Urs Pfenninger, am kommenden Wochenende finden die populären internationalen Adelbodner Skitage statt. Wie oft pro Tag konsultieren Sie den Wetterbericht?

Vor der offiziellen Schneekontrolle vom 2. Januar geschah das bestimmt zweimal pro Tag. Jetzt nehme ich es gelassener. Der Schnee ist gut, und für das Wochenende ist Traumwetter angesagt.

Wie wichtig ist der Grossevent mit seinen jeweils rund 40 000 Besuchern für den Tourismus in Adelboden?

Der Audi FIS Ski-Weltcup ist sicher einer der zentralsten Anlässe, nicht nur für Adelboden, sondern die ganze Region, ja sogar für das ganze Berner Oberland.

Urs Pfenninger, Jahrgang 1969, studierte an der Universität seiner Heimatstadt Bern Neuere allgemeine Geschichte, Staatsrecht und Politikwissenschaften, bildete sich weiter im Bereich Kommunikation und arbeitete unter anderem als Leiter Kommunikation bei der BLS Lötschbergbahn AG, Leiter Direktionsstab im Bundesamt für Gesundheit (BAG) sowie Leiter Politik und Kommunikation bei Santésuisse. 2013 fasste er als Quereinsteiger im Tourismus Fuss, zuerst als Direktor von Adelboden Tourismus, 2018 als Direktor der neu gegründeten Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg AG (TALK). Urs Pfenninger ist zudem Präsident der Destinationen Kanton Bern (DBE). Zu seinen Hobbys zählt er Bergsport, Segeln und Kultur.

Lässt sich die Langzeitwirkung messen?

Es gibt verschiedene Messungen und Wertschöpfungsstudien. Daraus nur zwei Zahlen: Bei einem Budget von rund 5,5 Millionen Franken wird alleine in der Region eine Wertschöpfung von rund 16,5 Millionen Franken erzielt.

Sie sind nicht nur Tourismusdirektor von Adelboden, sondern Direktor von Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg (TALK). Eigentlich müssten die Skirennen alternierend in den drei Ferienregionen stattfinden.

Das Chuenisbärgli ist Kult wie das Lauberhorn oder die Streif oberhalb von Kitzbühel. Aber ja, die Idee alternierender Rennen wäre neckisch. (lacht) Und mit der Tschentenalp ob Adelboden oder der Metsch und auf der Wallegg an der Lenk gibt es ja weitere offizielle FIS-Pisten.

Wie haben Sie es geschafft, dass sich drei Berner Oberländer Täler auf touristischer Ebene zusammengeschlossen haben?

Es war wohl letztlich ein Mix aus Willen, Überzeugungskraft, Hartnäckigkeit, Psychologie und einer Prise Machiavellísmus. Sicher hatte auch der finanzielle Druck des Kantons Bern einen grossen Anteil.

Wie zeigt sich Ihr Machiavellismus?

Vielleicht mit dem Schaffen von Umständen, die Alternativen als sehr, sehr teuer erscheinen liessen.

Hilft es, dass Sie als Stadtberner ein «Unterländer» sind?

Manchmal hilft es, ein Auswärtiger zu sein. Gewisse Dinge hätten sich wohl als Ur-Einheimischer mit dem entsprechenden familiären Hintergrund nicht realisieren lassen. Im Kontext der angesprochenen Destinationsverdichtung kam sicher auch dazu, dass mir von Beginn weg die ganze Region gleich lieb und wichtig war.

Wie definieren Sie die heutige Rolle eines Tourismusdirektors?

Ich bin seit Jahren überzeugt, dass sich Destinationsorganisationen weg von der reinen Marketing- zur eigentlichen Tourismusmusentwicklungsorganisation oder Standortförderung wandeln müssen. Erfreulicherweise ist das inzwischen auch in der Lehre angekommen. Das bedeutet für die Tourismusverantwortlichen einen Job als Integrator, Initiator oder – wenn Sie wollen – die Rolle als eine Art oberster Projektleiter.

Standortfördernd sind etwa die von Ihnen lancierten Projekte Mountain Lab, Zweitwohnungssanierung oder Hotelkooperationen. Reden wir zuerst über das 2019 eröffnete Mountain Lab, ein Co-Working-Space mit integriertem Tourist-Center. Warum soll ich meinen Computer in Adelboden hochfahren?

