meinung
22.12.2011
«Keine Schwellenangst»
Von Asien nach Interlaken: Stefan W. Bollhalder wagte den Sprung zurück in die Schweiz und leitet jetzt das Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa.
Von Asien nach Interlaken: Stefan W. Bollhalder wagte den Sprung zurück in die Schweiz und leitet jetzt das Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa. (© Alain D. Boillat)
Stefan W. Bollhalder ist der neue Chef im Interlakner Flaggschiff Victoria-Jungfrau. Der Reiz und das Renommee dieses Traditionshauses zogen ihn zurück in die Heimat.
Elsbeth Hobmeier

Stefan Bollhalder, Sie haben praktisch Ihr gesamtes Berufsleben im Ausland verbracht. Was zieht Sie jetzt in die Schweiz zurück?

Ich war 30 Jahre im Ausland und habe dort viel erlebt und gesehen. Seit einiger Zeit stellte ich mich jedoch mehr und mehr wieder auf mein Heimatland ein, und wir verbrachten auch regelmässig Ferien in unserer Wohnung am Bodensee. Meine Lebensumstände haben sich geändert, unsere Tochter arbeitet zurzeit in der Schweiz, unser Sohn studiert in Europa, meine Eltern und auch die Eltern meiner Frau wohnen in der Schweiz… das alles waren Gründe, um mich wieder auf die Schweiz zu fokussieren. Es ist sicher eine Herausforderung, nach so langer Zeit in Asien sich wieder hier einzuleben, aber ich musste mich ja auch früher, bei jedem Wechsel, wieder auf ein neues Land, auf neue Städte einstellen.

Und was reizt Sie besonders an der VJ-Collection?

Ehrlich gesagt stand für mich immer eher das Flaggschiff Victoria-Jungfrau im Vordergrund des Interesses als die Collection. Es ist eines der grössten Schweizer Hotels und sicher eines der weltweit bekanntesten. Es hat eine hervorragende Reputation, man kennt es sogar in China. Es war dem Zeitgeist stets einen Schritt voraus und ist auch massgebend in Sachen Wellness. Aus diesen Gründen habe ich mich um die frei gewordene Direktion beworben und freue mich sehr, dass ich dieses Haus anvertraut erhielt.

Wie sind Ihre Eindrücke nach den ersten Wochen als Direktor?

Ich bin am Einarbeiten und möchte mich bei den vielen offenen Fragen noch selber schlau machen, bevor ich mich gross äussere. Dieses Hotel ist weit individueller als jene, die ich vorher für grosse Konzerne eröffnet und gemanagt habe. Aber der erste Eindruck ist fantastisch, das Haus, die Berge, das Umfeld sind top und die Mitbürger äusserst liebenswürdig.

Wo setzen Sie die Benchmarks? Wohin wollen Sie das VJ Interlaken führen?

Es ist das erste Fünfsternehaus am Platz und könnte sich in Sachen Spa und Wellness noch klarer positionieren. Im Sommer möchte ich die wunderschöne Terrasse auch gastronomisch vermehrt beleben und noch mehr einheimische Gäste zu uns holen. Ich ziele auch auf eine Belebung des Konferenz-Geschäfts im intimen Rahmen, den wir bieten können. Schwellenangst ist bei uns fehl am Platz, unser Angebot hält punkto Preis-Leistung jeder Prüfung stand.

Sind demnächst grössere Veränderungen zu erwarten?

Dieses Haus hat eine grosse Tradition, und Tradition verträgt kein Hüst und Hott. Für grosse Änderungspläne ist es zu früh. Einzig eine kleine «Züglete» habe ich bereits veranlasst, und den Sales-Manager in die Nähe meines Arbeitsplatzes geholt. Die Verkaufsberatung kann dadurch aktiver werden.

Wie erleben Sie das touristische Umfeld im Berner Oberland?

Das Angebot ist fantastisch, die Destination Jungfrauregion bietet alles, was ein Traditionshotel wie das unsere braucht: Berge, See, Golf, Casino - es ist alles da. Wir können perfekte Packages schnüren, die ganz speziell den asiatischen Markt ansprechen.

