Patrik Scherrer, Ihr Hotel ist zurzeit eine Grossbaustelle. Wie lebt und arbeitet es sich damit?
Überraschend gut. Seit 18 Monaten arbeiten wir unter erschwerten Bedingungen. Es ist eine grosse Herausforderung, den gesamten Betrieb neben und in einer Grossbaustelle aufrechtzuerhalten. Das bedeutet ein laufendes Suchen nach Kompromissen und Lösungen für unsere Kunden. Es ist sehr viel Unplanbares zu bewältigen. Hier darf ich meinen Mitarbeitenden ein grosses Kompliment machen: Ihre Flexibiliät und Einsatzbereitschaft unter diesen Extrembedingungen war und ist toll.
Was sind die grössten Probleme?
Es gilt oft Reklamationen der Gäste abzufangen für Dinge, die nicht vorauszusehen und nicht zu verhindern waren. Man kann ja den Bau nicht dauernd stoppen, höchstens während sehr wichtigen Veranstaltungen kurz einschränken, so dass nicht ausgerechnet gebohrt wird, wenn der Key Referent zur Ansprache ansetzt.
War es jemals ein Thema, das Haus während des Umbaus zu schliessen?
Wir haben dies intensiv überlegt, aber die Gefahr, dass zu viele Kunden abwandern, schien uns zu gross. Das Kernstück des Umbaus ist ja unsere Arena mit 1500 Plätzen, die jetzt von Mitte 2011 bis Mitte 2012 total erneuert wird. Viele Veranstalter haben ihre Anlässe sogar entsprechend verschoben. Daher ist die Arena nach ihrer Eröffnung bereits praktisch voll ausgebucht.
Wie «besänftigen» Sie die Gäste während des Umbaus?
Die Gäste sind verständnisvoll, trotz begreiflichen Ängsten. Wir versuchen mit allen Mitteln wie Deko, Licht und Improvisation, den Nachteil zu einem Vorteil zu machen. Dadurch wurden schon einige Anlässe zu einem sehr speziellen, für die Kunden unvergesslichen Erlebnis.
Und die Hotelgäste?
Der Morgen ist am kritischsten. Ab 8 Uhr gibt es einfach Baulärm, und das führt verschiedentlich zu Kommentaren, obwohl wir die Situation immer ehrlich und offen kommuniziert haben. Wo nötig reagieren wir grosszügig.
Heisst das mit Preisnachlässen?
Ja, wir reden während einer Bauzeit von 2 Jahren insgesamt von finanziellen Kompensationen oder Preisreduktionen im tiefen fünfstelligen Bereich.
Das Ziel des 35-Millionen-Umbaus ist ein Kongresszentrum, das sich mit dem KKL in Luzern messen kann?
Wir werden bis maximal 1500 Personen in Konzert- oder Plenumsbestuhlung begrüssen können, dazu erlaubt ein Foyer von 2000 m² die gleichzeitige Durchführung von Ausstellungen, Stehcocktails oder Galadiners mit Blick über die Stadt Bern. Architektonisch wird die denkmalgeschützte Arena zu einem Bijou, das mit neuer LED-Lichttenik sehr viel gestalterische Möglichkeiten bietet. Das Ganze wird vor allem in der Nacht auch von der Stadt aus spektakulär aussehen.
Also doch eine Konkurrenz zum KKL in Luzern?
Ich suche diesen Vergleich nicht. Aber wir können für Kongresse und grosse Veranstaltungen sicher ideale Verhältnisse bieten. In unserer runden Arena ist der Kunde nie weiter als 10 Meter von der Bühne entfernt. Die ganze Technik ist fest installiert mit einer 14-Meter-Leinwand, das Licht kann den Saal innert Kürze in eine ganz andere Welt verwandeln.
Wie stehen Berns Chancen als grosse Kongressstadt ?
Bern liegt ideal zentral, es hat beste Zugsverbindungen, es ist nicht wettergefährdet wie ein Ort in den Bergen. Berns Kleinräumigkeit lässt die Besucher auch von verschiedenen Hotels rasch zusammenkommen. Shopping und ein Beizenbummel unter den Lauben sind hochattraktiv, der Blick in die Alpen und ein Bad in der sommerlichen Aare sind einzigartige Ortsvorteile.
Verkauft Bern Tourismus all diese Pluspunkte auch so begeistert?
