegenüber Unvorhergesehenem, schlechtem Wetter etwa, ist darum kleiner geworden. Früher sind Familien länger geblieben, haben sich im Hotel miteinander angefreundet. Heute fehlt die Zeit dafür.

Eine häufige Behauptung ist, dass Kleinbetriebe wie Ihrer, die weniger als 100 Zimmer haben, langfristig nicht rentieren.

Es kommt nicht auf die Grösse eines Betriebes an, sondern darauf, ob Lage, Konzept und Zielpublikum zusammenpassen. Ein grosser Andrang, wie ihn bekannte Wintersportorte oder Businessdestinationen haben, verlangt nach grossen Hotels. Im Individualtourismus haben kleinere Häuser aber grosses Potenzial.

Seit 125 Jahren liegt das «Waldheim» in weiblicher Hand. Führen Frauen anders als Männer?

Ich persönlich bin der Meinung, dass Frauen weniger auf Befehle als vielmehr auf Kommunikation setzen. Mich erstaunt, dass es so wenige Direktorinnen gibt, zumal die Position die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht. Im Gastgewerbe können wir flexible Arbeitszeitenmodelle schaffen. Ich habe ja auch vier Kinder.

Wird eines von ihnen dereinst das Hotel übernehmen?

Ja, unser Sohn Dante. Er ist 30 Jahre alt, hat eine Kochlehre und die Hotelfachschule absolviert und an vielen Orten Erfahrungen gesammelt. Er soll den Betrieb in zwei, drei Jahren übernehmen. Ich freue mich auf das, was mich danach erwartet. Ich habe so viele Interessen, langweilig wird mir sicher nicht.

Zur Person: Historikerin und vierfache Mutter
Das Parkhotel Waldheim in Wilen OW hat eine bewegte (Familien-)Geschichte. 1886 kaufte es Bertha Stedtfield. Später übergab sie es an ihre Tochter. Bertha Dansky, die einen Russen geheiratet hatte, führte das Hotel nach dessen Tod als Witwe weiter. Es blieb auch nach ihrer Ära in Familienhand. Im Jahr 1990 übernahm die heute 53-jährige Alexandra Townend Genoni das «Waldheim» von ihren Eltern Xenia und Paul Townend-Dansky. Townend Genoni ist studierte Historikerin, Mutter von vier Kindern und mit dem Tessiner Maurizio Genoni verheiratet.

  
Werbung
ihr kommentar zum artikel
Was denken Sie zu diesem Thema? Schreiben Sie einen kurzen Kommentar, Ihre Meinung interessiert uns!


Betreff
Text
Hinweis: Es sind max. 400 Zeichen erlaubt.
   
Name
Email
   
Code
   * Bitte obenstehenden Code eingeben
   
   Ich bin mit den Spielregeln einverstanden


Weitere Artikel aus diesem Ressort