meinung
09.02.2012
Immer häufiger kombiniert
Jeannine Pilloud, Chefin von 13000 Mitarbeitenden: «Im Schnitt sind in unseren Zügen durchaus genügend Plätze vorhanden.»
Jeannine Pilloud, Chefin von 13000 Mitarbeitenden: «Im Schnitt sind in unseren Zügen durchaus genügend Plätze vorhanden.» (© Guy Perrenoud/zvg)
Nebst Pendlern befördert die SBB auch ausländische Touristen. Jeannine Pilloud, Leiterin Personenverkehr, will die Schaffung attraktiver Angebote forcieren.
Daniel Stampfli

Jeannine Pilloud, wie viele Bahnkilometer legen Sie jährlich zurück?

Es dürften etwa 60000 Kilometer sein. Der allergrösste Teil entfällt dabei auf meinen Arbeitsweg von Zollikon nach Bern. Mit gefällt sehr, dass man immer selbst entscheiden kann, was man während der Bahnfahrt machen will. Das Pendeln ohne Umsteigen bietet einem auch zweimal täglich eine Phase der Entschleunigung. Man kann sich sehr gut auf den Tag einstellen und den Tag auch sehr gut abschliessen.

Neben Pendlern benützen auch Touristen die SBB. Wie hoch ist ihr Anteil am Total der Bahnkunden?

Die Zahl der ausländischen Touristen hängt sehr stark von den Verkehrszeiten und der Saison ab. Schliesst man die Schweizer Reisenden aus, machen sie in den Nebenverkehrszeiten rund 20 bis 30 Prozent aus. Genau kann man die Zahl nicht bestimmen, denn auch innerhalb der in der Schweiz verkauften Tickets verstecken sich zahlreiche Käufe von Feriengästen zu touristischen Zwecken. In den Hauptverkehrszeiten ist es nur ein Bruchteil davon, denn in dieser Zeit verkehren vorwiegend Pendler. Als Zubringer hat die SBB ein Interesse daran, dass die touristischen Bahnen in der Schweiz sehr viele touristische Passagiere befördern. Deshalb ist die Schaffung entsprechender Bahnangebote wichtig.

Auf welche Weise bearbeiten Sie die Auslandsmärkte?

Wir arbeiten mit mehreren Gesellschaften zusammen, dazu gehören auch Unternehmen, an welchen wir beteiligt sind, wie etwa Swiss Travel Systems oder STC. Wir haben eigene Vertriebsfirmen im Ausland, die das Reisen in der Schweiz sowie besondere Angebote vermarkten. Dies ist etwa in den USA, in Kanada oder in Grossbritannien der Fall. Dies sind für uns wichtige Märkte, die wir teilweise zusammen mit Schweiz Tourismus bearbeiten. Wir arbeiten auch sehr eng mit unseren so genannten Schwester-Eisenbahnen in den umliegenden Ländern zusammen, um gemeinsame Angebote anbieten zu können. Sparbillette der Deutschen Bahn etwa kann man auf unserem Netz kaufen und umgekehrt unsere bei der DB.

Mit den italienischen Staatsbahnen funktioniert die Zusammenarbeit aber nicht besonders gut?

Dies ist tatsächlich nicht ganz einfach. Einerseits funktioniert der Verkehr auf der Simplon-Achse recht gut, anderseits sind wir mit der Situation auf der Gotthard-Achse nicht zufrieden. Vor ein paar Monaten haben wir deshalb mit Trenitalia und weiteren wichtigen Partnern im grenzüberschreitenden Italienverkehr ein Abkommen unterzeichnet. Dieses sieht vor, die neue Linie Lugano-Mendrisio-Varese-Malpensa rechtzeitig in Betrieb zu nehmen und den Fahrplan auf den Nord-Süd-Achsen zuverlässiger zu gestalten. Denn wir möchten unseren Schweizer Kunden ermöglichen, dass sie in der inneritalienischen Verkehrsdrehscheibe Mailand ideale Umsteigebedingungen auf den italienischen Intercity-Verkehr antreffen.

