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dolce vita
31.05.2012
«Da oben haben alle Platz»
Als langjähriger Hüttenwart der Hörnlihütte am Fusse des Matterhorns weiss Kurt Lauber viel zu erzählen. Nun hat der Zermatter ein Buch darüber geschrieben.
sabrina glanzmann

Kurt Lauber, Sie sind seit 17 Jahren Hüttenwart in der Hörnlihütte. Warum haben Sie gerade jetzt Ihre Erlebnisse niedergeschrieben?

Dieses Buchprojekt hatte ich schon länger im Kopf. Es gibt aus all diesen Jahren so viel Spannendes zu erzählen - es wäre schade, wenn das vergessen ginge. Aber es brauchte den richtigen Zeitpunkt dafür, und dieser ist jetzt da.

Hat der Zeitpunkt mit der Komplettrenovierung der Hörnlihütte zu tun, welche zum 150-jährigen Jubiläum der Matterhorn-Erstbesteigung im 2015 geplant ist?

Das spielt sicher auch mit. Denn bereits nächstes Jahr soll es ja mit der Erneuerung und Erweiterung der Hütte losgehen, und damit beginnt eine komplett neue Ära.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie der Renovierung entgegen?

Ich begrüsse sie sehr, denn eine Erneuerung der Infrastruktur, der sanitären Anlagen und der Energieversorgung etwa sind dringend notwendig. Natürlich werde ich etwas wehmütig sein und der Hütte einige Tränen nachweinen. Aber wir gewinnen mehr, als wir verlieren.

Sprechen Sie damit das Wasserversorgungs-Problem an, das Sie auch im Buch mehrfach thematisieren?

Das war und ist in der Tat die grösste Problematik für den reibungslosen Betrieb. Geplant ist nun, im Winter den Schnee zu schmelzen und unter der Hütte in einem Tank zu sammeln. Nicht nur für die Gäste, auch für mich und meine Mitarbeiter wäre das eine grosse positive Veränderung.

Jeweils von Ende Juni bis Ende September amten Sie in der Hörnlihütte als Betreuer, als Bergretter, als Gastronom, als Wetterkundler… Was ist die grösste Herausforderung?

Die Herausforderung ist, in den drei Monaten überhaupt hier oben zu sein. Das ist es in anderen Hütten natürlich auch, aber die Hörnlihütte ist ein Spezialfall, weil sie am Matterhorn liegt: Es gibt hier viele Rettungseinsätze, zu denen ich gerufen werde. Die richtigen Mitarbeiter zu haben, ist deshalb absolut zentral - ich muss jederzeit sicher sein, dass der Betrieb läuft, wenn ich zu einem Einsatz gerufen werde.

Nicht nur Bergsteiger besuchen die Hörnlihütte, sie ist auch bei Tagestouristen beliebt. Wie erleben Sie diese Mischung?

Was die Übernachtungen angeht, liegt das Verhältnis bei etwa 80 Prozent Bergsteigern zu 20 Prozent Wanderern. Tagsüber sind es vor allem die Ausflügler, die nach zweistündigem Aufstieg ihr Zmittag mit Aussicht geniessen wollen. Für sie ist es auch ein Erlebnis, zu sehen, wie die Bergsteiger später am Tag von ihren Touren zurückkehren. Und - das mag jetzt etwas skurril klingen - manche von ihnen kommen auch extra wegen der Bergrettungen zu uns hinauf, um diese «live» mitzuerleben. Bergsteiger und Ausflügler gehören beide zur Hörnlihütte und haben alle ihren Platz hier oben. Da gab es nie Probleme.

Apropos Platz: Was sagen Sie zum oft beklagten «Stau am Matterhorn» - ist der Berg tatsächlich überlaufen?

In den Medien wird das oft zu drastisch dargestellt. Natürlich gibt es viele, aber das gehört zu diesem bekannten Berg. Will ein Bergsteiger komplett seine Ruhe haben, dann muss er woanders hin. Das wäre etwa dasselbe, wenn man sagen würde: Ich gehe jetzt in die Ferienhochburgen Mallorcas, will aber meine Ruhe haben.

Was hat sich in Ihrer 17-jährigen Hüttenwart-Zeit am meisten verändert?

Daneben, dass die Gletscher immer mehr zurückgehen: Die Leute gehen mit weniger Instinkt oder «natürlicher Logik» an den Berg. Das fällt mir auf. Wird heute irgendwo ein Fussboden feucht aufgenommen, warnt ein Schild mit «Achtung Rutschgefahr»; überall, wo es gefährlich sein könnte, gibt es Geländer. In den Bergen gibt es das nicht, dort muss man selbst mitdenken. Ich musste schon öfter jemandem nach einem Unfall - wenn auch keinem tragischen - holen, der mich dann fragte: «Ja aber warum ist unten am Einstieg zum Matterhorn nicht angeschrieben, dass es gefährlich sein kann?» Solche Aussagen geben schon etwas zu denken.

 

Buch: Geschichten, die der Berg schrieb

Ein italienischer Bergsteiger gaukelt kurzerhand ein Lungenödem vor, um mit dem Helikopter vom Matterhorn bequem nach Zermatt geflogen zu werden. Ein erfahrener Sherpa aus dem Himalaja leidet beim «Horu»-Aufstieg an Höhenangst. Oder ein etwas kurliger Gast wittert am Anfang des Handy-Zeitalters das grosse Geschäft und vermietet den Bergsteigern in Zermatt geklaute Mobiltelefone - auf Kosten der Besitzer, versteht sich.

Diese Beispiele aus «Der Wächter des Matterhorns» von Kurt Lauber zeigen: Der Mann erlebt als Hörnlihüttenwart so einiges. Seit 1995 betreibt der heute 51-jährige mit einem sechsköpfigen Team die Hütte, die auf 3260 Metern über Meer ein beliebter Ausgangsort für die Matterhornbesteigung ist und Touristen aus aller Welt auf ihre Aussichtsterrasse lockt. Kurt Lauber ist neben seinem Amt als Hüttenwart als Skilehrer, Bergführer, Hubschrauberpilot und Rettungsspezialist mit Erfahrung in über 1000 Einsätzen tätig - und das fliesst in seinen Texten ein. Da schreibt ein Mann, der mit den Bergen und der Natur verbunden ist und sich ganz selbstverständlich darin bewegt. Es ist spannend zu lesen, wie Lauber mit schwierigen Bergrettungen umgeht, mit der Bergung von tödlich Verunglückten - «es gehört zu meinem Job», schreibt er. Und er bewahrt auch dann die Ruhe, wenn er sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, um Bergsteiger zu retten, die sich und ihr Können überschätzt haben.

Deutlich wird auch, wie der Hüttenwart und seine Mitarbeitenden während der Saison ein eingeschworenes Team, «eine Familie auf Zeit» bilden. Etliche Beispiele aus dem Hüttenalltag zeigen, wie wichtig das für einen reibungslosen Betrieb ist. «Der Wächter des Matterhorns» ist ein Buch voller eindrücklicher Geschichten, die der Berg schrieb.

Öffentliches Gespräch mit Kurt Lauber über sein Buch

Am Dienstag, 12. Juni erzählt Kurt Lauber in Zermatt aus seinem Buch. Das moderierte Gespräch findet im Grand Hotel Zermatterhof statt und ist kostenlos; Beginn ist um 19 Uhr. sag

Kurt Lauber, Der Wächter des Matterhorns, Droemer Knaur, 284 Seiten, Fr. 34.90, ISBN 978-3-426-27573-3

Das Buch ist online erhältlich auf:www.hotelleriesuisse.ch/buchshop

 

  
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