X
x
Hotellerie   Gastronomie   Tourismus
Sie lesen:
Dossier: Porträtserie
Bild: Pixabay/Gerd Altmann

Dossier: Porträtserie

Frauen im Fokus

In der Hospitality- und Touristikbranche sind Frauen in Führungspositionen noch immer untervertreten. Mit einer Porträtserie rückt die htr Frauen ins Rampenlicht und gibt so einmal pro Monat Einblick in spannende Frauenlaufbahnen.

Warum sind Frauen in Führungspositionen immer noch in der Unterzahl? Die Gründe dafür sind vielfältig. Unattraktive Arbeitszeiten, schwierige Vereinbarkeit von Job und Familie, zu wenig Förderung, zu wenig Selbstvertrauen, zu wenig Vorbilder. Trotzdem gibt es zahlreiche Frauen, die ihren Weg gehen und sich erfolgreich durchgesetzt haben.

Frauen im Fokus

Brucker und Gross starten nochmals durch

Die Hotelièren Regula Brucker und Suzanne Gross wagten 2021 den Neuanfang. Gemeinsam führen sie heute das Boutique-Hotel Signau House & Garden in Zürich. Und das in einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzen.
Nora Devenish
Geben Sie uns Feedback zum Artikel
Regula Brucker (links) und Suzanne Gross leiten das Boutique-Hotel Signau House & Garden in Zürich im Co-Management.
Regula Brucker (links) und Suzanne Gross leiten das Boutique-Hotel Signau House & Garden in Zürich im Co-Management. Bild: Raphael Palacio Illingworth
Bild: Raphael Palacio Illingworth
Die 1912 erbaute und denkmalgeschützte Villa Syz in Zürich wurde 2018 zum Boutique- Hotel Signau House & Garden umgebaut.
Die 1912 erbaute und denkmalgeschützte Villa Syz in Zürich wurde 2018 zum Boutique- Hotel Signau House & Garden umgebaut. Bild: Raphael Palacio Illingworth
Bild: Raphael Palacio Illingworth
Die 1912 erbaute und denkmalgeschützte Villa Syz in Zürich wurde 2018 zum Boutique- Hotel Signau House & Garden umgebaut.
Die 1912 erbaute und denkmalgeschützte Villa Syz in Zürich wurde 2018 zum Boutique- Hotel Signau House & Garden umgebaut. Bild: Raphael Palacio Illingworth
Bild: Raphael Palacio Illingworth
Die 1912 erbaute und denkmalgeschützte Villa Syz in Zürich wurde 2018 zum Boutique- Hotel Signau House & Garden umgebaut.
Die 1912 erbaute und denkmalgeschützte Villa Syz in Zürich wurde 2018 zum Boutique- Hotel Signau House & Garden umgebaut. Bild: Raphael Palacio Illingworth
Bild: Raphael Palacio Illingworth
Die Gastgeberinnen im Boutique-Hotel Signau House & Garden: Suzanne Gross (links) und Regula Brucker.
Die Gastgeberinnen im Boutique-Hotel Signau House & Garden: Suzanne Gross (links) und Regula Brucker. Bild: Raphael Palacio Illingworth
Bild: Raphael Palacio Illingworth

Sie sind Freundinnen des guten Geschmacks, sie glauben an die Schweizer Hotellerie, und sie wollen sich – einmal mehr – verwirklichen.

Die Kosmopolitinnen Regula Brucker und Suzanne Gross, beide Absolventinnen der Ecole hôtelière de Lausanne, sind keine Unbekannten im Schweizer Gastgewerbe. Brucker führte nach namhaften Berufsstationen in der Hotelbranche während zweier Jahrzehnte bis 2019 gemeinsam mit ihrem Mann das renommierte 5-Sterne-Boutique-Hotel Widder in Zürich. Gross wiederum machte sich zuletzt als erfolgreiche Unternehmerin mit eigener Delikatessen-Produktionsfirma im Piemont einen Namen.

Nun, 64- und 58-jährig, wollen es die beiden Frauen noch einmal wissen. Seit März 2021 führen sie gemeinsam das Boutique-Hotel Signau House & Garden in Zürich. Ganz nach dem Motto: Es ist nie zu spät, mutig Neues zu wagen. Suzanne Gross: «Dieses Haus verdient es zu leben. Und wir selbst sind auch noch zu jung, um uns zur Ruhe zu setzen.»

An der Signaustrasse 6 entstand ein  intimes, familiäres Guest-House im gehobenen Ambiente mit neun Doppelzimmern, einer 2-Zimmer-Suite und einem Kinosaal für 25 Personen. Die Hülle: eine über hundertjährige denkmalgeschützte Villa, einst Familienwohnsitz eines Seidenfabrikanten, heute im dreigeteilten Privatbesitz, inmitten eines geschäftigen Wohnquartiers oberhalb des Bellevueplatzes. Das Intérieur: gediegen, mit viel Charme und gepflegter Willkommenskultur. Ein Zuhause weg von zu Hause. Eine Oase der Erholung in der pulsierenden Metropole Zürich. [DOSSIER]

Management aus Frauenhand: Flache Hierarchien und klare Kommunikation
Dass Frauen auch und gerade in der Beherbergungsbranche in Führungsfunktionen untervertreten sind, ist ein offenes Geheimnis. Schweizweit gibt es gerade mal drei Hotels im 5-Sterne-Segment, die ausschliesslich von Frauen geführt werden. Mit ihrem Entscheid, das «Signau House» im Co-Management zu leiten, rücken Regula Brucker und Suzanne Gross somit unmissverständlich in eine Vorbildfunktion. Bewusst gesucht haben sie diese nicht. Wahrnehmen tun sie sie dennoch, verantwortungsvoll und mit grossem Berufsstolz. So besteht ihr Team ausschliesslich aus Frauen. Eine Betriebsstruktur, die sie zwar nicht aktiv verfolgt hätten, die aber sehr gut funktioniere, halten die beiden Gastgeberinnen fest.

«Wir pflegen in unserem Haus flache Hierarchien, eine klare Kommunikation und kurze Entscheidungswege. Unsere Zuständigkeiten sind klar geregelt. Suzanne und ich ergänzen uns wahnsinnig gut. Ein Glücksfall, würde ich sagen, denn ein Frauenteam ist kein Erfolgsgarant», sagt Regula Brucker.

Auch Suzanne Gross ist vom Managementkonzept Frauen-Tandem überzeugt: «Wir begegnen uns von Frau zu Frau auf Augenhöhe und respektieren einander. Wir machen uns gegenseitig nichts vor.» Und mit einem Schmunzeln fügt sie an: «Viele Männer können sich nicht vorstellen, dass dies unter Frauen überhaupt möglich ist.»

Wir markieren unsere Präsenz durchs Haus mit unserer weiblichen Note.

Regula Brucker, Co-Direktorin Signau House & Garden, Zürich

Über Durchsetzungsvermögen, Gleichberechtigung und Kompromissbereitschaft
Sowohl Gross wie auch Brucker haben sich während ihrer beruflichen Laufbahn immer wieder als Frauen behaupten müssen. Zwar hatten sie sich während ihrer Karrieren ihres Geschlechts wegen nie benachteiligt gefühlt, «sich durchsetzen» mussten sie sich aber allemal.

Während Suzanne Gross es sich gewohnt ist, in einem Frauenteam zu agieren – «damals im Piemont wurden unsere Einmachrezepte von Frau zu Frau weitergegeben und ausschliesslich von Frauen gekocht; und wenn uns mal ein Handwerker in der Küche fehlte, dann halfen wir uns entweder selbst oder mieteten uns einen» —, amtete Regula Brucker während über 30 Jahren an der Seite ihres Ehemannes Jan als Diréctrice. «Für mich war immer klar: Wenn man als Ehepaar ein Haus wie das Widder Hotel führt, muss einer von beiden am Schluss die Entscheidungen treffen. In unserem Fall war dies mein Ehemann Jan. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass ich dadurch nicht auch wesentlich Einfluss auf die Geschäftstätigkeiten nehmen konnte. Wir waren beide durchaus gleichberechtigt», so Brucker.

Direktionsehepaare wie sie und ihr Mann seien heutzutage, gerade im Luxussegment der Stadthotellerie, ein Auslaufmodell, bemerkt Brucker. Unter den führenden Luxus-Stadthotels in der Schweiz gibt es kein Haus mehr, das durch ein Ehepaar geführt wird. Zudem fällt auf, dass insbesondere die Direktionsetagen internationaler Betriebsgesellschaften mehrheitlich von Männern beherrscht werden. Suzanne Gross findet klare Worte: «Männer ziehen im Allgemeinen Männer nach. Das muss sich radikal ändern.»

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht und stilvoll neues Leben eingehaucht
Wer über die geschwungene Treppe in die grosse Eingangshalle des «Signau House» gelangt, fühlt sich unmittelbar in ein englisches Herrschaftshaus versetzt. Dieses Gefühl wiederholt sich bei der Zimmerbesichtigung über zwei Etagen, in den stil- und massvoll eingerichteten Salons und erst recht hinter der verglasten, in weiss gehaltenen Veranda, dem Frühstücksraum oder beim Seerosenteich im Garten — einem weiteren Rückzugsort in dieser urbanen Wohlfühloase. Wohin man schaut, entdeckt man die elegante Handschrift der Gastgeberinnen. Regula Brucker: «Sagen wir es so: Wir markieren unsere Präsenz durchs Haus mit unserer weiblichen Note.»

«Dieses Haus lädt ein. Es nimmt dich in Empfang. Auch um Gastgeberin zu sein», resümiert Suzanne Gross ihren ersten Eindruck vom «Signau House». Für Regula Brucker bietet die einzigartige Ambiance die Möglichkeit, ihrer Berufung als Gastgeberin uneingeschränkt nachzukommen: «Dieses Haus ist wie dein eigenes Zuhause, in dem du Gäste willkommen heisst. Seine Intimität ermöglicht es uns, die Nähe zu den Gästen zu pflegen, ihre Bedürfnisse und ihre Reaktionen zu spüren. Das ist wichtig, auf so vielen Ebenen, für die Gastgeber wie die Gäste.»

Männer ziehen im Allgemeinen Männer nach. Das muss sich radikal ändern.