Ist die Vermarktung optimal? Oder wäre da noch Potenzial?

Es wird viel gemacht, man fokussiert aber vor allem aufs Volumen. Wir sind eher an Qualität interessiert. Und möchten alles daran setzen, um die Aufenthaltsdauer unserer Gäste zu erhöhen und sie zwei oder drei Nächte hier zu halten. Interlaken ist ein ideales «Basislager», um die Schweiz zu entdecken.

Wo finden Sie Ihre neuen Märkte? Vor allem in Asien?

Man sollte sich nicht zu sehr auf einen einzelnen Markt konzentrieren, sondern einen guten Mix anstreben, geografisch, aber auch innerhalb des Gästesegments. Der chinesische Markt ist ja fantastisch, so viele Leute mit hohem Einkommen wollen und können reisen. Da muss man sich jedoch sprachlich und servicemässig auf deren Ansprüche einstellen. Aber auch der lokale Schweizer Markt ist sehr wichtig, ihn sowie den mitteleuropäischen Markt sollte man gut pflegen.

Wie sehen Sie die Situation generell für die Fünsternehotellerie?

Der Fünfsterne-Bereich ist meist als erster von Krisen oder Umwälzungen betroffen. Aber es wird immer Gäste geben, die diesen Top-Service schätzen und ihn sich leisten können. In einer schlechten Zeit ist das Bedürfnis nach Abstand und Erholung vielleicht sogar noch grösser. Es braucht gezielte Marketingmassnahmen, aber man muss auch in der Preisgestaltung flexibel sein…

…Sprechen Sie da von Dumping?

Dumping wäre schlecht in diesem Markt. Das bringt nichts. Wenn Gäste nicht mehr reisen wollen, dann reisen sie auch bei tiefen Preisen nicht. Bei Krisen ist die Versuchung immer gross, die Preise kaputt zu machen. Die Erwartungshaltung wird nicht kleiner mit dem tieferen Preis, im Gegenteil, die Leute beschweren sich. Umso wichtiger sind Zusatzleistungen.

Sie folgen auf einen diskret agierenden Hansrudolf Rütti und die prägende Galionsfigur Emanuel Berger. Ist diese Nachfolge schwierig?

Emanuel Berger war eine wichtige Persönlichkeit und hat dieses Hotel geprägt. Ich möchte es in diesem Sinne weiterführen. Aber ich fühle mich total unbelastet und werde das Haus auf meine Art leiten. Vor allem an der Front möchte ich deutlich wahrnehmbar sein. Wenn man nicht nahe am Gast ist, weiss man auch nicht, was der Gast will. Verglichen mit meinen bisherigen Arbeitsorten gehört für mich das Victoria-Jungfrau mit 212 Zimmern und 230 Mitarbeitenden zu den eher kleineren Hotels. Aber hier in Interlaken haben wir einen guten Mix und sehr viel Potenzial.

Planen Sie demnächst auch bauliche Veränderungen?

Wir denken an die Renovierung einiger Gästezimmer. Und dann gibt es auch noch Pläne, unsere Infrastruktur weiter auszubauen und zu verbessern. Aber das alles gehört zur mittelfristigen Planung, in den nächsten paar Monaten passiert nichts.

Zur Person: Nach 30 Jahren im Ausland wieder Schweiz
Stefan W. Bollhalder (52) ist seit November Direktor des Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa Interlaken. Geboren in Wil SG, Kochlehre in Davos, Jobs im Palace Montreux und Palace Gstaad. Dann ging er nach Neuseeland zu Hyatt, wo er später von der Küche ins Management wechselte. Als General Manager eröffnete er diverse Hyatt-Hotels im Fernen Osten, 2001 wechselte Bollhalder zu Shangri-La und leitete 10 Jahre lang Fünfsternehäuser in Jakarta, Peking, Hongkong und Taiwan. Er ist verheiratet und zweifacher Vater.

  
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