Aymo Brunetti, Sie hatten zuvor als Seco-Chefökonom während dreizehn Jahren die Wirtschaftspolitik der Schweiz stark geprägt. Welches sind die Meilensteine in den ersten vier Monaten Ihres neuen Uni-Jobs?
An der Uni Bern habe ich eigentlich zwei Aufgaben übernommen. Ich bin ordentlicher Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie. Ebenso leite ich das neue geschaffene Center for Regional Economic Development (CRED), das von der Volkswirtschaftslehre und auch von der Betriebswirtschaftslehre und der Wirtschaftsgeografie getragen wird. Eine prioritäre Aufgabe ist, die Ausrichtung des Centers festzulegen, und zwar bezüglich Forschung, Beratung und Lehre.
Worin bestanden die ersten Schritte?
Ich habe begonnen, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen an einem Lehrangebot auf Masterstufe zu arbeiten. Im Bereich der Forschung waren wir insbesondere mit der Integration der Forschungsstelle Tourismus - das frühere Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus FIF - beschäftigt.
Früher war das FIF eigenständig. Neu ist es als Forschungsstelle in Ihr Center for Regional Economic Development integriert. Wurde das FIF dadurch nicht abgewertet?
Es ist keine Abwertung, sondern eine Weiterführung auf eine andere Art. Das FIF lebte sehr stark von der Persönlichkeit von Hansruedi Müller. Mit seiner Emeritierung war klar, dass es nicht in derselben Form weitergeführt werden kann. Zum Glück war die Uni Bern bereit, mit zusätzlichen Ressourcen eine breite Ausrichtung auf Regionalentwicklung zu ermöglichen. Der Tourismus spielt hier eine wichtige Rolle, ist er doch eine klassische Querschnittsbranche, in welcher alle raumrelevanten Bereiche der Regionalentwicklung abgedeckt werden. Von der breiten Ausrichtung des Zentrums kann die Tourismusforschung sicher profitieren.
Touristiker befürchten jedoch, dass in Bern künftig weniger geforscht wird. Können Sie diese Befürchtungen entkräften?
Klar bestätigen kann ich, dass der Tourismus auch weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Dies ist innerhalb des CRED die einzige institutionalisierte Forschungsstelle. Sonst arbeitet das CRED für den Moment projektbezogen. In einer Übergangsphase könnte vielleicht der Eindruck entstehen, es geschehe bezüglich Forschung weniger. Ich bin jedoch sehr zuversichtlich, dass insbesondere auch wegen der Nachwuchsförderung im Rahmen des CRED die Möglichkeit geschaffen wird, dass sehr viele Leute an tourismusrelevante Themen herangeführt werden.
Was geschah mit dem FIF-Beirat?
An einer gemeinsamen Sitzung mit diesem Beirat haben wir beschlossen, einen Beirat der Forschungsstelle zu begründen. Es handelt sich dabei um die Persönlichkeiten aus dem ehemaligen FIF-Beirat und einige zusätzliche Mitglieder.
Wird die Forschungsstelle neu ausgerichtet, gibt es neue Schwerpunkte?
Eine gewisse Kontinuität ist dadurch gegeben, dass Monika Bandi als langjährige Mitarbeiterin am FIF die Forschungsstelle Tourismus leitet. Gewisse Projekte und Themen werden weitergeführt, aber gleichzeitig wird man sich auch neuen Fragestellungen widmen.
Könnten Sie etwas konkreter werden?
Die aktuellen Projekte betreffen vor allem die Regional- und Impact-Forschung. Dabei handelt es sich um die Untersuchung der Wertschöpfung in einzelnen Gemeinden oder Kantonen. Ein Schwerpunkt ist auch die im Moment grosse Kreise interessierende Zweitwohnungsproblematik. In der Qualitäts- und Erlebnisforschung sowie im Bereich Nachhaltigkeit werden die bisherigen Arbeiten weitergeführt. Neu hinzu werden makroökonomische Fragestellungen kommen, wie etwa Tourismus und Konjunktur oder der Umgang des Tourismus mit der Wechselkursproblematik.
Wie ist die Tourismusforschung an der Uni Bern positioniert, wenn Sie sie etwa mit jener in St.Gallen oder Luzern vergleichen?
Bern fokussiert klar auf volkswirtschaftliche Fragen unter Einbezug anderer relevanter Aspekte. In St.Gallen und Luzern stehen vielleicht stärker betriebswirtschaftliche und themenspezifische Fragen im Zentrum.
Hat der Tourismus die wirtschaftliche Talsohle bald durchschritten oder droht mit der sich zuspitzenden europäischen Krise neues Ungemach?
Man muss unterscheiden zwischen der momentanen Prognose und den Risiken. Die Prognosen sind nicht allzu schlecht, doch handelt es sich um sogenannte No-Event-Prognosen. Dabei geht man davon aus, dass sich die allgemeine Situation zum Guten hin entwickelt. Die Risiken sind jedoch heute aussergewöhnlich hoch. Insbesondere in Europa kann noch einiges schief gehen. Um dies anzunehmen, braucht man kein Pessimist zu sein. Es könnte also gut sein, dass wir ein paar schwierige Jahre vor uns haben.
Immer wieder wird eine Abwertung des Frankens gegenüber dem Euro gefordert. Welche Währungsrelation ist Ihrer Meinung anzustreben?
Extrem wichtig ist für den Tourismus die Wechselkursuntergrenze von 1.20 Euro. Natürlich ist der Franken bei diesem Niveau relativ stark, aber das Entscheidende ist, dass mit der Untergrenze eine gewisse Planungssicherheit gegeben wird, die gerade in einem krisenhaften Umfeld besonders wichtig ist.
Zur Person: Vom Seco-Chefökonom an die Uni Bern
Aymo Brunetti (49) ist ordentlicher Professor für Wirtschaftspolitik und
Regionalökonomie am Departement Volkswirtschaftslehre der Uni Bern. Er
ist auch Direktor des Center for Regional Econonomic Development (CRED)
an der Uni Bern. Zuvor, seit 2003, war Brunetti Leiter der Direktion für
Wirtschaftspolitik im Seco. Aymo Brunetti ist verheiratet und Vater
zweier Kinder. Das CRED ist ein interfakultäres Zentrum für Lehre,
Forschung und Beratung zu Fragen der regionalen Wirtschaftsentwicklung.
Die Tourismusforschung und -lehre wurde als Forschungsstelle Tourismus
integriert.
Aymo Brunetti referierte am Schweizer Ferientag in Zürich.