Suzanne Gross, Co.Direktorin Signau House & Garden, Zürich

Exklusivität und Persönlichkeit, vermehrt auch für das Zürcher Publikum
Der Grossteil der Stammkundschaft im «Signau House & Garden» sind Businessleute oder Privatreisende, welche die Ruhe als Ausgleich zum hektischen Berufsalltag schätzen. Doch soll das Haus künftig auch für eine breitere Klientel, insbesondere aus dem Raum Zürich, erlebbar und zugänglich werden.

Damit dies gelingt, nutzen die Gastgeberinnen ihren bewährten Geschäftssinn und ihr breites Netzwerk im Food- und Beverage-Bereich und schlüpfen immer wieder in die Rolle der Veranstalterinnen. Im Sommer beispielsweise organisieren sie regelmässig Chef’s Tables für maximal 40 Gäste. Aufstrebenden Kochtalenten wird dann die Plattform geboten, sich und ihre Kochkünste im persönlichen Rahmen dem Publikum vorzustellen. Das In-House-Cinema wiederum lädt zu öffentlichen oder privaten Filmabenden ein, wenn es sich anbietet und erwünscht ist auch mit zum jeweiligen Film abgestimmtem Catering.

«Die Gäste suchen wieder vermehrt die Intimität, den Kontakt und den persönlichen Service zum und vom Gastgeber. Das Erlebnis im kleinen Kreis», sagt Suzanne Gross. Dieser Trend spielt den Gastgeberinnen und ihrer Geschäftsphilosophie, der familiären Gastlichkeit, in die Hände. Ideen haben die Hotelièrene noch viele. Die entsprechenden Freiheiten, diese zu verwirklichen, nehmen sie sich intuitiv heraus und lassen sich nicht unter Druck setzen.

«Jetzt gilt es, den Betrieb zu stabilisieren, ohne ihn dabei zu überfordern», sagt Regula Brucker. Mit ihrem Neubeginn sind die Zürcher Hotelièren bestes Beispiel für die weiblichen Ambitionen und den Erfolgswillen innerhalb der Branche.

 


[IMG 5]

Steckbrief Suzanne Gross

  • Alter: 64
  • Beruf: Hotelière
  • Was ich mag: Mehr zu bieten, als erwartet wird
  • Was ich nicht mag: Übertriebener Luxus
  • Was ich werden wollte: Immer Gastronomin oder Hotelière
  • Was ich verpasst habe: Nichts. Meine Wünsche gingen fast immer auf.
  • Darüber muss ich lachen: Einen smarten Witz
  • Auf diese Eigenschaft könnte ich verzichten: Ungeduld
  • Im nächsten Leben werde ich …: das Gleiche.

Steckbrief Regula Brucker

  • Alter: 58
  • Beruf: Hotelière
  • Was ich mag: Als beruflicher Ausgleich Zeit mit der Familie verbringen
  • Was ich nicht mag: Leute, die einem vorgaukeln, «etwas zu sein»
  • Was ich werden wollte: Immer schon Hotelière
  • Was ich verpasst habe: Ich bin glücklich mit dem, was ich erlebt und erreicht habe.
  • Darüber muss ich lachen: In unserem Beruf gibt es unzählige schöne Momente, über die man sich freuen und lachen kann.
  • Auf diese Eigenschaft könnte ich verzichten: Meine Rastlosigkeit
  • Im nächsten Leben werde ich …: dem Tag mehr als 24 Stunden einräumen.

Frauen im Fokus

«Erfolg kann man nicht planen»

Tanja Grandits geht mit einer grossen Prise Kreativität, viel Talent und unermüdlicher Freude ans Werk. Sie kocht nicht, um Sterne einzuheimsen, sie will mit ihrem Team gemeinsam Ideen entwickeln und diese erfolgreich umsetzen.
Claudia Langenegger
Geben Sie uns Feedback zum Artikel
Tanja Grandits in ihrem Restaurant: das legendäre «Stucki» in Basel.
Tanja Grandits in ihrem Restaurant: das legendäre «Stucki» in Basel. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
Tanja Grandits mag es auf der Arbeit lieber fröhlich als stressig und unfreundlich.
Tanja Grandits mag es auf der Arbeit lieber fröhlich als stressig und unfreundlich. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller

Tanja Grandits hat unglaublich viel erreicht: Als erste Frau in der Schweiz hat der Gault Millau sie mit hohen 19 Punkten ausgezeichnet und sie zur «Köchin des Jahres» und zweimal zum «Koch des Jahres» gekürt. Der Guide Michelin zeichnet ihre Küche seit 2013 mit zwei Sternen aus. Heute führt die Spitzenköchin nicht nur erfolgreich das Restaurant Stucki in Basel, sondern auch einen Spezialitätenladen und einen Onlineshop.

«Ich hatte nie einen Plan und kein bestimmtes Ziel.»

Zudem gibt sie etwa alle zwei Jahre ein neues Kochbuch heraus. «Tanja vegetarisch» ist das bestverkaufte Sachbuch 2021. Wenn man die 51-jährige Spitzenköchin dann in ihrem Restaurant trifft, am Vormittag, wenn es in ihrem Betrieb noch ganz ruhig ist, und sie in ihrer schwarzen Kochkleidung erscheint, sagt sie zu alldem nur: «Ich hatte nie einen Plan und kein bestimmtes Ziel, das ich verfolgt habe. Das hat sich alles nach und nach entwickelt.» Diese äusserst erfolgreiche Frau mit dem sympathischen Gesicht, den zusammengebundenen Haaren und der grossen Brille ist überzeugt: «Erfolg kannst du nicht planen.»

Die Farben müssen stimmen
Seit 14 Jahren führt Tanja Grandits das «Stucki» in Basel, benannt nach dem legendären Schweizer Spitzenkoch Hans Stucki, der während Jahrzehnten hier gewirkt hatte. Sie taufte das Restaurant Bruderholz bei der Übernahme um und erneuerte und erfrischte das Interieur. Die Wände sind in sanften Farbtönen gehalten, alles ist aufeinander abgestimmt, man sitzt auf bequemen modernen Sesseln, die Tische sind viereckig statt einst rund, und auf den Tischen stehen frühlingshaft luftige Blumen.

Im «Stucki» entwickelte Tanja Grandits ihre typische monochrome Küche: Die einzelnen Gänge bestehen aus Lebensmitteln der gleichen Farbe. «Gleichfarbige Lebensmittel passen geschmacklich oft gut zusammen», erklärt sie. Und: «Wenn man sich auf eine Farbe festlegt, muss man kreativer sein, weil man in der Auswahl der Lebensmittel beschränkt ist.»

Lust auf die grosse, weite Welt
Basel ist ihre Heimat, doch Tanja Grandits ist auf der Schwäbischen Alb in Süddeutschland aufgewachsen. Hinter dem Haus wuchsen Obstbäume, es gab einen Gemüsegarten. Es kam meist Währschaftes auf den Tisch, oft sehr deftig. Die Gewürze, Kräuter und die Leichtigkeit von Gerichten, die Vielfalt von Zutaten, die Lust auf Kreatives und die Liebe zum Ausprobieren und Erfinden entdeckte Tanja Grandits erst später.

Damals war es vor allem die grosse, weite Welt, die sie reizte. So reiste sie nach der Schule als Au-pair nach Kalifornien. Hier merkte sie, wie gerne sie kocht. Ihre Gastfamilie freute sich über die Spätzle und die frischen und europäischen Gerichte, die Tanja Grandits zubereitete. «Es gibt nichts Schöneres, als jemanden mit Essen Freude zu bereiten», sagt die Spitzenköchin mit einem fröhlichen Lachen im Gesicht.

Köchin statt Chemikerin
Das Chemiestudium in Tübingen brach sie nach zwei Semestern ab. Sie begann im Luxushotel Traube Tonbach im Schwarzwald eine Kochlehre. Ihre nächste Station war die Küche des noblen «Claridge’s» in London, wo man regelmässig für die Queen und die Königsfamilie Speisen zubereitete.

Es war eine eigene Welt: Tanja Grandits war die einzige Frau in der 60-köpfigen Küchenbrigade, der Umgang war rau und unfreundlich, ihr Chef ein Choleriker. Dass sie die einzige Frau in einer Männerwelt war, störte sie nicht. Auch vom derben und unfreundlichen Umgangston liess sich die junge Köchin nicht beirren. «Ich habe das nie persönlich genommen, ich wusste ja, das hat nichts mit mir zu tun», erinnert sie sich. Ihre Taktik: «Ich reagierte stets mit Freundlichkeit.»

«Zeugnisse interessieren mich nicht»

Heute beschäftigt sie 43 Mitarbeitende und hat fortgesetzt, was sie in jungen Jahren gelernt hat: Freundlichkeit lohnt sich. Cholerische Zusammenschisse, wie sie sie früher bei ihren Vorgesetzten erlebt hat, gibt es bei ihr nicht. «Nur in angenehmer Atmosphäre kann man sein Bestes geben», erklärt sie.

Sie kann auf eine zuverlässige Crew zählen, die gerne bei ihr arbeitet – viele seit über zehn Jahren. Eine gute Chefin ist für sie jemand, der sich für die Mitarbeitenden interessiert und sich bewusst ist, dass es ohne sie nicht geht. Ihre Mitarbeitenden wählt sie nach Sympathie aus: «Zeugnisse interessieren mich nicht», sagt sie. Denn: «Es gibt ja eh ein Probearbeiten, bei dem man sieht, ob man zusammenpasst.»[DOSSIER]

Schnell gedacht, noch schneller umgesetzt
Musste sie sich in ihrer Laufbahn als Frau sehr durchkämpfen? «Ich musste nie kämpfen, ich will auch nicht kämpfen», antwortet die Wahlbaslerin. «Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass ich das tue, was ich tue.» Sie hatte auch nie Lust, sich Gedanken über ihre Positionierung in der Männerwelt, über Unsicherheiten oder Zweifel zu machen. «Das Wichtigste ist: sich nicht beirren lassen und bei sich selbst bleiben.»

Weil sie eine Frau ist, musste sie sich oft – viel zu oft – die Frage anhören, wie sie denn alles unter einen Hut bringe: die aufreibende Arbeit mit den unregelmässigen Arbeitszeiten, den Onlineshop, die Kochbücher und alleinerziehend zu sein. Die Frage kann sie nicht mehr hören, eine Antwort gibt sie trotzdem: «Das geht nur, wenn man selbstständig ist.»

