Der Betrieb am Flughafen Zürich ist sehr komplex. Dies ist unter anderem auf die geographische Lage, auf die sich kreuzenden Pisten und Flugrouten sowie auf lärmpolitische Gründe zurückzuführen.Der Bundesrat hat das sogenannte Objektblatt des Sachplans Infrastruktur Luftfahrt (SIL) neu festgesetzt. Mit der vorgenommenen Anpassung des SIL will er insbesondere die Sicherheitsreserven erhöhen.

Mit den neuen Massnahmen liessen sich zudem gewisse Kapazitätseinbussen kompensieren, die sich in den vergangenen Jahren aus diversen Gründen eingestellt hätten, hält der Bundesrat in einer Mitteilung fest. «Eine Kapazitätssteigerung zur Deckung der über das Jahr 2030 hinaus zu erwartenden Verkehrsnachfrage ermöglicht der SIL aber nicht.»

Neue Südstarts geradeaus
Die grösste Herausforderung stelle heute vor allem der Betrieb bei Bise oder Nebel dar, schreibt der Bundesrat weiter. Um die Sicherheitsmarge zu verbessern, ermöglicht der angepasste SIL bei solchen Wetterlagen deshalb neu den Südstart geradeaus. Mit diesem Flugregime entfallen gegenüber dem derzeitig angewandten System verschiedene Kreuzungspunkte.Die Zürcher Regierung hatte zum Schutz der Bevölkerung zumindest den Verzicht auf den umstrittenen Südstart geradeaus bei Nebel verlangt. Die Notwendigkeit sei nach wie vor «unzulänglich begründet», hält sie in einer Mitteilung fest.

Zufrieden zeigt sich der Regierungsrat hingegen damit, dass beim neuen Südstart die Langstreckenflugzeuge länger geradeaus geführt werden als ursprünglich vorgesehen. Mit dem Verzicht auf die frühere Rechtskurve entfalle die Flugroute «direkt über das Stadtzentrum von Zürich». So könne eine weitere Belastung der ohnehin schon erheblich belasteten Stadt vermieden werden.

Zwei Pisten sollen länger werden
Im SIL sind auch die Verlängerungen der Pisten 28 und 32 aufgenommen worden, die seit langem angedacht sind. Diese Massnahmen sollen ebenfalls den Betrieb vereinfachen.Dank der Verlängerung der Ostlandepiste 28 um 400 auf 2900 Meter sollen beispielsweise dereinst sämtliche Flugzeugtypen auch bei schlechteren Bedingungen aufsetzen können.

Heute müssen die grossen Langstreckenflugzeuge unter anderem bei Nässe oft auf den Südanflug auf die längere Piste 34 ausweichen.Das Umstellen zwischen den verschiedenen Anflugrouten erhöht die Komplexität des Betriebes.

Jahre bis zum Südstart geradeaus
Der SIL-Entwurf wurde im vergangenen September für ein Anhörungs- und Mitwirkungsverfahren öffentlich aufgelegt. Rund 5300 Stellungnahmen von Kantonen, Gemeinden und Bürgern gingen daraufhin ein. Das vom Bundesrat bewilligte Objektblatt entspricht weitgehend dem ursprünglichen Entwurf.Das SIL-Objektblatt bildet die Grundlage für die Infrastruktur und den Betrieb des Flughafens.

Die Flughafen Zürich AG kann nun gestützt auf diese vorgegebenen Rahmenbedingungen ein Betriebsreglement ausarbeiten. Dieses muss – nach Zustimmung durch den Zürcher Regierungsrat – dem Bund zur Genehmigung vorgelegt werden.Bis die Südstarts geradeaus kommen, dürfte es noch einige Zeitdauern: «Erfahrungsgemäss ist bis zur Einführung des neuen Betriebsreglements mit einem Zeithorizont von mehreren Jahren zu rechnen», schreibt der Bundesrat.

Stadt und Kanton Zürich kritisieren Südstarts geradeausbei Nebel
Der Zürcher Regierungsrat und der Stadtrat vonZürich sind erleichtert, dass der Bundesrat auf die ursprüngliche Flugroutedirekt über das Stadtzentrum von Zürich verzichtet, wie sie in ihrenStellungnahmen zum angepassten SIL-Objektblatts für den Flughafen Zürichschreiben. Der Zürcher Stadtrat nimmt aber mit Unverständnis zurKenntnis, dass mit der SIL-Anpassung regelmässige Südstarts geradeaus bei Nebelund Bise möglich sind. Nach Ansicht des Regierungsrates bleibt insbesondere dieNotwendigkeit von Südstarts geradeaus bei Nebel «nach wie vor unzulänglichbegründet».

Der Stadtrat begrüsst es, dass die Südstarts geradeausüber Mittag und die «Bellevue-Kurve», die langgezogene Rechtskurve ingeringer Höhe über die Zürcher Innenstadt, vom Tisch sind, wie er in seinerMitteilung schreibt. Der Tiefflug über dichtest besiedeltes Gebiet im Süden desFlughafens sei lärmtechnisch die schlechteste aller Variante. Südstartgeradeaus müssten die Ausnahme bleiben.

Dass der Bundesrat dem Antrag des Kantons, den Einsatzdes neuen Bisen- und Nebelkonzeptes jährlich in einem Monitoringauszuweisen, nicht entsprochen hat, wird von Regierungs- und Stadtratkritisiert. Der Regierungsrat anerkennt aber, dass die anderevorgesehene Massnahmen einen positiven Beitrag zur Erhöhung derSicherheitsmarge des Flugbetriebs leisten. Er erhofft sich auch, dass diesiebenstündige Nachtruhe künftig besser eingehalten wird.

Allgemeine Unzufriedenheit bei Vereinen
Die verschiedenen Vereine, Verbände und Organisationenrund um den Flughafen, die am Mittwoch zu den SIL-Änderungen Stellung bezogen,reagierten unzufrieden – aus unterschiedlichen Gründen. So nimmt die Vereinigung «Pro Flughafen» zwarmit Erleichterung zur Kenntnis, dass «die drängendsten und akutestenbetrieblichen Probleme am Flughafen Zürich gelöst werden». Aber diemittel- und langfristigen Kapazitätsengpässe würden nicht behoben, kritisiertsie. «Dies widerspricht dem klaren Auftrag des SIL.»

Das Komitee weltoffenes Zürich stuft die Anpassungendeshalb als blosse «Pinselrenovation» ein: Es würden nur einigeFragen der Gegenwart angegangen, grundlegende raumplanerische Fragen aber nichtangepackt. Im Süden des Flughafens stösst erwartungsgemäss der neueSüdstart geradeaus bei Bise und Nebel auf Kritik: «Der Bundesrat fährt mitder Dampfwalze über eine ganze Region», hält das Fluglärmforum Süd fest.

Der Verein «Flugschneise Süd - Nein» und dieStiftung gegen Fluglärm bezeichnen den Entscheid als «Totalversagen derPolitik» und «Verrat an der Bevölkerung». Sie befürchten «einen Aufstand der Bevölkerung, wenn die Südstarts geradeaus tatsächlicheingeführt werden». Im Norden des Flughafens ärgert man sich derweil über dieim SIL vorgesehenen Pistenverlängerungen: Diese seien sowohlsicherheitstechnisch als auch betrieblich unnötig, schreibt die IG-Nord. Eswerde mit Scheinargumenten auf eine Kapazitätsausweitung hingearbeitet, welchedie Bevölkerung im Norden noch stärker belasten werde.(sda/og)