meinung
04.03.2010
«Ich bleibe nahe beim Tourismus»
(© Swiss-Image)
Der oberste «Verkäufer» der Schweiz wechselt die Bühne. Und spricht mit Blick zurück über Zweitwohnungen und Finanzbedarf.
Elsbeth Hobmeier

Jürg Schmid, Ihr Wechsel zur SBB machte Schlagzeilen: «Oberster Billetverkäufer» und «Verkaufstalent» schrieben die Medien. Welcher Titel freute Sie am meisten?

Der Billetverkäufer macht mir Freude. Ich bin gerne Verkäufer, diese Disziplin wird allzu oft unterschätzt. Ich hatte auch Freude am Titel einer Kolumne «Bis jetzt förderte er den Tourismus, neu befördert er die Touristen». Das zeigt, dass sich meine neue Aufgabe immer noch nahe am Tourismus bewegt. Mein Ziel war ja nie, diese wunderschöne Branche zu verlassen.

 

Tatsache ist, dass Sie die Schweiz bei zahllosen Auftritten optimal verkauft haben. Wird Ihnen diese Bühne fehlen?

Die Repräsentation unseres Landes war ein wichtiger Teil meines Jobs. Aber manchmal war mein Herzklopfen auch grösser als die Freude. Fehlen wird mir diese Bühne nicht, zudem (lacht) werde ich auch bei den SBB hin und wieder einen Auftritt haben.

 

Es wird gemunkelt, dass Sie in kurzer Zeit auf dem Stuhl Ihres neuen Chefs Andreas Meyer sitzen könnten

 

Um Himmels willen! Wer sagt denn sowas? Das wäre eine absolut vermessene Absicht. Wir verstehen und ergänzen uns gut, und ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.

 

Ihre Stelle bei ST ist noch offen. Verraten Sie uns Ihren Wunschnachfolger?

Nein, sicher nicht! Ich gehe jedoch mit einem guten Gefühl und bin überzeugt, dass es optimal weitergeht. Schweiz Tourismus ist bestens aufgestellt mit sehr guten Leuten. Gefragt ist jetzt innovative Kontinuität. Das Falscheste wäre, alles verändern zu wollen.

 

Was muss er oder sie unbedingt können?

Begeistern und überzeugen. Und kompromissfähig sein. Die menschlichen Werte sind bei dieser Aufgabe enorm wichtig. Wie auch Erfahrung im Marketing, idealerweise auf internationaler Ebene.

 

Wo sehen Sie die grossen Aufgaben des Schweiz-Tourismus-Direktors in den kommenden drei Jahren?

Der Aufbau und die Dynamisierung des Sommergeschäfts werden zur grössten Herausforderung. Da muss ST eine Leaderrolle übernehmen. Immer wichtiger, weil immer schneller und damit schwieriger wird die Rolle der Technologie: Heute wissen wir noch nicht, welche Form die Information in zwölf Monaten spielen wird. Und die dritte grosse Aufgabe wird die Finanzierung von ST sein.

 

Damit sind wir beim Stichwort Tourismuspolitik 2012: Welchen Finanzbedarf sehen Sie?

Ich kann noch keine Zahl in Franken und Rappen verraten. Aber die Branche wird um mehr Mittel kämpfen müssen, damit die Schweiz am weltweiten Tourismuswachstum partizipieren kann. Die Branche muss zusammenstehen und ihre Stimme für den Tourismus erheben, um dieses für unser Land wichtige Bein zu stärken und zu erhalten. Das Parlament weiss zwar, dass die Mittel bei Schweiz Tourismus sinnvoll eingesetzt sind, aber es darf auch die weltweite Inflation nicht vergessen: Allein unser Büro in China kostet jährlich bis zu 8Prozent mehr.

Und aus welcher Politecke könnte der Widerstand kommen?

Von ganz links und ganz rechts. Ganz rechts geniesst der Tourismus zwar Sympathie, aber die Sparpolitik überwiegt. Und ganz links sieht man ihn oft noch als Feind der Umwelt – was überholt ist, denn heute ist der Tourismus Garant für die Erhaltung der Umwelt und setzt sich für deren Schutz ein.

Diese Nachhaltigkeit fehlt aber beim Zweitwohnungsbau. Welche klare Regelung bräuchte es?

Den Zweitwohnungsbau müssen wir noch in den Griff bekommen. Steuerabgaben und Zwangsvermietung sind einzig Feinsteuerung und Ausdruck von Mutlosigkeit. Trotz langen Debatten über kalte und lauwarme Betten ist keine Lösung in Sicht. Es gibt nur ein Rezept: die Bautätigkeit einschränken, und zwar über die Gesetzgebung. Sanieren und Erneuern von Bestehendem statt neu bauen, müsste die Devise sein. Doch die Baulobby ist stark. Wenn wir unsere Bergtäler in den nächsten 40 Jahren im gleichen Tempo weiter überbauen, dann ist vor allem der Sommertourismus in seiner Existenz bedroht. Dann sieht man alle Bausünden, welche der Schnee im Winter sanft zudeckt.

Würden Sie Ihre Ferienwohnung in Lenzerheide vermieten wollen?

Diese Betten sind warm, wir sind eine grosse Familie und sehr oft dort. Zudem: Eine Vermietpflicht löst das Problem nicht, alle diese Wohnungen sind gebaut, und auch eine Taxerhebung bringt sie nicht zum Verschwinden. Dies mag eine interessante Finanzquelle, kann aber kein Steuerungsinstrument sein. Und: Was geschähe wohl, wenn plötzlich alle Ferienwohnungen zu vermieten wären? Diesen zusätzlichen Markt habe ich leider noch nie angetroffen. Im Gegenteil, wir kämpfen, um alle Hotels zu füllen. Man sollte die Hotellerie und nicht den Zweitwohnungsbau fördern.

Zurück in Ihre SBB-Zukunft: Was werden Sie als Leiter Personenverkehr als Erstes anpacken?

Zuerst werde ich mich einarbeiten und das Unternehmen in all seinen Schattierungen kennen lernen. Erst dann kann ich entscheiden, was ich anpacken und verändern will. Dafür werde ich sicher die berühmten 100 Tage brauchen.

Und worauf freuen Sie sich am allermeisten?

Ich freue mich auf die Menschen, auf ein faszinierendes Unternehmen mit einer grossen Geschichte, das im internationalen Vergleich Spitze ist. Ich freue mich darauf, hier mitwirken zu können. Und freue mich auf Grossprojekte wie Gotthard 2017, eine Chance für den Tessin.

 

Gestern hatte er seinen «Letzten» als Direktor von Schweiz Tourismus, am 1. April tritt er die neue Aufgabe als Leiter Personenverkehr SBB an. Jürg Schmid (47) wird künftig zwischen seinem Wohnort Uitikon-Waldegg und dem Arbeitsort Bern pendeln. Der studierte Betriebsökonom HWV leitete ST seit 1999, vorher war er bei der Softwarefirma Oracle für Europa und den Mittleren Osten tätig. eho

  
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