«Ich musste nie kämpfen, ich will auch nicht kämpfen»

So wenig, wie sie ihren Erfolg geplant hat, so wenig hat die Köchin langfristige Strategien. Sie setzt lieber einfach um. «Ideen sollte man nicht lange diskutieren, sonst sind sie irgendwann nicht mehr gut.»

Ihre Spontaneität ging in den Anfangszeiten im «Stucki» so weit, dass sie die neuen Rezepte jeweils erst in der Nacht, bevor die Menükarte wechselte, schrieb. Alle zwei Monate bedeutete dies für ihre Küchencrew die totale Überraschung: «Sie wussten überhaupt nicht, was kommen wird!» Das war stressig, zu stressig. «Das konnte ich ihnen nicht länger zumuten», sagt sie mit einem Lächeln und schüttelt den Kopf. Mittlerweile geht sie das Rezeptieren jeweils früher an.

«Ich bin ein extrem schneller Mensch und habe sehr klare Bilder»

Mit den Jahren ist sie auch gelassener geworden. Früher musste alles bis ins Detail genau so sein, wie sie es sich vorstellte. Wenn sie beispielsweise auswärts kochte, ertrug sie es nicht, auf Tellern zu servieren, die ihr nicht gefielen. «Ich musste also immer stapelweise Teller mitnehmen», erinnert sie sich. «Was für ein Aufwand!» Heute ist ihr das egal: «Ich kann auch mal fünf gerade sein lassen.»

Energie richtig eingesetzt
Privat- und Arbeitsleben fliessen bei Tanja Grandits ineinander über – auch örtlich. Ihre Wohnung befindet sich zwei Stockwerke oberhalb des Restaurants. Hier wohnt sie mit ihrer 16-jährigen Tochter Emma. Um halb sechs steht sie jeweils auf und nimmt sich eine Stunde Zeit für sich ganz alleine. «Ich mache Yoga, höre Musik, mache mir Tee, gehe ins Bad», erzählt sie. «Das gibt mir Energie für den ganzen Tag.»

Die Spitzenköchin ist auch privat kreativ: Mal gibt es zum Frühstück für sie und ihre Tochter Fried Rice, mal Pfannkuchen, mal ein Müsli mit vielfältigen Zutaten. Tochter Emma zieht es nicht in die Gourmetküche, ihre Passion sind die Pferde. Wie ihre Mutter im Sternzeichen Jungfrau geboren, gibt es auch bei ihr nichts Halbbatziges: Die Gymnasiastin verbringt pro Tag bis zu vier Stunden bei ihren Pferden.

«Die Zeit kann man nicht managen, die Zeit bleibt immer gleich. Es gibt aber Energiemanagement.»

Nach der Runde mit Hund Norma startet Tanja Grandits jeweils in den Arbeitstag, erledigt Administratives, arbeitet in Küche und Service und erledigt tausend weitere Dinge, die anfallen. Und schafft es dabei, eine grosse Portion Gelassenheit auszustrahlen. Sie hat offenbar ein ausgeklügeltes Zeitmanagement. «Nein, Zeit kann man nicht managen, die Zeit bleibt immer gleich. Es geht um das Energiemanagement. Ich kann mich aufladen, indem ich Dinge mit Leidenschaft, Neugier und Freude tue.»

Und dabei ist sie stets mit Tempo unterwegs: «Ich bin ein extrem schneller Mensch und habe sehr klare Bilder», sagt sie von sich. «Ich weiss immer, was ich kreieren will.»

Dabei staunt sie immer wieder, was sie bewirken kann. «Es gibt Frauen, die mir gesagt haben, mein vegetarisches Kochbuch habe ihr Leben verändert», erzählt sie. «Das berührt mich sehr.»

Sosehr sich Tanja Grandits über Auszeichnungen, Punkte und Sterne freut, so gut weiss sie, dass sie nicht das Wichtigste sind. «Sie sind nur Teil des Ganzen. Wichtiger ist es, dass man jeden Tag viele Gäste hat und die Mitarbeitenden mit Freude hier arbeiten.»


Steckbrief Tanja Grandits

[IMG 2]

  • Alter: 51
  • Beruf: Köchin
  • Was ich mag: Alles, was von Herzen kommt
  • Was ich nicht mag: Unehrlichkeit
  • Was ich werden wollte: Was ich bin!
  • Was ich verpasst habe: Nichts
  • Darüber muss ich lachen: Über mich selbst
  • Auf diese Eigenschaft könnte ich verzichten: Auf keine
  • Im nächsten Leben werde ich …: ???
Text: Claudia Langenegger Bild: Susanne Keller

FRAUEN IM FOKUS

Bunt, sportlich und motiviert für ihre Lieblingsstadt

Manuela Angst führt seit zwei Jahren Bern Welcome. Die gebürtige Zürcherin liebt das Berner Lebensgefühl und ist optimistisch, dass sie das Unternehmen nach den beiden Pandemiejahren wieder auf Kurs bringt.
Claudia Langenegger
Manuela Angst in der Berner Altstadt. Hier gibt es für sie immer etwas zu entdecken.
Manuela Angst in der Berner Altstadt. Hier gibt es für sie immer etwas zu entdecken. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
Seit 23 Jahren in Bern: «Das Berner Lebensgefühl hat mich hierbehalten», so Manuela Angst.
Seit 23 Jahren in Bern: «Das Berner Lebensgefühl hat mich hierbehalten», so Manuela Angst. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
Auf der Münsterplattform in Bern: Sie liebt das viele Grün in der Stadt.
Auf der Münsterplattform in Bern: Sie liebt das viele Grün in der Stadt. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller

«Ich starte gerne mit Sport in den Tag», sagt Manuela Angst. Die Leiterin von Bern Welcome sitzt in einem pinkfarbenen Kleid in einem ihrer Lieblingscafés – im Berner Casino. Dieses liegt mitten in der Stadt, und wenn die Platanen auf der Terrasse noch nicht dicht mit Blättern bewachsen sind, hat man von hier aus sogar eine phänomenale Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

Früher war ihr Morgensport jeweils eine Joggingrunde, vor ein paar Jahren kam etwas Neues dazu: «Ich habe das Bootcamp entdeckt», sagt die Touristikerin begeistert. «Wenn es hoch kommt, stehe ich dreimal pro Woche in aller Herrgottsfrühe auf und bin um 6.15 Uhr in Trainingszeug und Turnschuhen parat.» Egal wie kalt, egal welches Wetter. «Es tut gut, schon am Morgen etwas für mich gemacht zu haben», sagt sie. So kann sie sich am Feierabend in aller Ruhe bis spät in ihre Schreibtischarbeit vertiefen.

Vom ländlichen Zürcher Säuliamt in die gemütliche Hauptstadt
Ihre Liebe zum Sport hat sie von zu Hause mitgekriegt. Sie ist mit zwei Geschwistern in Mettmenstetten in der Nähe von Affoltern am Albis aufgewachsen. «Im Winter ging es am Samstagmittag nach der Schule jeweils sofort rauf in die Berge, auf die Biberegg in Schwyz zum Skifahren», erinnert sie sich. Im Sommer war dann oft Wandern angesagt. Noch heute hält sie sich gerne in der Natur auf. «Das ist in Bern ideal – du bist sofort im Grünen.»

Vor 32 Jahren ist Manuela Angst nach Bern gezogen. «Ich kam wegen der Ausbildung und blieb wegen der Arbeit und der Liebe.» Die Jobs änderten sich, die Liebe verflog wieder, doch die Zürcherin blieb der Bundesstadt treu. «Das Berner Lebensgefühl hat mich hierbehalten», sagt sie begeistert. «Die Menschen sind herzlich, die Stimmung ist warm, ich mag die Vielfalt von Restaurants und Cafés, das reiche Kulturangebot und das viele Grün.» Ob sie nun im Rosengarten die Aussicht geniesst, der Aare entlangspaziert oder durch die Altstadt flaniert: «In Bern gibt es immer etwas zu entdecken.»

Ich blieb wegen der Arbeit und der Liebe. Heute bin ich durch und durch Bernerin. Bloss den Dialekt habe ich nicht angenommen.

In ihrer Freizeit trifft sie sich am liebsten mit Freunden – zum Essen, zum Apéro, im Theater oder an Vernissagen. Mittlerweile ist sie durch und durch Bernerin. «Bloss den Dialekt habe ich nicht angenommen», sagt sie und lacht. Und wer die Bernerinnen und Berner kennt, der weiss, dass viele ihre liebe Mühe mit Zürich haben und dies gerne bekunden.

«Natürlich werde und wurde ich wegen meines Dialekts manchmal auf die Schippe genommen.» Als sie vor zehn Jahren für die Stadt Bern als Leiterin Beziehungspflege und Repräsentation im Erlacherhof arbeitete, wurde sie schon mal entgeistert gefragt, was sie denn als Zürcherin hier mache. Doch sie liess sich davon nicht aus der Ruhe bringen: «Ich bin resilient.»

[IMG 3]Das Handwerk von der Pike auf gelernt – eine Praktikerin an der Spitze
Die Zürcherin stand schon früh im Arbeitsleben. Nach der Realschule hat sie eine Lehre in einem Gasthof in Affoltern am Albis gemacht, im «Baur au Lac» in Zürich gearbeitet und mit 21 Jahren die Hotelfachschule Thun absolviert. Später wechselte sie von der Gastronomie zur Swisscom. Dort organisierte sie unter anderem Anlässe und nahm an Messen repräsentative Aufgaben wahr.

Sie findet, dass sie der Gastronomiebranche treu geblieben ist: «Ich hatte in meinen Jobs vielfach die Rolle der Gastgeberin inne.» So auch später bei der Stadt Bern und beim Swiss Economic Forum in Thun. Was ihr dort besonders gefiel: «Ich kam mit unterschiedlichsten Leuten in Kontakt – von unerfahrenen Jungunternehmerinnen bis zu Persönlichkeiten wie Kofi Annan.»

Happiger Start geradewegs ins Lockdown
Vor gut zwei Jahren hat die 53-jährige Wahlbernerin die Leitung von Bern Welcome übernommen. Der Start war happig: Kaum zwei Monate im Amt, folgte der erste Lockdown, der Umsatz brach komplett ein. Vor allem das Ausbleiben der Businessgäste schmerzte: Sie machen in der Bundesstadt drei Viertel der Logiernächte aus. Doch nicht nur das war schwierig. Das Unternehmen hatte turbulente Zeiten hinter sich.