Die Schwierigkeit ist, dass sich Bern Tourismus neutral geben muss und niemanden bevorzugen darf. Aber den Kongressbereich kann man eben nicht neutral verkaufen. Wir tätigen hier eine massive Investition, unser Verwaltungsrat hat das Risiko nicht gescheut, sondern steht voll hinter diesem unternehmerischen Entscheid. Unsere Struktur ist up-to-date und wir können der Bankiersvereinigung wie dem Fleckviehzuchtverband alles bieten.
2010 brachte 1,4 Mio. weniger Ge- winn als das Vorjahr. Wie war 2011?
Da traf der erwartete nochmalige Rückgang ein, wegen des Umbaus standen 10 Prozent der Zimmer plus weitere Räume nicht zur Verfügung. Die Arena als treibende Kraft war ab Sommer zu, was eine deutliche Frequenzeinbusse bedeutete. Wir reagierten auf der Kostenseite, liessen einige Stellen, auch solche im Management, unbesetzt und kalkulierten bei den Warenkosten sehr sorgfältig.
Und Ihre Prognosen für 2012?
Das erste Halbjahr wird noch reduziert laufen. Aber ab August ist die Arena sehr stark ausgebucht, das macht uns zuversichtlich, unser anspruchsvoll gestecktes Budget zu erreichen. Im 2013 muss dann die Post abgehen.
Sie hegen ja mit Casino Neuchâtel und dem Fünfsternehotel Schönburg weitere grosse Pläne. Gibt es News?
Mit dem Bau in Neuchâtel haben wir am 16. Januar begonnen, in der zweiten Hälfte 2012 wird das Casino eröffnet. Zum Hotel Schönburg kann ich noch nichts kommunizieren.
Ihre jungen Köche feiern grosse Erfolge. Wie unterstützen Sie sie?
Markus Arnold, unser GM-Aufsteiger im Meridiano, ist ein absoluter Glücks- fall, wie auch Alessandro Mordasini, der Swiss-Culinary-Sieger. Wir versuchen, ihnen das nötige Umfeld für ihre Erfolge und ihre Kreativität zu bieten und sie optimal zu unterstützen.
Deckt Ihr heutiges Gastrokonzept alle Wünsche ab?
Wir leisten uns mit den drei Restaurants und dem Casino ein vielseitiges Angebot, das unser Haus attraktiv macht. Damit bringen wir auch die Berner über die Brücke zu uns. Man muss immer einen Tick besser sein, um diese Schwelle zu überwinden.
Zur Person: Patrik Scherrer ist im Umbauen geübt
Als Direktor lenkt Patrik Scherrer bereits seit 1997 die Geschicke des
Kursaal Bern und begleitete auch den damaligen Bau des Viersternehotels
Allegro, das 1998 eröffnet wurde. Seit Herbst 2010 wird hier wieder
emsig gebaut: Für 35 Mio. Franken entsteht bis Mitte 2012 ein
Kongresszentrum, das neue Massstäbe setzen soll. Weitere 20 Mio. Franken
investiert die Kongress+Kursaal Bern AG in ein Casino in Neuenburg.
Die IG Parahotellerie profitiert von der strategischen Partnerschaft mit Schweiz Tourismus. Der Präsident der Interessengemeinschaft, Fredi Gmür, zieht Bilanz.
Christoph Härle von Jones Lang LaSalle Hotels schätzt, dass es auf dem Schweizer Hotelimmobilienmarkt weniger Transaktionen geben wird. Die Preisvorstellungen seien nicht realisierbar.
Hansueli Wyss unterrichtet als erster Mann Hauswirtschaft an einem hotelleriesuisse-Schulhotel. Er blickt auf seine bisherigen Erfahrungen zurück und schildert seine Motivation.





Der Kampf um Talente für die Hotelbranche
Gäste aus der Schweiz umworben wie noch nie
Über den Umgang mit dem «Sowohl-als-auch»
Das richtige Thema, gut umgesetzt, füllt Hotelbetten
Mobility-Ticket: Ein Erfolgsmodell mit Zukunft
Peter Kappert, Vorstandsmitglied von Swiss Health, will mehr Gesundheitstouristen in die Schweiz locken. Im Fokus stehen die ehemaligen Ostblockstaaten, Russland und der arabische Raum.