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meinung
19.04.2012
«Warum nicht bei uns?»
Hans Stöckli, Berner Ständerat und Präsident von Tourismus Jura & Drei-Seen-Land, wirbt für «seine» neue Grossdestination und fordert von der Tourismusbranche bessere Argumente.
Gery Nievergelt

Hans Stöckli, wo verbringen Sie in diesem Jahr die Ferien?

In der Schweiz, denn hier erhole ich mich am besten. Natürlich mache ich beruflich bedingt auch Auslandreisen, aber wenn immer möglich geniessen wir Saas-Fee, wo wir eine Zweitwohnung besitzen.

Haben Sie sich über die Annahme der Zweitwohnungsinitiative gefreut oder geärgert?

Ich war überrascht. Jetzt müssen wir das Beste aus dem Volksentscheid machen.

Die Tourismusbranche steht vor grossen Herausforderungen. Braucht es staatliche Unterstützung?

Ja, und zwar in Form von Wirtschaftsförderung, weil der Tourismus ein ganz wichtiges Standbein der Wirtschaft ist. Das habe ich als Stadtpräsident von Biel lange unterschätzt. Auch wenn der Tourismus der Dienstleistungsbranche zuzurechnen ist, welche in der Regel keine Einzelförderung erhält, muss er sämtliche Vorteile der Wirtschaftsförderung geniessen. Aber Tourismus muss noch zusätzlich unterstützt werden.

Vom Willen zur Unterstützung hat man zumindest in den eidgenössischen Räten in letzter Zeit nicht allzu viel gespürt.

So würde ich es nicht umschreiben. Die Tourismusbranche muss unbedingt an der Argumentation und den Grundlagen für die zusätzliche Unterstützung arbeiten. In der vergangenen Session ging es um eine befristete Aussetzung der Mehrwertsteuer für Hoteliers, und zwar nur für ein einziges Jahr im Giesskannenprinzip. Was mich störte, war dieses kurzfristige Denken. Es wäre ein Strohfeuer gewesen, und das nützt der Branche letztendlich nichts.

Sie waren im Vorfeld dafür.

Ich war bereit, die Forderungen ernsthaft zu prüfen. Ich konnte aber dem Anliegen nicht mehr zustimmen, weil es verfassungswidrig war. Die Mehrwertsteuerpflicht für Beherbergungsleistungen ist in Artikel 130 der Bundesverfassung ausdrücklich festgeschrieben. Aber ich habe Verständnis dafür, dass man den Mehrwertsteuersatz im Tourismus differenziert betrachten muss, weil ein wichtiger Teil des Umsatzes durch Ausländer in der Schweiz erzielt wird, die eigentlich keine Konsumsteuern zu bezahlen hätten. Staatliche Unterstützung muss eine starke Wirkung haben, langfristig angelegt sein und auch durch die Verfassung gestützt sein. Deshalb sage ich noch einmal: Touristiker müssen kluge und verständliche Argumente für ihre Anliegen entwickeln.

Sie sind seit einigen Monaten Präsident von Tourismus Jura & Drei-Seen-Land und damit selbst gefordert.

Richtig, und wir haben uns viel vorgenommen. Flächenmässig ist unsere Destination die grösste in der Schweiz, es ist ein Gebiet mit rund 800000 Einwohnern, und wir sind in nicht weniger als sechs Kantonen präsent, nämlich Neuenburg, Jura, Bern mit Berner Jura und Seeland, Solothurn, Freiburg und Waadt. Die Tatsache, dass der Tourismus eine kantonale Angelegenheit ist, macht die Aufgabe sehr komplex. Kommt noch dazu, dass es zwischen Deutschschweizern und Romands auch in Tourismusfragen unterschiedliche Kulturen gibt.

Und womit werben Sie? Sie haben weder ein Matterhorn noch eine Metropole.