2017 war Bern Welcome als neue Destinationsmanagement-Organisation und als Nachfolgerin von Bern Tourismus gegründet worden. Neu sind hier Akteurinnen und Akteure aus Tourismus, Gewerbe, Hotellerie und Gastronomie unter einem Dach vereint. Das Ziel: den Standort Bern besser zu positionieren. Zudem wurde der Aktionsradius um das Gantrischgebiet und die Regionen Laupen, Emmental und Oberaargau erweitert.

Obwohl mit viel Enthusiasmus verkündet, war die Neuausrichtung kein Selbstläufer. Statt Erfolgsmeldungen machten unschöne Schlagzeilen zu internen Querelen die Runde. Manuela Angsts Vorgänger wurde entlassen, es folgte ein öffentlicher Schlagabtausch. Bei ihrem Start im Januar 2020 war da nicht nur die Corona-Krise: «Ich musste die neue Unternehmensstrategie umsetzen und Altlasten bereinigen», erzählt sie.

Finanzielle Herausforderung Pandemie
Es blieb eine Weile turbulent: Aus der Geschäftsleitung gab es vier Abgänge, und der neue Leiter Kommunikation blieb nur sechs Monate. Mittlerweile hat sich die personelle Situation beruhigt. Doch finanziell ist Bern Welcome angeschlagen. 2020 erlitt das Unternehmen einen Verlust von 2 Millionen Franken. Grund dafür sei einzig die Pandemie, erklärt Manuela Angst.

Mit À-fonds-perdu-Beiträgen des Kantons, einem Darlehen der Stadt Bern und der Unterstützung von weiteren Aktionärinnen und Aktionären konnte das Loch teilweise gestopft werden. Der Verlust ist kein Grund, an sich zu zweifeln. Denn: «Ich mag neue Herausforderungen. Sonst wird es mir langweilig», meint Manuela Angst mit einem entspannten Lachen im Gesicht.

«Als CEO muss man immer wieder viel aushalten.»

Aber: «Als CEO kommen dann die schlaflosen Nächte.» Sie versteht ihre Aufgabe jedoch nicht als One-Woman-Show. «Ich brauche das Team. Man ist nicht alleine, sondern im Team erfolgreich.» Ist man als CEO auch einsam? «Ja», kommt ihre Antwort schnell. «Als CEO muss man immer wieder viel aushalten.» Was tut sie, wenn zu viele geschäftliche Probleme und Aufgaben im Kopf rotieren? «Sport hilft immer», sagt sie. Ob es nun Joggen, Velofahren oder Skifahren ist.

Sich durchsetzen statt einknicken
Manuela Angst ist eine der wenigen Frauen in der Schweizer Tourismusbranche auf einem Chefsessel. Sie ist keine Vollbluttouristikerin, sie hat vielfältige berufliche Erfahrungen in Hotellerie, Gastronomie, im Marketing und Kongress- und Eventbusiness gesammelt – ein Know-how, das bestens zu Bern Welcome passt, das hauptsächlich Destinationsmanagement betreibt. [DOSSIER]

Musste sie denn als Frau mehr kämpfen, um sich behaupten zu können? «Nein», sagt sie. «Ich sehe es eher so: Man muss seinen Platz einnehmen, egal ob nun als Frau oder als Mann.» Immer wieder erlebt sie aber diese typischen Situationen in der männlich geprägten Berufswelt. Etwa wenn man als einzige Frau an einem Meeting sitzt. «Bei der Frage, wer das Protokoll schreibt, gehen die Blicke meistens zur Frau», erzählt sie. «Dann sage ich aber einfach Nein.» Das müssten Frauen halt lernen: nicht nachgeben, bloss weil es von ihnen erwartet werde.

«Wir müssen unsere Frau stehen, und wir dürfen uns nicht verstecken.»

Während ihrer Laufbahn habe sie ihre Vorgesetzten auch schon fragen müssen: «Redest du nun so mit mir, weil ich eine Frau bin? Oder würdest du auch mit einem Mann so sprechen?» «Oft ist diese Haltung gegenüber uns weiblichen Mitarbeitenden nicht böswillig, es ist halt einfach eingeübt – wir sind so sozialisiert.» Die Frauen sollten sich aber nicht den Männern angleichen: «Wir müssen unsere Frau stehen, und wir dürfen uns nicht verstecken.»

So hat sie manchmal Freude daran, als Frau aufzufallen, und trägt immer mal gerne Kleider in knalligen Farben. Ihren Sinn für Pragmatismus und ein gesundes Selbstvertrauen hat sie von zu Hause mitgekriegt: Ihre Mutter war zeitlebens selbstständig mit einem eigenen Nähatelier zu Hause, während ihr Vater als Zimmermann und SAC-Hüttenwart tätig war.

Wohnen im lauschigen Quartier, der Arbeitsweg ein Highlight
Manuela Angst wohnt in einem alten Backsteinhaus im Berner Kirchenfeldquartier, ihr Partner wohnt in seiner eigenen Wohnung, Kinder hat sie keine: «Irgendwie hat das nie in meinen Lebensplan gepasst.» Das ist ihr Naturell: Sie tobte schon als Kind lieber draussen herum, als dass sie mit Bébéwägeli gespielt hätte. Ihr Arbeitsweg bietet ihr jeweils ein Highlight, nämlich dann, wenn sie über die Kirchenfeldbrücke spaziert. «Die Sicht von hier aus ist schlicht einmalig, das ist Erholung pur.»

Ob die Strategie von Bern Welcome, das auf einen nachhaltigen, bevölkerungsverträglichen Tourismus mit Gästen aus dem Inland und dem nahen Ausland setzt, tatsächlich aufgeht, wird sich weisen. Die Optimistin Manuela Angst ist davon überzeugt. «Die Pandemie hat es gezeigt: Verantwortungsvolles Reisen, regionale Produkte und bleibende Erlebnisse sind immer gefragter.»


Steckbrief Manuela Angst

[IMG 2]

  • Alter: 53
  • Beruf: Vorsitzende der Geschäftsleitung von Bern Welcome
  • Was ich mag: das Gegenteil meines Nachnamens: Lebensfreude, Optimismus, Lachen, geselliges Beisammensein und Bewegung an der frischen Luft
  • Was ich nicht mag: Menschen, die ständig nörgeln und alles negativ sehen
  • Was ich werden wollte: Olympiasiegerin im Riesenslalom
  • Was ich verpasst habe: nichts
  • Darüber muss ich lachen: über mich
  • Auf diese Eigenschaft könnte ich verzichten: auf meinen Hang zum Perfektionismus
  • Im nächsten Leben werde ich…: Ich weiss es nicht, denn es wird ohne mich stattfinden.

Frauen im Fokus

«Dem Berg ist egal, ob Mann oder Frau»

Sigrid Schönthal ist eine der wenigen Bergführerinnen der Schweiz und Mutter zweier kleiner Töchter. Die Berge hinter sich zu lassen und stattdessen einen sichereren Job anzunehmen, kam für sie und ihren Mann, ebenfalls Bergführer, nie infrage – im Gegenteil.
Mischa Stünzi
Bergführerin Sigrid Schönthal in der Ruine Goldswil bei Interlaken: «Das Studium am Lehramt habe ich nur durchgestanden, weil ich damals schon wusste, dass ich später einmal Bergführerin werde.»
Bergführerin Sigrid Schönthal in der Ruine Goldswil bei Interlaken: «Das Studium am Lehramt habe ich nur durchgestanden, weil ich damals schon wusste, dass ich später einmal Bergführerin werde.» Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
Aufstieg an der Blüemlisalp.
Aufstieg an der Blüemlisalp. Bild: zvg
Bild: zvg
Sigrid Schönthal am Eisfallklettern.
Sigrid Schönthal am Eisfallklettern. Bild: zvg
Bild: zvg
Skitouren gehören ebenfalls zum Angebot der Bergführerin.
Skitouren gehören ebenfalls zum Angebot der Bergführerin. Bild: zvg
Bild: zvg
Nichts für Leute mit Höhenangst: Klettern am Mont Blanc.
Nichts für Leute mit Höhenangst: Klettern am Mont Blanc. Bild: zvg
Bild: zvg

Sigrid «Sigi» Schönthal ist konsequent: Eben hat sie ihre Stelle als Lehrerin in Grindelwald gekündigt, um wieder mehr als selbstständige Bergführerin tätig zu sein. Ihr Herz schlägt für die Berge. Wenn Schönthal über diese Welt zwischen Fels, Eis und Himmel erzählt, strahlen ihre Augen. Und dann sagt sie einen Satz, der aufhorchen lässt: «Die Berge geben mir eine gewisse Leichtigkeit und Lockerheit.» Ausgerechnet die Berge? Dieses Gelände, wo ein falscher Schritt zwischen Leben und Tod entscheiden kann, wo Fokus und Konzentration gefragt sind wie kaum wo sonst? Klar, die Anspannung und der Fokus seien beim Führen enorm, sagt Schönthal.

«Die Berge zeigen uns unsere Bedeutungslosigkeit. Sie werden noch da sein, wenn wir alle längst nicht mehr existieren. Das relativiert die eigenen Probleme.»

Sigrid Schönthal
Bergführerin

Trotzdem sei es ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl, wenn der Blick vom Gipfel in die schier unendliche Weite gehe. Und: «Die Berge zeigen uns unsere Bedeutungslosigkeit. Sie sind so gross, wir so klein. Und sie werden auch noch da sein, wenn wir alle längst nicht mehr existieren.» Das relativiere auch die eigenen Probleme.

Steckbrief:
Name: Sigrid «Sigi» Schönthal
Alter: 39
Beruf: Bergführerin und Lehrerin (80/20 im Herzen, 40/40 gemessen am Pensum)
Was ich mag: Humor, strahlende Kinderaugen und wenn es einem gelingt, nicht alles so ernst zu nehmen
Was ich nicht mag: Egoismus – egal, ob am Berg oder sonst wo
Was ich werden wollte: Bergführerin
Was ich verpasst habe: Nichts, ausser gestern früh ins Bett zu gehen
Darüber muss ich lachen: Über solche Fragen und Geschichten von früher
Auf diese Eigenschaft könnte ich verzichten: Ungeduld mit mir selber
Im nächsten Leben werde ich: ... erneut glücklich sein

Vom Schwarzwald ins Berner Oberland
Aufgewachsen am Rande des Schwarzwalds – jenem deutschen Gebirge, dessen höchster Gipfel, der Feldberg, auf knapp 1500 m ü. M. liegt –, wusste die heute 39-Jährige schon früh, dass sie einmal Bergführerin werden möchte. «Meine bergbegeisterten Eltern haben mich immer in die Berge mitgenommen», sagt Schönthal in breitem Walliser Dialekt. Zudem seien Bergsteiger aus dem Schwarzwald keine Seltenheit, betont sie, wohl nachdem sie den leicht skeptischen Unterton des Schweizer Fragestellers vernommen hat.

