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meinung
1.03.2012
Ferienverein orientiert sich neu
Im Ferienverein ist ein Kulturwandel im Gang. Michael Lüthi zieht nach den ersten 100 Tagen als CEO eine Zwischenbilanz.
Melanie Roth

Michael Lüthi, Ihr Teint verrät: Sie waren in den Ferien. Verraten Sie uns, wo Sie waren?

Natürlich in der Schweiz, im Berner Oberland bei fantastischen Schnee- und Wetterverhältnissen. Es war einzigartig, das Gute liegt so nah.

Waren Sie im Ferienverein-Hotel in Wengen?

(lacht) Nein. Ich weiss nicht, ob ich dort wirklich abschalten könnte. Für die Mitarbeitenden wäre das auch seltsam. Ausserdem plante ich die Skiferien, als ich noch nicht im Unternehmen war.

2006 wurde der Verein zur AG umgewandelt. Hat der Wandel auch in den Köpfen stattgefunden?

Ein Kulturwandel auf allen Ebenen, vom Mitarbeitenden bis zum Gast, ist noch im Gang. Als Verein waren die Hotels prioritär auf die Mitglieder ausgerichtet. So entwickelte sich eine spezielle Kultur, eine Art Community. Das ist heute nicht mehr so ausgeprägt.

Sie haben also weniger Stammgäste?

Das ist von Hotel zu Hotel verschieden. In drei der sechs Hotels ist der Stammgastanteil immer noch bei 80 Prozent. In den anderen sind viele neue Gäste aus neuen Zielmärkten dazugekommen. Gerade in Wengen, wo 2011 ein sehr gutes Ergebnis erzielt wurde, ist dieser Anteil stark gestiegen.

Wie lief das letzte Geschäftsjahr?

Das werden wir am 12. April an der GV mitteilen. Ich kann aber vorwegnehmen: Trotz einem Logiernächterückgang in den Schweizer Hotels konnte das operative Ergebnis der Gruppe gesteigert werden.

In den ausländischen Hotels harzte das Geschäft bis 2010. Ihr Vorgänger sagte vor zwei Jahren in einem Interview mit der hotel revue, man wolle die Hotels verkaufen.

Mit der Entwicklung unserer Hotelanlagen in Spanien und auf Sardinien sind wir sehr zufrieden. Natürlich, das Engagement im Ausland macht unser Geschäftsmodell komplexer. Weil wir in Schweizer Franken konsolidieren, fordert uns der starke Franken doppelt. Jetzt zu verkaufen, wäre aber nicht der richtige Zeitpunkt. Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld sehe ich es eher als Vorteil, geografisch diversifiziert zu sein.

Haben Sie schon umstrukturiert?

Wir überprüfen unsere Strategie. Welche Grundpositionierung macht Sinn? Welche Zielmärkte bearbeiten wir? Sehen wir uns eher als Gruppe oder als Kette? Wie positionieren wir die einzelnen Hotels? Und wir hinterfragen die Dachmarke Ferienverein.

Inwiefern?

Wir stellen in Frage, ob die Marke noch zeitgemäss ist. In Deutschland - ein wichtiger Zielmarkt - redet niemand von Ferien, sondern von Urlaub. Und «Verein» suggeriert einerseits, dass es sich um etwas Exklusives handelt, man fühlt sich ausgeschlossen. Andererseits entsteht der Eindruck von Verpflichtungen.

2010 hiess es, alle Hotelzimmer sollen saniert werden. Wie ist der Stand?

In Sils werden nach der Saison zwei Etagen erneuert, wir investieren 3,5 Mio. Franken in neue Design-Arvenzimmer. Auf Sardinien stecken wir mehrere Hunderttausend Franken in eine neue Réception, Bar und Lounge sowie eine Photovoltaikanlage.

Was ist mit dem Hotel Altein in Arosa? Dort waren Sanierungsarbeiten für den Sommer 2012 vorgesehen.

Die werden vorerst zurückgestellt, die geplanten Kosten waren zu hoch, um sie wirtschaftlich rechtfertigen zu können. Zunächst müssen wir die Strategie überprüfen und nötigenfalls anpassen. Ich kann mir gut vorstellen, die Zimmer nur teilweise zu sanieren, und so auch zwei verschiedene Gästesegmente anzusprechen.

Haben alle Hotels TV im Zimmer? Der Ferienverein investierte lange Zeit lieber in Gemeinschaftsräume.

In drei der sechs Hotels hat jedes Zimmer einen Fernseher. Für die anderen stellt sich die Frage: Lohnt sich diese Investition noch? In Kürze werden die Gäste ihren ausrollbaren Bildschirm mitnehmen und über Internet schauen, was und wann sie wollen. Da macht es mehr Sinn, in W-LAN zu investieren. Für neue Gästesegmente, insbesondere für ausländische Tour Operators, sind Zimmer ohne TV aber ein Killerkriterium. Aber auch hier kann ich mir vorstellen, auf beides setzen.

Steht eine Klassifizierung bei hotelleriesuisse noch zur Diskussion?

Ja, denn gerade bei Online-Buchungsplattformen fällt man ohne Klassifizierung gerne zwischen Stuhl und Bank. Insbesondere die Solbäder machen unsere Hotels jedoch einzigartig - die richtige Klassifizierung fällt schwer und muss gut überlegt sein. Dass unsere ausländischen Hotels von Holiday-Check als Top-Hotels 2012 ausgezeichnet wurden, ist uns aber noch viel wichtiger und ehrt uns sehr. Denn diese Auszeichnung stammt von unseren Gästen.

Michael Lüthi (47) hat nach sechs Jahren bei der BLS-Schifffahrt Berner Oberland im vergangenen Jahr zum Ferienverein gewechselt. Der Ferienverein-CEO ist verheiratet und Vater von Zwillingen.

Der Ferienverein wurde in den 1960er-Jahren von Postangestellten gegründet. 2006 wurde der Verein durch eine Umwandlung in die Poscom Ferien Holding AG vor dem Konkurs gerettet. Zur Dachmarke gehören vier Hotels in der Schweiz (Altein, Arosa; Victoria-Lauberhorn, Wengen; Valaisia, Crans-Montana; Schweizerhof, Sils-Maria), zwei Ferienanlagen im Ausland (Club-Hotel Giverola, Costa Brava; Club-Hotel Tirreno, Sardinien) und die Poscom Tour Operating AG. Noch heute sind die meisten Aktionäre ehemalige Darlehensgeber.mr

  
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