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meinung
18.05.2017
Ab in die nächste Sitzung
Nach 18 Jahren als Direktor von Schweiz Tourismus kehrt der Marketingprofi Jürg Schmid mit einer eigenen Agentur zu den Wurzeln zurück.
Gery Nievergelt / htr hotel revue vom 18. Mai 2017

18 Jahre stand Jürg Schmid an der Spitze der nationalen Marketingorganisation Schweiz Tourismus, unterbrochen nur von einem kurzen Abstecher zu den SBB. Das ist eine lange Zeit, für nicht wenige Branchenvertreter war er irgendwie immer schon da. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Reaktionen auf seinen an diesem Dienstag bekannt gegebenen Abgang gelegentlich an einen Nachruf gemahnen.

Doch Jürg Schmid ist quicklebendig, es geht ihm sogar ausgesprochen gut, so entspannt habe ich ihn selten erlebt. Nun ja, die Kommunikation seines Abgangs verlief nicht ganz so wie geplant, man wollte ursprünglich erst nach dem nächste Woche stattfindenden «Ferientag» von ST informieren, aber in Graubünden, wo Schmid als künftiger Präsident von Graubünden Ferien (GRF) gesetzt ist, sickerte die News durch. Macht aber nichts, im Gegenteil: Der oberste Marketer im Schweizer Tourismus darf sich endlich auch öffentlich auf sein Anfang 2018 beginnendes neues Berufsleben freuen. Eine eigene Agentur wird er gründen mit Sitz in Zürich, zusammen mit einer Handvoll Mitarbeitenden will er touristische und tourismusnahe Organisationen marketingmässig fit trimmen; die Branche, sagt er, sei ihm ganz und gar nicht verleidet. Mit dem Engagement bei GRF, wo man sich auf einen betont aktiv agierenden Präsidenten gefasst machen darf oder muss, hat er sich schon mal ein prestigeträchtiges Mandat gesichert.

Was sind denn nun die Gründe für seinen Abgang bei Schweiz Tourismus? Gewiss, es war in den letzten Jahren mit den schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den Unberechenbarkeiten in einer globalisierten Welt nicht immer einfach, unermüdlich jenen Optimismus zu verbreiten, der von einem Marketer schliesslich erwartet wird. Eine nicht immer fair geführte Debatte um die Höhe seines Gehalts kam hinzu. Doch Jürg Schmid lässt das alles nicht gelten. Ausschlaggebend, sagt er, sei sein Alter. Mit 55 Jahren wolle er noch einmal etwas Neues anpacken – und nach Engagements in globalen Grosskonzernen und in der öffentlichrechtlichen ST die Selbstständigkeit erproben. Mit einer eigenen, in Zürich domizilierten Agentur von überschaubarer Grösse hofft der Marketingprofi, sich auf das zu konzentrieren, was ihn letztendlich am meisten reizt: das Entwickeln und Umsetzen von Kampagnen. Als Direktor bei ST war ihm dies nur teilweise möglich, obwohl er sich immer wieder dominant in die Kreativprozesse eingeschaltet hat. «Wenn es wirklich interessant wurde», sagt er heute, «musste ich jeweils in die nächste Sitzung.»

Die berstend vollen Agenden von Führungskräften, die zu vielen Meetings in möglicherweise zu vielen Gremien, sind ein weitverbreitetes, die Innovation und Weiterentwicklung von Organisationen stark behinderndes Übel. Es ist bezeichnend, dass Jürg Schmid, nach seinen Höhepunkten im Dienste von ST gefragt, als Erstes nicht die strategischen Erfolge erwähnt. Ja, die Marketingorganisation ist heute digital top aufgestellt; die Chance, in Asien neue Märkte zu erschliessen, wurde nicht nur rechtzeitig, sondern frühzeitig erkannt. Ja, Schweiz Tourismus ist zu einer modernen und angesagten Marke geworden, allein in diesem Jahr mit dem «Best of Swiss Web Award» und dem Schweizer Marketingpreis (für die «Grand Tour of Switzerland») ausgezeichnet. Aber Schmid, ein Marketer durch und durch, nennt als seinen persönlichen Höhepunkt den famosen Aprilscherz im Jahr 2009, als er am Schweizer Radio Felsenputzer suchte, um die Alpen vom Vogeldreck zu befreien, damit innert Kürze 30 000 Freiwillige rekrutierte und das Ferienland Schweiz wieder einmal weltweit positiv in die Schlagzeilen brachte.

Wir sind gespannt auf die Kampagnen, die in Schmids neuem Kreativlabor entstehen werden. Aber erst einmal interessiert die Frage, wer auf den Mann folgen wird, der durch seine jahrelange Prä- senz auf allen Kanälen für die Medien zu einer Art «Tourismusminister» geworden ist. Er hat es ja nicht nur geschafft, der Marketingorganisation ein Gesicht zu geben, sondern gleichzeitig auch seinen Job aufgewertet. Es wird also viele Bewerbungen geben. Wer drängt sich branchenintern auf? Spontan denke ich an Martin Sturzenegger von Zürich Tourismus. Aber gut möglich, dass ein Quereinsteiger auf Quereinsteiger Schmid folgen wird. Denn gesucht ist zuerst einmal ein Top-Marketer. Der Vorgänger hat die Latte hoch gelegt.

  
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