Nach ihrem Studium am Lehramt – «das ich nur durchgestanden habe, weil ich damals schon wusste, dass ich später einmal Bergführerin werde» – ist Schönthal ihrem Traum gefolgt und ins Wallis ausgewandert, wo sie neben verschiedenen Jobs 2015 ihre Bergführerausbildung abschloss.

In den Kursen war sie oft die einzige Frau – oder eine von zwei Frauen bei 20, 25 Teilnehmern. Da müsse man mit dummen Sprüchen rechnen, die aber nie gegen sie gerichtet gewesen seien. Es ist normal, dass auf Touren die ganze Truppe im gleichen Massenschlag übernachtet. «Wenn du damit nicht umgehen kannst, wird es schwierig», sagt Schönthal, die heute mit ihrer Familie in der Nähe von Interlaken lebt. Besonders geschont sei sie als Frau nie geworden, so die Alpinistin. «Es ist wichtig, dass die Frauen die genau gleichen Leistungstests absolvieren wie die Männer. Denn dem Berg ist es egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist.»

Viel wichtiger als Kraft ist Durchhaltewille
Haben Männer am Berg Vorteile gegenüber Frauen? «Im Schnitt sind sie kräftiger. Um einen Tritt ins Eis zu schlagen, haute in der Ausbildung ein Kollege neben mir mit einem Pickelschlag gleich viel Eis weg wie ich mit drei Schlägen.» Am Ende seien aber Durchhaltewille und Konzentrationsfähigkeit viel wichtiger als Kraft.

[IMG 3]Für Schönthal macht es keinen Unterschied, ob sie Frauen oder Männer am Seil hat. «Ich führe immer gleich. Obwohl: Es gibt schon einzelne Kunden – vorwiegend Männer – bei denen ich klar sagen muss: ‹Du machst jetzt genau das!›, weil sie sonst womöglich die Grenzen austesten», sagt sie und wählt dabei ihre Worte wie immer so bewusst, als seien es Tritte auf einem exponierten Grat. Dieses Testen der Grenzen kennt Schönthal auch von jüngeren Berufskollegen, wenn sie privat unterwegs sind. «Ich habe Kollegen in die Eigernordwand steigen sehen und dachte mir: ‹An deren Stelle, mit deren Fähigkeiten würde ich das nie machen.›»

Das Beispiel veranschaulicht womöglich, weshalb es deutlich mehr Bergführer als Bergführerinnen gibt – nur 6 Prozent der Mitglieder im Schweizer Bergführerverband sind Frauen: «Die Hemmschwelle, Bergführerin zu werden, ist bei Frauen grösser. Eine Frau muss sich zu 120 Prozent sicher sein, dass sie der Herausforderung gewachsen ist. Es hat auch bei mir eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe: Die Männer kochen auch nur mit Wasser», sagt Schönthal, die überzeugt ist, dass sich das Geschlechterverhältnis am Berg in Zukunft zugunsten der Frauen verschieben wird. Laut der Fachfrau gibt es eine junge Generation von Alpinistinnen, die mit viel Selbstbewusstsein und Präsenz bei der Sache ist – wichtige Vorbilder für künftige Bergsteigerinnen. «Aber die Männer werden in der Mehrzahl bleiben.»

[IMG 2]

Zwischen Wickeltisch und Hochgebirge
Schönthal und ihr Mann Mano, der ebenfalls Bergführer ist, haben zwei kleine Töchter. Wie gehen sie als Eltern mit dem Restrisiko um, das im Gebirge bei aller Vorsicht bleibt? Das Bewusstsein, dass etwas passieren könne, sei da. Alles andere wäre in dem Beruf blauäugig, sagt Schönthal. «Ich musste auch schon auf die andere Seite des Grats springen, weil ein Gast gestürzt ist.» Sich nach der Geburt einen sichereren Job zu suchen, kam aber weder für sie infrage noch für ihren Mann, mit dem sie sich die Kinderbetreuung teilt.

Wie wichtig Schönthal die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist, wird deutlich, wenn sie sagt: «Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich nicht genug Zeit mit den Kindern verbrächte. Gleichzeitig stresst es mich, wenn ich nicht so oft zum Führen komme.»

Klettert sie als Mutter anders als vorher? «Die klassische Frage», antwortet Schönthal und lacht. Aber ja, natürlich klettere sie heute anders als vor 10, 15 Jahren, als sie noch keine Kollegen gekannt habe, die tödlich verunfallt seien oder sich schwer verletzt hätten. «Aber das beobachte ich auch bei gleichaltrigen Bergführern, die keine Kinder haben. Das hat mehr mit der Erfahrung als mit dem Nachwuchs zu tun.» Auf dem Berg haben Gedanken an die Kleinen zu Hause so oder so keinen Platz. «Wenn ich auf dem Jungfraujoch aus dem Zug steige, bin ich zu 100 Prozent Bergführerin», sagt Schönthal. Dieser Fokus auf die bevorstehende Aufgabe passiere nicht bewusst, sondern ganz automatisch. «Wenn ich führe, gibt es nur mich, den Gast und den Berg.»

Die zwei Seiten der Women Peak Challenge
Bergsteigen hat oft auch mit Prestige zu tun. Von Bergen wie Matterhorn, Eiger und Dufourspitze geht eine spezielle Aura aus, und die mystifizierten 4000 Meter gelten Laien als Grenze zwischen Bergwanderung und Alpinismus. Dieser Prestigeaspekt sei bei männlichen Kunden nicht stärker ausgeprägt als bei weiblichen. «Viertausender und Prestigeberge haben nichts mit Mann und Frau zu tun. Ich habe auch Kundinnen, die mich vor einer Tour fragen: ‹Gell, wir gehen schon auf einen Viertausender?›»

[IMG 5]

Bezeichnend: Auch bei der von Schweiz Tourismus letztes Jahr durchgeführten 100 % Women Peak Challenge standen Prestigeberge im Zentrum. Mehr als 700 Bergsteigerinnen aus über 20 Ländern haben in reinen Frauenseilschaften alle 48 Viertausender des Landes erklommen. Als «überwältigende Spitzenleistung» bezeichnete Letizia Elia, Head of Business Development bei Schweiz Tourismus, das gelungene Unterfangen in einem Communiqué.

Sie stehe dieser Aktion ambivalent gegenüber, meint Schönthal, die selber im Rahmen der Challenge Stammkundinnen auf Viertausender geführt hat. Einerseits sei es grossartig, dass Frauen für die Berge begeistert würden. Schön auch, dass das Projekt so offen und so international gewesen sei – «auch wenn es mir zu denken gibt, dass die Mehrheit der Bergführerinnen aus dem Ausland kam».[IMG 4]

Andererseits fragt sich Schönthal: «Warum muss man die Leistungen der Frauen so hervorheben? Hat man ihnen das etwa nicht zugetraut?» Es habe schon vor über hundert Jahren Bergsteigerinnen gegeben. Und die entlegenen, schwierigen Gipfel seien im Rahmen der Peak Challenge von Frauen erklettert worden, die seit Jahren auf Berge stiegen, ohne dass jemand darüber schreibe.


«Frauen sind schon immer genauso begeistert, virtuos und unerschrocken auf Berge gestiegen wie Männer. Nur wurde das lange Zeit kaum dokumentiert», heisst es im Prospekt zur aktuellen Ausstellung «Fundbüro für Erinnerungen No. 2: Frauen am Berg». Die Ausstellung im Alpinen Museum Bern läuft noch bis Oktober 2023.

Frauen im Fokus

In der Hospitality- und Touristikbranche sind Frauen in Führungspositionen noch immer untervertreten. Dennoch haben sich viele von ihnen erfolgreich durchgesetzt. Mit einer Porträtserie rückt die htr hotel revue diese Frauen ins Rampenlicht und gibt so Einblicke in vielfältige Frauenkarrieren.

[DOSSIER]

Freizeitangebote

Töffli-Mädels und Industrie-Heldinnen

Berg- und Moped-Touren exklusiv für Teilnehmerinnen, Stadtführungen über Chefinnen und Women out in office – wie gefragt sind solche Angebote?
Christine Zwygart
Töffli-Mädels entdecken im Atzmännig-Gebiet die Gegend, gönnen sich Wellness und kulinarischen Genuss.
Töffli-Mädels entdecken im Atzmännig-Gebiet die Gegend, gönnen sich Wellness und kulinarischen Genuss. Bild: Atzmännig
Bild: Atzmännig
Liên Burkard, Projektmanagerin Unternehmenskommunikation und Mediensprecherin Schweiz Tourismus.
Liên Burkard, Projektmanagerin Unternehmenskommunikation und Mediensprecherin Schweiz Tourismus.

Wer kennt sie nicht, die grossen Namen der Schweizer Literatur: Jeremias Gotthelf, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch. Doch was ist mit Selina Chönz, Johanna Spyri und Silja Walter? Diese Schriftstellerinnen haben Figuren wie den Schellen-Ursli und Heidi erfunden, wurden mehrfach geehrt und ausgezeichnet – und doch sind sie im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit viel weniger präsent als ihre männlichen Kollegen.

Frauen und ihr Schaffen sichtbar machen, auf ihre Bedürfnisse eingehen und daraus spezielle Angebote im Reiseland Schweiz schaffen: Mit der Initiative «100 % Women» hat Schweiz Tourismus im vergangenen Jahr versucht, frischen – und vor allem weiblicheren – Wind in touristische Ideen zu bringen. Vielerorts haben sich Anbieter spezielle Aktionen exklusiv von und für Frauen ausgedacht. Doch was blieb?

