meinung
04.02.2010
«Jetzt werde ich ein Gastroflüsterer»
Seine Liebe zu den Kräutern brachte Oskar Marti den Namen «Chrüteroski» ein. Nach 25 Jahren hört er nun auf in der «Moospinte».
Seine Liebe zu den Kräutern brachte Oskar Marti den Namen «Chrüteroski» ein. Nach 25 Jahren hört er nun auf in der «Moospinte». (© Alain D. Boillat)
Oskar Marti verlässt Ende Monat seine «Moospinte». Der Pionier der naturnahen Küche will nun als «Gastroflüsterer» und Erfinder eines neuen Getränks von sich reden machen.
Elsbeth Hobmeier

Meine Wünsche sind in Erfüllung gegangen», sagt Oskar Marti. Er lächelt listig unter seinem dichten Bart hervor. Die Vorfreude auf seinen baldigen «Schritt in die dritte Lebensphase» ist ihm von weitem anzusehen. Den nahenden Abschied nach 36 Jahren als selbstständiger Unternehmer und renommierter Spitzenkoch – 25 Jahre in Münchenbuchsee, zuvor 11 Jahre im Entlebuch – nimmt Oskar Marti locker: In drei Wochen tritt er von der «Moospinte»-Bühne ab. Nein, nein, langweilig werde es ihm sicher nicht, sagt er. Und schiebt gleich eine seiner Weisheiten nach, die er nicht nur anderen gerne predigt, sondern auch für sein eigenes Leben als Massstab nimmt: «Wichtig ist, dass man möglichst viele Luftschlösser hat, an denen man bauen kann. Sonst wird man alt.»

Alt fühlen sich der 62-jährige Oskar Marti – auch «Chrüteroski» genannt – und seine Frau Ursula noch keineswegs. Und auch ihre «Luftschlösser» scheinen auf recht solidem Grund zu stehen, wenn man dem Schweizer Pionier der Kräuter- und Blumenküche beim Pläneschmieden zuhört. Sie werden in die Zentralschweiz, nach Meggen, ziehen. Der Garten wird mit 800 Quadratmetern nur noch einen Viertel so gross sein wie in der «Moospinte». Aber Marti wird weiterhin gärtnern und vom Verschwinden bedrohte Pflanzen hätscheln und pflegen: «Wir haben in Meggen schon ein paar schöne Beete angelegt», verrät er, «und letzten Herbst habe ich den ersten eigenen Safran geerntet.»

Seine «Moospinte» zählte mit 17 Gault-Millau-Punkten lange Zeit zu den hoch bewerteten Schweizer Restaurants. Dass ihm im letzten Herbst, ein knappes halbes Jahr vor dem Rücktritt, noch ein Punkt aberkannt wurde, schmerzte schon etwas, aber er tut es ab mit der Bemerkung «Das war die reine Rache». Er sei halt nie pflegeleicht gewesen, weiss er, und habe oft mit Sprüchen wie «Nur Rindviecher und Köche werden bepunktet» gegen diese Führer gewettert. Und dann tischt er Storys auf, wie jene vom Tester, der wegen üblen Benehmens bei ihm Hausverbot hatte. Und von einem anderen, der vorn in der Gaststube den Tagesteller für 22 Franken bestellte, beim Essen die «bessere» Karte studierte und dann im Guide das (nicht genossene) Gourmetmenü beschrieb und wertete.

Oskar Marti hat als Koch, aber auch als begeisterter Wanderprediger für einheimische Produkte, für vergessene Kräuter und Gemüse und für gesundes Essen Schweizer Gastronomiegeschichte geschrieben. Er brachte die Blumen und ihren Duft in die Küche zurück, er kreierte Gerichte mit Rosen-, Flieder-, Veilchenduft. Dafür erntete er nicht nur Anerkennung, sondern oft auch Spott. «Ich wurde oft als Uchrut-Oski oder als Blüemeler verlacht», schaut er zurück – ohne Zorn, er hatte seinen Weg bewusst gewählt. Dass er viel selber erarbeitetes Wissen weiterzugeben hatte, wussten die vielen Köche, die auf ihren Lehr- und Wanderjahren bei ihm Station machten. Insgesamt 93 Kochlehrlinge bildete Oskar Marti aus, «fünf davon mit einer 6!», ist er heute noch stolz.

Künftig will er nicht mehr am Herd stehen – «höchstens mal als Gastkoch» – aber sein Wissen und seine Erfahrung gezielt fürs Wohl der Branche einsetzen: «Ich werde Gastroflüsterer», sagt er sehr überzeugt. Was will er seinen Kollegen flüstern? «Ihnen zeigen, wie man seinem Betrieb ein eigenes Gesicht geben kann», erklärt er. Er wolle nicht nur die Gastronomen und Hoteliers, sondern auch ihre Mitarbeitenden «wachkitzeln und ihre Begeisterung wecken». Ein eigenes Gesicht könnten etwa die Fotos sein, mit denen ein reisebegeisterter Wirt die Wände seines Lokals schmückt, dazu entsprechende Gerichte kocht und von seinen Erlebnissen erzählt. Oder die Harley, die einer statt in die Garage mitten in sein Restaurant stellt und damit anderen Harley-Fans ein Erlebnis und Identifikation bietet.

Der Fantasie von Oskar Marti scheinen keine Grenzen gesetzt – einige Aufträge als Flüsterer habe er bereits, sagt er, und schliesslich müsse er ja «nicht davon leben». Genauso wenig, wie er vom «Cocolino» lebt, der von Oskar Weiss gezeichneten Katze, die den Kindern das Kochen und das gesunde Essen nahe bringt. Sie hat seit Jahren Erfolg, Oskar Marti machte Cocolino-TV-Sendungen und mehrere Bücher. demnächst will die Migros in Cocolino-Kursen «Fachexperten für eine kindergerechte Zukunft» ausbilden. «Ich ziehe den Erfolg an», sagt «Chrüteroski» nicht ganz unbescheiden, «wenn man fest genug daran glaubt, dann kommt’s». Ganz fest glaubt Oskar Marti an sein neustes Produkt, das er bereits in 10000 Flaschen abgefüllt hat und demnächst auf den Markt bringt: ein Getränk namens «Oskar». Es ist ein Traubensaft mit 30 verschiedenen Gewürzen und Kräutern, der von ferne an Kräutertee erinnert.

Vor Schwierigkeiten mit Hollywood fürchtet er sich nicht, «die haben alles rund um den Oscar schützen lassen, nur ein «Naturgetränk ohne Kohlensäure» nicht», schmunzelt er. Und er wäre nicht der Gesundheitsfanatiker, als den man ihn kennt, wenn er nicht sogleich die wunderbaren Auswirkungen seines «Oskar» lobpreisen würde: Sein Traubenzucker regeneriere die Gehirnzellen, fördere die Konzentration, sei gut gegen Vergesslichkeit, schwärmt er. Auf die Kreation brachte ihn eine Meldung, dass in den nächsten Jahren die Existenz von europaweit 25000 Winzern gefährdet sei. «Diese Tragik darf nicht sein, wir müssen neue Wege für den Absatz von Traubensaft suchen», sagte sich Oskar Marti. Einige Weinländer seien bereits an einer Lizenz interessiert...

«Wenn man fest genug an den Erfolg glaubt, dann kommt er», wiederholt er. Es wäre überraschend, wenn es mit genau diesem Luftschloss nicht klappen würde.


 

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