Gäste aus den umliegenden Ländern reisen doch eher mit dem eigenen Auto in die Schweiz?

Eine grosse Rolle spielt sicher die Distanz und die Reisezeit. Wir stellen fest, dass immer häufiger kombiniert gereist wird. Das kann Flugzeug und Bahn oder Bahn und Auto sein. Der Mix von Bahn und Auto setzt sich auch in der Schweiz immer mehr durch.

In den Fernverkehrszügen können keine Bahnbillette mehr gekauft werden. Werden Touristen ohne gültiges Billett nun gebüsst?

Unsere Zugbegleiter sind in Sachen Kulanz sehr gut ausgebildet, verfügen über das notwendige Fingerspitzengefühl und wenden den gesunden Menschenverstand an. Sie können gut einschätzen, ob Kunden gerade in der Schweiz eingetroffen sind und deshalb die Billettpflicht nicht kannten. Das funktioniert gut, ich habe bisher keine negative Rückmeldung erhalten.

Zu gewissen Zeiten müssen Passagiere auch in der 1. Klasse mit Stehplätzen Vorlieb nehmen. Dies führt doch zu einem schlechten Image der SBB bei Touristen aus Fernmärkten?

Zu den Hauptverkehrszeiten kann dies tatsächlich geschehen. Die Zugbegleiter sind aber dahin gehend geschult, dass sie ausländischen Reisenden einen entsprechenden Sitzplatz organisieren können. Wenn wir den Load Factor unserer Züge über den ganzen Tag betrachten, stellen wir fest, dass im Schnitt genügend Plätze vorhanden sind. In den nächsten ein bis zwei Jahren bis zur Inbetriebnahme des neuen Rollmaterials können in den Hauptverkehrszeiten die Sitzplätze knapp sein.

Man erhält immer öfter den Eindruck, dass das Bahnfahren immer teurer wird, die Leistung aber gleichzeitig abnimmt. Was antworten Sie diesen Kritikern?

Das Problem ist, dass die Leute nur das betrachten, was sie im Zug selbst vorfinden. Die vielen Infrastrukturprojekte und -ausbauten hingegen sehen sie nicht. Ein erheblicher Anteil des Ticketpreises entfällt auf die Infrastruktur ohne Rollmaterial. Deshalb gibt es nicht für jede Erhöhung des Ticketpreises eine direkt spürbare Komfortverbesserung für den Fahrgast. Kommt dazu, dass das Rollmaterial für eine Dauer von rund 40 Jahren angeschafft wird. Heute setzen viele Leute eine nicht durchgehende Internet-Verbindung mit einem Serviceabbau gleich. All dies ist aber bekanntlich mit Kosten verbunden.

Zur Person: Bahnfahren und  Schwimmen
Jeannine Pilloud (47) leitet seit Februar 2011 den Personenverkehr der SBB und ist für 13000 Mitarbeitende verantwortlich. Sie ist die erste Frau in der SBB-Konzernleitung. Zuvor war sie in leitender Funktion beim Logistikunternehmen T-Systems, einer Tochter der deutschen Telekom, tätig. Jeannine Pilloud, die in Zürich Germanistik, Geschichte und Publizistik studierte und später an der ETH ein Architekturstudium abschloss, ist Vorstandsmitglied von Schweiz Tourismus und ehrenamtliche Direktorin des Schwimmverbandes. Sie wohnt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern in Zollikon bei Zürich.

Höhere Tarife  Im Schnitt um 5,6% teurer
Per 9. Dezember 2012 werden die Tarife im öffentlichen Verkehr um durchschnittlich 5,6% erhöht. Die Billette der 2. Klasse werden um 4% teuer, jene der 1. Klasse um 7%. Stärker schlagen die Preise der GAs auf: 2. Klasse um 6,3% und 1. Klasse um 8,1%. Das Halbtax-Abo für ein Jahr kostet neu 175 Franken (bisher 165 Franken). Unverändert bleiben die Tarife für das Gleis-7-Abo sowie die Junior- und Enkelkarten.

  
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