Wir sind einzigartig, weil wir alles zu bieten haben, Tag und Nacht. Zudem vereinigen wir das grösste zusammenhängende Seen- und Flussgebiet der Schweiz mit dem wunderbaren Jura. «Les pieds dans l’eau et la tête dans les sapins» ist mein Leitspruch.

Im Grunde ist diese Destination ein Folgekonzept der Expo.02.

Genau. Es wäre super gewesen, wenn unsere Organisation bereits auf die Expo hin bestanden hätte. Aber jetzt gibt es sie. Am 1. Mai geht es operativ los, mit einem Direktor und sieben Mitarbeitenden, welche die ganze Region von Biel aus vermarkten werden. Zudem sind wir schon länger damit beschäftigt, einen touristischen Entwicklungs-Masterplan auszuarbeiten.

Der Trend geht in Richtung grössere Destinationen.

Ja. Dem Touristen - vor allem dem ausländischen Touristen - ist es egal, ob er sich im Moment im Kanton Solothurn oder im Kanton Bern befindet. Seit der Expo ist der Begriff Drei-Seen-Land in den Köpfen der Menschen drin. Wir werben damit ja nicht gross in Japan oder China, sondern im nahen Ausland. Hauptsächlich zielen wir auf den Binnenmarkt. Stadtberner zum Beispiel sind noch immer nach Süden orientiert. Aber sie schätzen den Murtensee. Deshalb ist Murten für uns eine wichtige Pforte, so wie es die Barockstadt Solothurn für die Gäste aus Zürich und der Ostschweiz ist.

Wie steht es denn um die Infrastruktur? Gibt es etwa genügend Hotels?

Genau darum braucht es den Masterplan. Vor der Expo hatten wir strukturell und infrastrukturell gegenüber anderen Destinationen einen Rückstand von 50 Jahren. Jetzt würde ich sagen, liegen wir noch 20 Jahre zurück. Unser Ziel muss sein, mit einer interkantonalen Vereinbarung einer gemeinsamen «Destinationskultur» zum Durchbruch zu verhelfen. Damit sich die Politik in den sechs Kantonen an unserem Masterplan orientiert und Hilfe leistet bei der Vernetzung, der Gesetzgebung, der Raumplanung und der Vergabe von Bewilligungen.

Das wird viele Gespräche brauchen.

Das stimmt, und nicht nur mit Politikern, sondern mit allen Partnern, vom Verkehr über die Hotels und Restaurants zu den Veranstaltern. Wo fehlt ein Fünf-Sterne-Hotel, wo eine Sportanlage? Wir müssen versuchen, einen gemeinsamen, abgestimmten Entwicklungsplan zu erstellen und Investoren anzulocken. Wollen Sie eine provokative Idee hören? Jetzt können die Leute ihre Zweitwohnungen also nicht mehr im Berner Oberland bauen. Aber warum nicht bei uns?

Sie wollen das Seeland zubauen?

Oh, wir haben noch viel Platz. Im Ernst: Jura und Drei-Seen-Land haben alles, was man sich nur wünschen kann. Es braucht aber ein touristisches Verständnis in der Bevölkerung.

Was sagen Ihre SP-Genossen zum Touristiker Stöckli?

Ich habe noch viel zu lernen und an Aufklärungsarbeit zu leisten, auch in meiner Partei, der SP. Ich setze mich ein für einen Tourismus, der sich an zukunftsträchtigen betrieblichen Strukturen und an nachhaltigen Prinzipien orientiert. Auch in dieser Hinsicht muss die Branche bessere Antworten vorbereiten.

Hans Stöckli  Vom Politiker zum Touristiker
Der 1952 in Wattenwil geborene Hans Stöckli war während zehn Jahren Bieler Stadtpräsident, gehörte dem Grossen Rat des Kantons Bern sowie dem Nationalrat an und wurde 2011 in den Ständerat gewählt. Der SP-Politiker ist neuer Präsident von Tourismus Jura & Drei-Seen-Land.

  
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