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meinung
29.06.2017
Wenn man sich feiert, haut man sich nicht in die Pfanne
Die öffentliche Kritik im Netz gehört zum Geschäft. In der realen Welt siehts anders aus
Gudrun Schlenczek htr hotel revue Nr. 13 vom 29. Juni 2017

Als Spitzensportlerin kennt man ihre mutigen Sprünge, die sie schon auf so manchem Podest mit einem strahlenden Lächeln besiegelt hat. Gewagt erschien auch ihr Auftritt an der Jubiläumsfeier des NDS Hotelmanagement von hotelleriesuisse und der Hotelfachschule  un am letzten Samstag im Kursaal Bern. Tanja Frieden nahm kein Blatt vor den Mund, die erste Olympiasiegerin im Snowboardcross erzählte unverblümt von ihren persönlichen Eindrücken in Schweizer Hotels.

Pikant dabei: Sie nannte die Hotels mit Namen. Solange die Erlebnisse positiv waren, waren die Erzählungen der Spitzensportlerin Balsam für die Seele der Hoteliers. Aber Tanja Frieden ging ganz zur Sache, renommierte Luxushotels mussten ebenfalls Kritik einstecken. Dass sie sich damit weit hinauslehnte, schien ihr, die nach eigenen Aussagen auch ein Beratungsmandat beim Hotel Deltapark  un innehat, bewusst – mehrfach betonte sie, dass es sich um ihre ganz persönlichen Eindrücke handelt … die unzimperliche Kritik einzelner Häuser stand trotzdem im Raum. Den der eine oder andere Hotelier aus Protest dann auch verliess.

Es ist die Sicht eines Gastes. Dass diese öffentlich ist, ist man sich spätestens in Zeiten von Bewertungsportalen und Social Media gewohnt. Dass es am Kommentar nichts zu rütteln gibt, sondern dieser als Anlass genommen werden muss, das Produkt so anzupassen, dass aus Kritik Zufriedenheit entsteht, ist Standard im heutigen Marketingbusiness und genauso buchungsrelevant wie das Wetter.

Doch es scheint eine Steigerung von Öffentlichkeit zu geben. Tanja Frieden referierte vor 600 Hotelmanagerinnen und -managern, welche für die Schweizer Hotellerie stehen. Es war ein persönlicher Angri , schliesslich kennt man die Kollegen. Und sitzt mit diesen gerade noch im gleichen Raum, da droht Gesichtsverlust. Und eigentlich wollte man ja feiern, die Branche, die gute Schweizer Hotelausbildung. Dass da mancher Service der Luxushotellerie Sportlerin Tanja Frieden ganz öffentlich auf die Nerven geht, machte wohl den einen oder anderen sauer. Ein Jubiläumsanlass verbindet die Branche, Keile, die das gemeinsame Berufsverständnis spalten, haben in solchen Momenten keinen Platz.

Hier schwappte die Online-alles-immer-kommentieren-Kultur in die reale Welt hinüber. Offline und Online muss man trennen. Das ist man den sozialen Befindlichkeiten der Gesellschaft schuldig. Der richtige Ton im Netz ist nicht passend im echten Leben. Papier ist geduldig und digitale Zeilen auch. Face-to-Face vorgetragene Kritik wirkt anders, potenziert die Wirkung. Sie ist nicht wegklickbar.

Ich sass auch in den Reihen. Habe interessiert die anschaulichen Beispiele von Tanja Frieden angehört. Anonymisiert hätten ihre Ausführungen nicht den Wert und die Wirkung gehabt. Aber ich bin nicht Hôtelière. Wären meine Texte oder die Journalistenzunft an den Pranger gestellt worden, hätte ich längst nicht mehr so entspannt die Feierlichkeiten genossen. Das wäre schade um den schönen Sommerabendanlass gewesen.

Nach dem Abend war ich doppelt froh, dass es all die Kommentar-Möglichkeiten im Netz gibt. Sie sind für den Käufer nicht nur ein dankbarer Führer, um auf dem Markt die Spreu vom Weizen zu trennen. Sie lassen auch den Anbieter sein Gesicht wahren. Denn die Angriffe passieren in einer Welt, die dann doch nicht ganz so real ist.

  
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