Genuss- und Wellnesserlebnis für Töfflimädels
Der Atzmännig bei Goldingen SG ist ein beliebtes Ausflugsziel; vor allem aus der Agglomeration Zürich kommen viele Tagesgäste hierher. Seit 2018 können Gruppen die Gegend auch auf gemieteten Töffli erkunden, von Hofladen zu Hofladen fahren, Handwerkerinnen und Produzenten besuchen, fischen und kochen. «Als Pendant zu den Töffli-Buben haben wir im vergangenen Jahr die Töffli-Mädels ins Leben gerufen», erzählt Geschäftsführer Roger Meier. Diese Weekends sind angereichert mit einem Wellnessangebot im nahen Bleiche-Bad und einer Übernachtung im Holziglu oder in der alpin-chicen Lodge. Vor allem für Polterabend-Ausflüge werde das Angebot gerne gebucht, aber auch «ältere Damen mögen den nostalgischen Moped-Touch und schwelgen in Jugenderinnerungen».

In Weinfelden werden nun die ersten zwei Strassen nach Frauen benannt.

Vreni Brenner, Stadtführerin in Weinfelden TG

Mit fünf reinen Frauengruppen-Buchungen im 2021 hat die Aktion noch Luft nach oben; insgesamt begeisterten die Touren aber 1500 Teilnehmende. Und: Die Gäste kommen auch von weiter her. «Für uns ist es wirtschaftlich gut, wenn wir durch das Angebot mehr Übernachtungen und somit auch mehr Wertschöpfung generieren können», sagt Roger Meier. Und seien Frauen mal in der Region unterwegs, möchte er ihnen aufzeigen, dass der Atzmännig auch ideal für Familienfeste, Seminare und Frauenweekends sei, «sie also gleichermassen als Mütter, Geschäftsfrauen und Kolleginnen ansprechen».

Homeoffice im Tessin mit Rundherum-Service
Schon immer sind Frauen – seien es Freundinnen, Geschäftskolleginnen oder Schwestern – gerne bei Somarelli, im Zentrum für Mensch-Tier-Interaktion, im Tessiner Bleniotal eingekehrt. Für das Jubiläumsjahr 2021 und «100 % Women» haben sich die Gastgeberinnen etwas Neues einfallen lassen: dem Alltag entfliehen, Homeoffice in der Sonnenstube inklusive Pre-, Mid- und After-Work-Aktivitäten, ein gefüllter Kühlschrank oder eine besondere Cena Ticinese – auf Wunsch sogar mit Kinderbetreuung. «Leider ist das externe Homeoffice kaum auf Resonanz gestossen», sagt Susanne Bigler Gloor. Sie vermutet, dass Frauen, wenn sie verreisen, die Arbeit doch lieber daheim lassen und stattdessen für ein paar Tage ganz runterfahren möchten.

Andere Angebote für Frauen finden hingegen Anklang. Etwa der Workshop «Gehe deinen Weg & zeig dich», bei dem eine Gruppe in der Natur mit Tieren unterwegs ist. Dabei arbeitet jede Frau an ihrer Sichtbarkeit und übt, besser für ihre Anliegen einzustehen. Sie werden aus der Komfortzone gelockt, nehmen sich und ihr Umfeld anders wahr und geniessen den Austausch. «Diese Idee funktioniert nur in reinen Frauengruppen», sagt die Erlebnispädagogin. «Sind Männer mit dabei, verändern sich Dynamik und Rollenverständnis.»

Vorerst bleibt die Tessiner Homeoffice-Idee bestehen, über die Positionierung mit Frauenangeboten will das Team jedoch nochmals nachdenken. Auch wenn Susanne Bigler Gloor resümiert, «dass so oder so rund 80 Prozent der Gäste bei uns Frauen sind».

Ein Museum für Frauenliteratur in Solothurn
Gewichtige Namen stehen in den Geschichtsbüchern; von Frauen ist dort selten zu lesen. In Bern, Basel, Luzern und Zürich gibt es Führungen, die deren Schaffen und Wirken ins Zentrum stellen. Schon seit dem 8. März 2010, also seit fast zwölf Jahren, nimmt Vreni Brenner in Weinfelden TG interessierte Gäste auf ihre Stadtrundgänge mit und erzählt ihnen von interessanten Frauenfiguren: «Uns war damals klar: Wenn wir diese Geschichten nicht bald nachrecherchieren und aufschreiben, gehen sie einfach verloren.»

So gäbe es die Kartonfabrik Model Group und die Meyerhans Mühlen AG heute ohne den beherzten Einsatz zweier Frauen längst nicht mehr. Els Model (* 1902) und Johanna Meyerhans (* 1855) haben nach dem Tod ihrer Ehemänner die jeweiligen Firmen übernommen, geführt und an die nächste Generation weitergegeben. «Und das zu einer Zeit, als Chefinnen absolut ungewöhnlich waren – und unter entsprechender Beobachtung standen», erzählt Vreni Brenner. Rund zwanzig dieser Rundgänge begleitet sie pro Jahr. Und die meisten Besuchergruppen sind gemischt, denn «auch Männer interessieren sich für die berührenden Frauenschicksale».

Übrigens: Wer sein Wissen punkto Frauenliteratur aufbessern möchte, findet in Solothurn das «Kabinett für sentimentale Trivialliteratur». Gleichermassen Bibliothek und Museum, erhalten Interessierte hier Einblick in das Leben und die Gefühlswelt von einst. Romane und populäre Texte enthüllen eine erstaunlich komplexe und vielschichtige Welt der Frauen. Wie Stiftungsratspräsident Peter Probst erklärt, ist der Andrang hier zwar nicht gerade gewaltig, sie pflegten halt eher «eine Nische».

MySwitzerland.com/women


NACHGEFRAGT

«Wir konnten viele Frauen zum Bergsport inspirieren»

Frau Burkard, was war das Highlight bei «100 % Women» von Schweiz Tourismus? [IMG 2]
Im Jubiläumsjahr 2021 – mit 50 Jahren Frauenstimmrecht und der Erstbesteigung des Matterhorns durch eine Frau vor 150 Jahren – gab es viele Höhepunkte. Aus touristischer Sicht waren das sicher die Feierlichkeiten zu Ehren von Matterhorn-Besteigerin Lucy Walker und die Schau im Matterhorn-Museum mit dem Titel «Neue Perspektiven. Frauen in Zermatt – gestern und heute». Unser persönliches Highlight war die «100 % Women Peak Challenge».

Wie viele Frauen nahmen teil?
700 Bergsteigerinnen aus über 20 Ländern trugen dazu bei, dass mit der Gipfelbesteigung aller 48 Schweizer Viertausender durch reine Frauenseilschaften die Challenge erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

Wieso braucht es Anlässe speziell für Frauen?
Wir lancierten mit Partnern «100 % Women», um Frauen im Outdoorsport sichtbarer zu machen, Vorbilder zu schaffen und sie zu Neuem zu ermutigen. Frauen sind im Bergsport zwar keine Seltenheit mehr, aber immer noch untervertreten – sei es als Bergsteigerinnen oder als Bergführerinnen. Zudem glauben wir, dass wir durch reine Frauengruppen eine spezielle Atmosphäre und positive Eigendynamik fördern können.

Hat die Aktion nachhaltig etwas verändert?
Dazu haben wir keine Zahlen, aber durch den Erfolg, insbesondere mit der Peak Challenge, konnten wir viele Frauen zum Bergsport inspirieren. Einige haben dank der Aktion sogar ihren ersten Viertausender bestiegen. Die Bilder der Gipfelbesteigungen waren national und international stark sichtbar – auf Social Media, in den Medien und durch unsere Kampagnen. Das hilft, um für die Bedürfnisse der weiblichen Gäste in der Tourismusbranche und allgemein für die Anliegen der Frauen zu sensibilisieren.

Wie beurteilen Sie den wirtschaftlichen Erfolg solcher Aktionen?
In den entwickelten Ländern wächst die Zahl der gut ausgebildeten, finanziell unabhängigen Frauen mit Bedürfnis nach sportlichen Abenteuern in der Natur. Im Tourismus zeigt sich diese Entwicklung in der immer grösseren Nachfrage nach «women-only travel». Vieles spricht also dafür, dass es nicht nur ein flüchtiger Trend ist, weshalb wir die Initiative «100 % Women» auch 2022 fortsetzen.

Christine Zwygart

Frauen im Fokus

«Wir wissen genau, was wir können»

Die jungen Gastronominnen Meret Diener (27) und Linda Hüsser (27) führen gemeinsam das Restaurant «Zur Goldige Guttere» in Zürich: mit einer guten Portion Selbstbewusstsein, an der Hotelfachschule Lausanne erworbenem Know-how und einer differenzierten Haltung gegenüber Genderfragen.
Bernadette Bissig
Meret Diener (l.) und Linda Hüsser lernten sich an der Hotelfachschule Lausanne kennen und waren sofort auf einer Wellenlänge. Sie ergänzen sich bestens und halten sich auch mal gegenseitig den Spiegel vor.
Meret Diener (l.) und Linda Hüsser lernten sich an der Hotelfachschule Lausanne kennen und waren sofort auf einer Wellenlänge. Sie ergänzen sich bestens und halten sich auch mal gegenseitig den Spiegel vor. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
Eine Prise Glanz, respektive eine goldige Weste ab und zu, darf in der «Zur Goldige Guttere» nicht fehlen.
Eine Prise Glanz, respektive eine goldige Weste ab und zu, darf in der «Zur Goldige Guttere» nicht fehlen. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
Hier geht's ans Eingemachte: Die beiden Gastronominnen haben im Sommer in stundenlanger Arbeit Gemüse eingemacht.
Hier geht's ans Eingemachte: Die beiden Gastronominnen haben im Sommer in stundenlanger Arbeit Gemüse eingemacht. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller

Entspannt, selbstbewusst und energiegeladen: Das sind drei Attribute, die bestens zu den beiden jungen Gastronominnen Linda Hüsser und Meret Diener passen. Seit rund vier Monaten betreiben sie das Restaurant Zur Goldige Guttere am Brupbacherplatz im Zürcher Kreis 3. Der Name ist vielversprechend und sagt einiges über die Betreiberinnen aus. Die goldene Flasche – eben besagte «Guttere» – ist eine Reminiszenz an das traditionelle Wirtshausschild. Denn Hüsser und Diener transportieren Traditionen gerne und gekonnt ins Hier und Jetzt, lockern sie mit einem schelmischen Augenzwinkern auf und setzen eine Prise Glanz obendrauf. So hängt eine zeitgemässe Interpretation des Wirtshausschildes vor dem Eingang zum Lokal. An der Bar thront eine opulente, selbst getöpferte goldene «Guttere», und das Flaschensujet taucht nochmals neckisch in Form eines goldenen Pins – mit viel Ausdauer auf Ricardo ersteigert – am Revers der Servicemitarbeitenden auf.

