meinung
05.08.2010
Zum Thema: Einsamkeit
Auf der verzweifelten Suche nach Geheimplätzen.

In der Liebesbeziehung sind gleiche Bedürfnisse erwünscht. Im Freizeitverhalten aber ein Albtraum. Vor allem, wenn einen die drückende Hitze im Sommer ans Gewässer oder der laue Abend auf die Strasse treibt – und Tausende von Menschen zuvor die gleiche Idee hatten .

Zugegeben, ich lebe in derjenigen Stadt der Schweiz mit den meisten Einwohnern und dort gar im Quartier mit der grössten Bevölkerungsdichte. Ich weiss, dass da die Gassen im Sommer nie schlafen. Doch Platzprobleme beschränken sich nicht nur auf mein Viertel. In unserem kleinen Land fällt mir immer wieder auf: Menschen satt überall. Am Fluss bekommt nur noch einen Platz, wer kurz nach Sonnenaufgang den Uferabschnitt reserviert. Am See kuscheln Badetücher eng.

Auf dem Weg zum Berg ist die Schlange so lang, als verteile Apple auf dem Gipfel ein neues Gadget gratis (zuletzt beobachtet vor einer Bergbahn im Alpsteingebiet). Im Restaurant heisst es bereits eine Woche vorher: «Sorry, komplett ausgebucht.»

Wo zum Teufel liegen sie, die lauschig-leeren Plätze? Die Geheimtipps, die auch nach Jahren keiner verrät? Jedenfalls nicht in der Mongolei, dem am wenigsten besiedelten Land der Welt, wie viele vermuten. Wie oft standen wir in den Weiten der Steppe und genossen damals dankbar die Einsamkeit. Es verging aber keine halbe Stunde, bis ein Mongole, ausgerüstet mit Fernrohr, auf seinem Pferd angeritten kam und sich zu uns gesellte. Fehlanzeige also.

Im heissen Juli, der die Outdoor-Gesellschaft aufleben liess, wurde ich in der Schweiz notgedrungen fündig. Die ruhigsten Plätze stehen in keinem Reiseführer. Klar, Kino liegt auf der Hand, auch die Restaurants, in denen man sonst nie einkehren würde, weil im Normalfall leere Tische wenig Gutes verheissen. Nein, die einsamsten Flecken habe ich vom Schiff aus entdeckt. Sie liegen verlassen am Seerand. Akkurat geschnittene Rasen, nicht selten so gross wie ein halbes Fussballfeld, Häuser mit heruntergezogenen Fensterstoren und kein Mensch in Sicht. Ich blieb auf dem Schiff – erinnerte mich plötzlich an meine Dachterrasse mit Dusche. Welch eine Weite!

 

 

  
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