Wir alle kennen die überlasteten, aus allen Nähten platzenden urbanen Infrastrukturen. Und wir wissen um die Problematik der Abwanderung aus den Bergregionen, dies bei gleichzeitig ungenügend ausgelasteten, aber teuren touristischen Infrastrukturen. Deshalb haben wir ein integriertes Konzept entwickelt, das den Trend der Vermischung von Arbeit und Freizeit aufnimmt. Wir bieten Berufstätigen die Möglichkeit, in Adelboden professionell zu arbeiten und dabei die umfassenden touristischen Angebote zu nutzen. Und gleichzeitig führen wir das gute alte «Verkehrsbüro» in eine Erfolg versprechende Zukunft.

Ihre ersten Erfahrungen?

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass ein Co-Working-Space alleine im alpinen Raum nicht funktioniert. Es braucht zweckdienliche Anlässe, eine Art Community und passende Übernachtungsangebote. Wir sagen Letzterem «Co-Living».

Wer nutzt das Angebot?

Das testen wir derzeit aus. Im Moment sind es Privatpersonen aus der Schweiz, aber auch etwa aus Neuseeland, zudem Projektgruppen des Bundes oder von privatwirtschaftlichen internationalen Unternehmen. Wir prüfen gegenwärtig, welche Zielgruppen wir künftig prioritär bearbeiten wollen.

2016 lancierten Sie die Initiative «Sanierung ist die halbe Miete», die die Wertschöpfung im Ort behalten soll. Wie funktioniert das Modell?

Es ist eigentlich ganz simpel. Umbauwillige Ferienwohnungs- oder Chalet-Besitzende profitieren von Beratungsleistungen für energetische Sanierungen, Auslastungsziffern, Baugesuche und so weiter. Alles Dinge, die man nicht gerne macht. Diese von der Gemeinde finanzierten Beratungen können in Anspruch genommen werden, sofern die Leute einen wertsteigernden Umbau beziehungsweise eine Sanierung einerseits ausschliesslich mit einheimischem Gewerbe umsetzen und sich zudem verpflichten, ihre Liegenschaft mindestens während dreier Jahre über die Plattformen der Tourismusorganisation zu vermieten.

Wie lautet Ihre vorläufige Bilanz?

Wir haben immer gesagt, dass es im Jahr nur wenige Umbauten geben wird. Aber es ist direkte Wertschöpfung im Bereich mehrerer Hunderttausend Franken und Steuersubstrat der lokalen Firmen, die ihre Mitarbeitenden im Ort halten können. Ich bin überzeugt, dass die Idee noch an Relevanz gewinnen wird. Die jüngeren Generationen – das hat eine Studie der Fachhochschule Graubünden nachgewiesen – sind offener für eine Vermietung ihrer Wohnungen. Teilen ist die neue Form des Besitzes.

Zu der von zehn Familienbetrieben gegründeten Hotelkooperation Frutigland: Welche Erwartungen haben sich erfüllt, welche nicht?

Das Wichtigste ist das gewachsene Vertrauen, also die Überwindung des Misstrauens gegenüber dem vermeintlichen Konkurrenten. Wenn ich mich erinnere, wie sich einige Kooperationspartner anfänglich lediglich den gemeinsamen Einkauf vorstellen konnten, und nun miterlebe, wie gemeinsam Marketing und sogar Personalmanagement betrieben wird, erfüllt mich das mit grosser Freude. Sicher war es so, dass man sich in zu kurzer Zeit zu viel vorgenommen hatte. Den Zeitfaktor haben wir unterschätzt.

Was würden Sie bei der Lancierung einer Hotelkooperation heute anders machen?

Bei der Lancierung hatten wir vor allem zueinander passende Betriebe im Fokus. Wichtiger ist jedoch der gute Mix verschiedener Persönlichkeiten. Es braucht Visionäre, tatkräftige Initiantinnen und geerdete Umsetzer. Leute, die sich ergänzen, beflügeln oder sich eben auch auf den Boden zurückholen.

Was steht 2020 im Fokus Ihrer Aktivitäten?

Geplant ist ein Jahr der Konsolidierung, das Schrauben und Verbessern am Bestehenden.

Sie sind seit bald acht Jahren im Berner Oberland aktiv. Ermüdungserscheinungen kennen Sie nicht?

2013, als touristischer Quereinsteiger, las ich von der Halbwertszeit der Tourismusdirektoren von drei Jahren. Aber im Ernst: Die Vielseitigkeit der Funktion hält einen jung.

Tourismusdirektor ist noch immer der schönste Beruf, den es gibt?

Sicher einer der abwechslungsreichsten – und manchmal einer der dankbarsten.