Die beiden 27-Jährigen, die gemeinsam die Hotelfachschule Lausanne absolvierten, entdeckten ihre Leidenschaft für eine authentische, lokal geprägte und nachhaltige Gastronomie bereits während des Studiums. Vor einem Jahr – mitten in der Pandemie – machten sie sich mit dem Take-away-Konzept «Iklämmt» selbstständig. In der damals aufgrund von Corona temporär geschlossenen Olé Olé Bar in Zürich verkauften sie hausgemachte Käsetoasts aus Schweizer Produkten über die Gasse und hatten grossen Erfolg damit. Im Sommer folgte das Projekt «Atomic Fritten» in der Gotthardbar in Zürich. Ein ähnliches Konzept, diesmal mit selbst gemachten Pommes frites.

Das Restaurantkonzept lag praktisch fixfertig in der Schublade bereit
Neben ihren Take-away-Projekten schwebte ihnen jedoch stets die Idee eines eigenen Restaurants vor. So entwickelten sie ein Konzept, feilten am Businessplan und an Details. Als im Sommer der Betreiber des damaligen Restaurants Santo auf sie zukam und ihnen das Lokal zur Untermiete anbot, packten sie die Gelegenheit beim Schopf: «Es war genau das, was wir gesucht hatten. Von der Lage, der Grösse und vom Charme des Lokals her», erzählt Hüsser. Und Diener doppelt nach: «Wir konnten es zuerst gar nicht glauben und fragten uns, ist das wirklich ‹real›?»

[IMG 2] Doch, doch, es war ganz und gar «real», und die beiden Frauen brachten in kürzester Zeit ein Restaurant an den Start. Das Lokal und das Klein-Inventar wie Geschirr, Besteck und Gläser waren in gutem Zustand. Ein tüchtiges Durchputzen reichte. Die 40 hochwertigen Horgen-Glarus-Vintage-Stühle liessen sie sich von ihrem Umfeld sponsern. Die Tischplatten frischten sie mit Blecheinsätzen auf, die nun einen schönen Spiegeleffekt erzielen. Die Mutter einer Freundin nähte für sie aus gebrauchten weiss-grün gestreiften Geschirrtüchern passende Servietten. Sie bauten eine Website, kreierten ein Corporate Design, stellten ein Team zusammen, klügelten eine Getränkekarte aus, und Hüsser komponierte das erste Menü. Und zwei Wochen vor Eröffnung packte ihr ganzes Umfeld mit an, um das Restaurant «ready» zu machen.

Jö, ihr zwei, wollt ihr nun wirklich ein Restaurant aufmachen? Habt ihr euch das auch gut überlegt? Wollt ihr nicht noch ein bisschen warten?

Der Unternehmergeist der beiden jungen Frauen stiess jedoch nicht nur auf Gegenliebe. Es habe Reaktionen gegeben im Sinne von: «Jö, ihr zwei, wollt ihr nun wirklich ein Restaurant aufmachen? Habt ihr euch das auch gut überlegt? Wollt ihr nicht noch ein bisschen warten?», erzählt Hüsser. «Und dann denkt man sich, warum denn? Wären wir um die 50 und männlich, hätte es wohl keine solchen Rückmeldungen gegeben», so Hüsser weiter. «Dazu kommt, dass wir genau wissen, was wir wollen, was wir machen und was wir können. Wir haben alles bis ins kleinste Detail geplant und kalkuliert. Es ist unser Beruf», ergänzt Diener. Es sei halt eine Tatsache: Zu Beginn müsse man als Frau mehr leisten und selbstbewusster auftreten als Männer, konstatieren beide. Stelle sich der Erfolg ein, stehe der Applaus wiederum nicht ganz im Verhältnis zum Geleisteten.

[IMG 3]

Und genau dieses binäre Denken, das Unterteilen in männliche und weibliche Prägungen, Verhaltensweisen und antrainierte Rollen ist etwas, woran sich die beiden jungen Unternehmerinnen sehr stossen. «Ich bin überzeugt, dass alle enorm davon profitieren könnten, wenn wir nicht auf unser Geschlecht reduziert oder nicht in ein Genderschema gepresst würden. Auch die Männer», sinniert Diener. Doch dazu müssten laut den beiden jungen Gastronominnen zuerst Anpassungen des gesellschaftlichen Systems stattfinden, wie gleiche Löhne für Frauen und Männer, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexiblere Regelungen beim Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub, mehr Akzeptanz für Teilzeitstellen – auch für Männer.

«Es ist wichtig, dass wir für die Gleichberechtigung einstehen»
Da hilft nur, über all das zu reden, reden, reden. «Das Genderdenken ist in uns allen verankert. Wir alle müssen uns dessen bewusst werden und solche Automatismen in uns stoppen», sagt Diener. «Es ist wichtig, dass wir für die Gleichberechtigung einstehen und uns getrauen, Dinge anzusprechen, die wir nicht ‹easy› finden. Auch im nahen Umfeld, auch bei Freunden», führt Diener weiter aus.

Das Team der beiden Gastronominnen besteht aus zehn Teilzeitmitarbeitenden und ist sehr divers. Teils sind es Studienkolleginnen und -kollegen von der Hotelfachschule Lausanne, die ein bis zwei Abende mitarbeiten, teils Leute aus ihrem Netzwerk, die als Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in die Branche gefunden haben, hauptberuflich jedoch einer anderen Tätigkeit nachgehen. Und da ist auch der Onkel von Hüsser, der regelmässig frühmorgens voller Freude zum Gemüseschnipseln kommt.

Steckbrief:
Namen: Meret Diener, Linda Hüsser
Alter: beide 27
Berufe: Gastronominnen
Was wir mögen: D: Butter, Badi, «Brosecco», H: Apéro & Badi
Was wir nicht mögen: D: beim Jassen verlieren, H: Gurken!
Was wir werden wollten: D: Miss Schweiz, H: Hoteldirektorin
Was wir verpasst haben: D: Teen Mum zu werden, H: das Tram gestern
Darüber müssen wir lachen: D: über «Ali G Indahouse», H: mit Meret
Auf diese Eigenschaft könnten wir verzichten: D: Unpünktlichkeit, H: Unordentlichkeit
Im nächsten Leben werden wir: D: eine Kokospalme, H: eine Prinzessin

Anständige Löhne, korrekte Arbeitszeiten und flache Hierarchien
«Wir haben ein gutes Gespür dafür, wer zu uns passt und unsere Philosophie versteht», sagt Hüsser. Dementsprechend gut ist die Atmosphäre im Team, oder «smooth», wie es die beiden nennen. Damit es sich so anfühlt, tun die Chefinnen einiges. Sie bezahlen einen anständigen Lohn, garantieren Schichten von 8,5 Stunden und legen Wert auf einen schmackhaften gemeinsamen Znacht. Zudem pflegen sie eine flache Hierarchie und begegnen ihren Mitarbeitenden auf Augenhöhe.

Ihr eigenes Aufgabengebiet haben sich die beiden Unternehmerinnen aufgeteilt. Diener ist Gastgeberin, macht die Buchhaltung und die Finanzen sowie die gesamte Personaladministration. Hüsser ist für die Kommunikation, das Marketing und die Küche verantwortlich. Die Liebe zur Kulinarik und das Aufspüren neuer Produkte hingegen teilen sie sich.

Es ist nicht nur ein Konzept, sondern entspricht ihrer Lebensphilosophie
Ganz im Sinne der Philosophie von Hüsser und Diener kommen in der «Goldige Guttere» modern interpretierte saisonale, regionale Produkte auf den Tisch, ergänzt mit selbst Eingemachtem. Die Lebensmittel stammen mehrheitlich von kleinen Betrieben. Fleisch spielt eine zweitrangige Rolle. Das aktuelle Menü ist sogar ganz vegetarisch. Zum Zuge kommen zurzeit Wintergemüse wie Lauch, Schwarzkohl, Hülsenfrüchte und eingemachtes Sommergemüse.

Die Haltung, aufzutischen, was Saison und Region hergeben, ist für Diener und Hüsser der einzige sinnvolle Weg, Gastronomie zu betreiben. Es ist für sie nicht nur ein Konzept, sondern entspricht ihrer Lebensphilosophie. Man könnte sagen, die Unternehmerinnen betreiben hier ein Gastroprojekt, das ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit aufs Beste vereint. Wie langfristig ihr erstes Restaurantprojekt sein wird, ist noch offen. Vorerst läuft ihr Vertrag bis Ende September 2022. Im Frühling steht die Entscheidung an, ob eine Verlängerung infrage kommt. Wie auch immer diese ausfallen wird, an Ideen und Konzepten fehlt es der Gastgeberin und der Küchenchefin nicht. Sei es nun weiterhin in der «Goldige Guttere» oder anderswo. Und was auch nie fehlen wird, ist ganz viel Begeisterung und Leidenschaft für das, was sie tun: Gäste glücklich machen.

Frauen im Fokus

«Ich liebe Fakten und mag derbe Witze»

Als Vizedirektorin von Seilbahnen Schweiz behauptet sich Benedicta Aregger in einer Männerdomäne. Und: Sie fühlt sich unter den «Herren mit kurzärmligen karierten Hemden» sehr wohl. Dennoch stellt sie im Berufsleben klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest.
Lucie Machac
Benedicta Areggers ermutigendes Feedback an die Kolleginnen lautet: «Bringt euch ein – bleibt aber euch selbst. Und habt den Mut, auch mal schlechter zu performen als Männer.»
Benedicta Areggers ermutigendes Feedback an die Kolleginnen lautet: «Bringt euch ein – bleibt aber euch selbst. Und habt den Mut, auch mal schlechter zu performen als Männer.» Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller
«Frauen sind resilienter als Männer», findet Benedicta Aregger.
«Frauen sind resilienter als Männer», findet Benedicta Aregger. Bild: Susanne Keller
Bild: Susanne Keller

Benedicta Aregger legt den Kopf zur Seite und fragt lakonisch: «Wissen Sie, was der Vorteil ist, wenn Sie als Frau in einer männerdominierten Branche arbeiten? Sie müssen auf den Toiletten nie anstehen.» Ein beliebter Running Gag an Kongressen, unter Frauen, doppelt sie nach. Wir sitzen in einem Berner Café, gerade wurde der Grüntee serviert. Benedicta Aregger hat sich bereit erklärt, aus ihrem Berufsalltag zu erzählen, wie es war, Karriere zu machen, und ob die Geschlechter wirklich so ungleich ticken, wie behauptet wird.

