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dolce vita
9.08.2012
Milch ist lebendig

Vor Kurzem wurde von der Vereinigung «Interprofession du Gruyère» verfügt, dass keine Melkroboter mehr für die Gewinnung der Milch für den Gruyère AOC verwendet werden dürfen. Weshalb eigentlich? Die chromstahlglänzenden, riesigen Maschinen versprechen nämlich mehr Ertrag und Arbeitserleichterung und sind total auf dem Vormarsch. Und es gibt mittlerweile ganze Zuchtlinien für Melkroboter-taugliche Kühe. Ohne Kraftfutter würden die Kühe gar nicht in den automatischen Melkstand gehen. Ein Chip informiert den Roboter, welche Kuh im Anmarsch ist, wie viel und in welcher Zusammensetzung sie zu fressen bekommt und wann sie zum letzten Mal gefressen hat - so weiss die Maschine, ob gemolken werden darf oder nicht. Während Studien der Hersteller sogar eine bessere Milchqualität versprechen, stellt die Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux hingegen eine eindeutig mindere Qualität fest - deshalb das Verbot. Auch für andere Käsesorten wie Tête de Moine oder Sbrinz wird ein ähnliches Szenario diskutiert.

Zugegeben, melken ist ganz schön anstrengend. In meinen landwirtschaftlichen Arbeitsjahren musste ich es auch noch von Hand lernen, damit ich wisse, was es heisst, eine Kuh zu melken, sagte mein Lehrmeister. Es gab ja sogar den Beruf «Melker», aber die menschliche Arbeitskraft wurde und wird immer teurer. Darum werden immer mehr Maschinen und Roboter eingesetzt. Für manche Landwirte bedeutete das einen grossen Arbeitsaufwand, weil sie ihre Apparate auslasten und amortisieren müssen, während gewisse ihrer Kollegen keine Arbeit finden.

Es ist tragisch - sind Lebensmittel heute denn so wenig wert, dass immer mehr Landwirte und Verarbeiter auf Kosteneinsparungen achten müssen? Die Betriebe werden immer grösser und es wird mehr mit weniger Personen produziert. Folglich werden immer mehr Prozesse von Maschinen erledigt und wir brauchen immer mehr künstliche Energie. Nach meinen Erfahrungen wird Käse viel aussagekräftiger, je mehr Verarbeitungsschritte von Hand ausgeführt werden. Das beginnt schon bei der Rohstoffgewinnung. Milch ist extrem lebendig und äusserst fragil. Sie unterliegt ständigen Schwankungen und reagiert auf manchen Einfluss. Viele Studien belegen, dass Pumpen, Schleudern, Mikrofiltrieren, Erhitzen und Kühlen die Molekularstruktur auf vielen Ebenen verändert. Man kann sie zwar fast zu Tode strapazieren und dennoch mit moderner Technologie zu aromatischen Produkten verarbeiten - die Bezeichnung «Lebensmittel» stimmt dann aber einfach nicht mehr so richtig.

Es ist höchst interessant, wie Spitzenkäser ihre Milch selektionieren und den Bauern Auflagen machen, dafür aber auch einen höheren Preis bezahlen. Ohne einen möglichst lebendigen Rohstoff könnten sie keine charaktervollen Milchprodukte herstellen. Mit einem Melkroboter habe der Bauer mehr Zeit, die Gesundheit der Tiere zu überwachen, sagen die Hersteller. Per Computer oder iPhone natürlich. Die Nähe zum Tier geht eindeutig verloren. Schon der Laufstall distanziert die Viecher etwas mehr vom Menschen.

Vielleicht liegt das Problem der Qualitätseinbusse genau darin. Immerhin liefern uns diese Lebewesen einen grossen Teil unserer täglichen Nahrung. Dafür dürften wir im Gegenzug etwas mehr Achtung und Respekt vor der Natur haben. Die Wertschätzung lebensnotwendiger Angelegenheiten wie Essen, Trinken, Kleidung und Wohnen, aber auch Arbeit und Musse ist vom übertriebenen Konsumverhalten mächtig gestört. Mehr Zeit, helfende Hände, Bescheidenheit, Zufriedenheit und Bewusstsein wäre für die Qualität aller unserer Esswaren ein Segen, und wir könnten die Nahrungsmittel mit gutem Gewissen weiterhin «Lebensmittel» nennen.

  
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