Die Krise als Zeitalter der Verbände
Die 53-Jährige ist Vizedirektorin von Seilbahnen Schweiz, der Frauenanteil liegt in ihrer Branche bei mageren 20 Prozent. Aregger ist erst vor rund einem Jahr zum Verband gestossen, mitten in der Pandemie. Courant normal kennt sie nicht. Die Zugerin musste nicht nur die neue Verbandsstrategie 2022–2025, sondern auch gleich das Krisenmanagement stemmen. Sprich: Branche und Öffentlichkeit über Corona-Massnahmen à jour halten und für die Anliegen der Seilbahnen in Bundesbern weibeln. Eigentlich eine dankbare Aufgabe, findet Aregger: «Die Krise ist das Zeitalter der Verbände, alle sind froh, dass wir die Zügel in die Hand nehmen.»

Steckbrief:
Name: Benedicta Aregger
Alter: 53
Beruf: Vizedirektorin Seilbahnen Schweiz
Was ich mag: dumme Sprüche, Lachen, Bewegung, Musik, frische Luft, Essen, Freunde, die Wolken beobachten und «Exodus» von Quincy Jones
Was ich nicht mag: Geiz, Fantasielosigkeit, Selbstgerechtigkeit gepaart mit Dummheit
Wer ich werden wollte: ein anständiger Mensch und irgendwie happy
Was ich verpasst habe: ffffferpasst? Kä Luscht, mich damit zu befassen
Darüber muss ich lachen: Monty Python, trümmlige Sprüche und nicht selten die Frisur meines Mannes (oder die eigene…)
Auf diese Eigenschaft könnte ich verzichten: Tendenz, stets alles zu hinterfragen
Im nächsten Leben werde ich: nicht mehr vorhanden sein

Dass sie ausgerechnet bei den Seilbahnen glücklich werden würde, hat sie selbst ein bisschen überrascht. «Ich kann hier sehr viel gestalten und möchte den Verband noch weiter professionalisieren. Ausserdem kann ich mich geben, wie ich bin, und auch so reden, wie ich möchte.» Und dies, obwohl sie es vorwiegend mit «Herren in kurzärmligen karierten Hemden» zu tun hat. Die Leute seien bodenständig und ehrlich, und wenn sie zum Beispiel nach einem Vortrag auf die Herren zugehe und einen träfen Spruch mache, sei sie schnell eine von ihnen. Das angenehme Klima habe aber auch mit dem Direktor des Verbandes zu tun, Berno Stoffel. «Wir beide reden nicht gern um den heissen Brei herum, haben denselben Humor und wollen Gas geben für die Branche.» Dass sie in einer Männerdomäne arbeitet, stört sie kaum. «Ich erfahre hier sehr viel Wertschätzung.»

Viel Ego unter Männern
Das war nicht immer so. In ihrem vorherigen Job in der Energiebranche, wo Benedicta Aregger die politische Interessenvertretung und das Lobbying verantwortete, war der Umgang sehr männlich geprägt gewesen. Vornehmlich Männer mit Doktortiteln, die allzu oft erst ihr Expertentum demonstrieren mussten, bevor sie zum eigentlichen Punkt kamen. «Wenn man dort oft als einzige Frau an Sitzungen teilnimmt, können solche Revierkämpfe sehr anstrengend sein.» Sie vermutet darin auch einen der Gründe, weshalb es so wenige Frauen in Führungspositionen schaffen. Frauen müssten in männerdominierten Jobs anders agieren, ja eine Art Fremdsprache lernen.

«Der Habitus unter Männern ist weniger ‹gspürsch mi›, dafür etwas lockerer, mit einer guten Portion Ego obendrauf.»

Gelinge ihnen dies, seien sie jedoch schnell akzeptiert. «Der Habitus unter Männern ist weniger ‹gspürsch mi›, dafür etwas lockerer, mit einer guten Portion Ego obendrauf.» Kommt hinzu, dass Frauen ihr Leben umfassender betrachten – privat, beruflich, familiär. «Sie haben meist mehrere Standbeine, weshalb der Beruf nicht immer gleich bedeutsam ist wie bei Männern. Oder sie spüren, dass ihnen das Umfeld nicht guttut, und versteifen sich nicht auf eine Karriere.» Oder aber sie ziehen sich aus der Berufswelt zurück, sobald sie Mütter werden. «Das geht in der Schweiz bekanntlich bedenkenlos, meist gibt es sogar Lob dafür. Führungsfrauen mit Familie sind dagegen suspekt und werden schnell als Streberinnen und Rabenmütter abgestempelt.»

Typisch weiblich war Benedicta Aregger nie
Damit sich dies ändert, sollten jedoch nicht nur Männer ihre Haltungen revidieren. «Junge Frauen müssten ihre Partner stärker in die Pflicht nehmen, wenn sie Kinder bekommen. Wer wie viel Karriere macht, sollte das Paar vorher aushandeln. Aber da sind viele Frauen immer noch romantisch verklärt und zu sehr auf den Prinzen fokussiert.»

«Frauen in Chefpositionen geniessen nicht dieselbe Selbstverständlichkeit wie Männer. Sie werden öfter hinterfragt, auch von Frauen.»

Aregger selbst wusste indes schon als Teenager: «Ich möchte unabhängig sein und finanziell für mich selbst sorgen.» Typisch weiblich, das sei sie nie gewesen. «Im Job bin ich ehrgeizig, mag derbe Witze, liebe Fakten, und nach Auftritten ist mir ein Flachmann als Dankeschön lieber als ein Blumenstrauss.» Sie habe aber auch eine ausgeprägte empathische Seite, die man ihr nicht immer zugestehe. «Ich bin eine Vermittlerin, die es durchaus harmonisch mag.» Dass sie in ihrer Unabhängigkeit nie Kinder wollte, oder wenn, dann immer «vielleicht später», fühlt sich im Rückblick wie eine Art Rebellion gegen den elterlichen Lebensentwurf an.

Ihr Vater war katholischer Priester, bevor er eine Familie gründete. Danach arbeitete er als Laientheologe, die Mutter war Hausfrau. «Ich habe gesehen, wie viel Aufopferung von meiner Mutter nötig war, um vier Kinder grosszuziehen, den Haushalt zu schmeissen und sich auch noch ehrenamtlich zu engagieren, und da wollte ich ganz egoistisch zuerst mein eigenes Ding machen.»

Statt New York wurde es Bern
Nach dem Studium der Ethnologie und russischen Sprache in Zürich hatte Benedicta Aregger grosse Pläne. Erst für die UNO oder das IKRK in Genf arbeiten, später nach New York ziehen und von dort aus die Welt der internationalen Organisationen erobern. Dass sie seit Jahrzehnten in Bern in technischen Branchen arbeitet statt im Namen der Humanität um die Welt zu jetten, quittiert sie mit einem Schulterzucken. «Beim IKRK wollten sie mich nicht, ich sei zu tough, und bei der UNO schien mir das Prozedere extrem kompliziert, sodass ich diesen Plan verwarf. Und ausserdem war ich damals frisch verliebt.»

«Frauen sollten sich im Job öfter mit Männern statt mit anderen Frauen messen.»

Tatsächlich ist Benedicta Aregger nach dem Studium mit ihrem damaligen Partner nach Bern gezogen. Ein Job in der Bundesverwaltung war da naheliegend. Als das Bundesamt für Verkehr eine Generalistin suchte, bewarb sie sich – und wurde genommen. Später wechselte sie als Referentin ins Generalsekretariat des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek), wo sie unter anderem Reden für Ex-Bundesrat Moritz Leuenberger schrieb.

[IMG 2]

Wenn die 53-Jährige heute auf ihr Berufsleben zurückblickt, stellt sie klare Unterschiede in der Wahrnehmung der Geschlechter fest. «Frauen in Chefpositionen geniessen nicht dieselbe Selbstverständlichkeit wie Männer. Sie werden öfter hinterfragt, auch von Frauen, und müssen ihre Position mit ihren Mitarbeitenden öfter verhandeln.» Und dies, obwohl sie «zuverlässiger sind, sachorientierter und besser kommunizieren». Ganz grundsätzlich findet Aregger, seit bald zehn Jahren mit einem Luzerner verheiratet, Frauen resilienter als Männer. «Vielleicht weil sie vieles besser spüren und deshalb auch antizipieren können. Sie sind psychisch meist stärker, weil sie ehrlicher zu sich selber sind, und krisenresistenter, weil sie seltener in einer privilegierten Rolle sind und deshalb besser gelernt haben, mit Schwierigkeiten umzugehen.»

Frauen messen sich oft mit anderen Frauen
Die Vizedirektorin ist überzeugt, dass Quoten durchaus Sinn machen, wenn der Frauenanteil in den Teppichetagen steigen soll, «auch weil gemischte Teams bessere Leistungen erbringen». Damit ist es aber nicht getan. «Frauen sollten sich im Job öfter mit Männern statt mit anderen Frauen messen, also sich nach oben kämpfen, statt nach unten zu treten.» Frauen seien oft zufrieden, wenn sie besser als ihre Kolleginnen vorankämen.

«Bringt euch ein – bleibt aber euch selbst. Und habt den Mut, auch mal schlechter zu performen als Männer.»

Wollen sie in Männerjobs aufsteigen, brauchen sie allerdings ein gesundes Selbstbewusstsein. Für Aregger war es «enorm hilfreich», dass sie von anderen – Männern wie Frauen – ermutigt wurde, ihre Meinung kundzutun. «Erst als ich Zuspruch bekam, wurde mir bewusst, dass meine Ideen durchaus geschätzt werden, und was ich zu sagen habe, ist gar nicht so dumm.» Darum sei es wichtig, Frauen zu fördern, sei dies mit Worten oder mit Quoten. Benedicta Areggers ermutigendes Feedback an die Kolleginnen lautet deshalb: «Bringt euch ein – bleibt aber euch selbst. Und habt den Mut, auch mal schlechter zu performen als Männer.»