Winnaretta Zina Singer, Sie sind seit kurzem Head of Innovation Pole der EHL. Womit sind Sie derzeit beschäftigt?

Im Moment konzentriere ich meine ganze Energie auf das Innovationsdorf, das wir an der Hotelfachschule, oder genauer in Le Chalet-à-Gobet, gründen. Ich arbeite hinter den Kulissen, verfeinere das Gesamtkonzept und bringe die Gespräche mit der Immobilienabteilung der EHL zum Abschluss. Danach wird es darum gehen, das Projekt zum Leben zu erwecken, sich über Konventionen hinwegzusetzen, zur Innovation anzuregen und eine neue Kultur zu begründen.

Sie waren vorher bei der EPFL, wo Sie sich auch schon mit Innovation befassten. Welche Verbindungen sehen Sie zwi-
schen den Welten der Wissenschaft und der Hospitality?

An der EPFL war ich für die strategischen Partnerschaften mit den Grossunternehmen vom Innovation Park zuständig. Ich habe in Ökosystemen gearbeitet, in denen Start-ups, Grossunternehmen und Forschung miteinander verbunden sind. Es gefällt mir, Innovation zu stimulieren. Ob in der Wissenschaft oder in der Hospitality: Heute kommt es auf diese grossen Themen an, auf die zentralen Herausforderungen, die sich uns stellen, wie Ernährung und Mobilität. Die digitale Welt beeinflusst alle Industriezweige, auch die Hotellerie. Die Vision von der Entwicklung eines Markts geht über die Forschung, und hier legt die EHL gerade kräftig zu.

Zur Person
Winnaretta Zina Singer ist seit Mai Head of Innovation Pole der EHL. Sie ist in Monaco aufgewachsen, ihr Vater ist angelsächsischer und ihre Mutter iranischer Abstammung. Sie hat das Konzept des Key Account Managements an der EPFL und am EPFL Innovation Park eingeführt, wo sie während über fünf Jahren für strategische Partnerschaften zuständig war. Ausserdem hat sie abwechselnd in Start-ups und Grossunternehmen Erfahrungen im Management und Account Management, in Vertrieb und Marketing gesammelt. Sie ist Absolventin der EHL (1997) und des IMD.

Innovation als eine Zukunftsvision, ist es das?

Wir gehen grossen Veränderungen entgegen. Die 5G wird unsere Kommunikation, den Datenaustausch und den Einsatz vernetzter Objekte erheblich beschleunigen. Die ganze Landschaft wird sich verändern und Auswirkungen auf den Konsumenten haben. Mit der Blockchain wird die Serviceauswahl ohne proaktives Vorgehen erleichtert. Die menschliche Interaktion wird immer eine wichtige Rolle spielen, doch um leistungsfähig zu bleiben, müssen die technologischen Fortschritte integriert werden. Wir müssen unseren Platz also neu definieren.

Muss man daraus schliessen, dass die Hospitality-Industrie in der Schweiz in Sachen Innovation im Rückstand ist?

Die Hotellerie hat zwar sicher Chancen verpasst und ist von neuen, aus Start-ups hervorgegangenen Akteuren eingeholt worden, doch dieses Problem gibt es nicht nur in der Schweiz. Operativ tätige Führungskräfte haben weder ausreichend Zeit noch Ressourcen, um sich für Brüche zu interessieren. Und die Hotellerie darf den Zug nicht verpassen. Dieses Innovationsdorf muss genau hier den Zugang erleichtern, den Austausch zwischen den Branchen fördern und zu inno-
vativen Projekten stimulieren.

Überall entstehen Innovationsparks, Start-up-Inkubatoren. Was zeichnet das Engagement der EHL aus?

Wir suchen nicht die Konkurrenz mit andern, sondern wollen die Teile desselben Puzzles zusammenfügen: Forschung und Unternehmertum. Das zukünftige Innovationsdorf entspricht einem Bedürfnis. Viele Leute, vor allem aus unserem Alumni-Netzwerk, wenden sich an uns und erwarten von uns Ideen. Das Dorf wird Sichtbarkeit, Unterstützung und Begleitung bieten. Damit die Chemie funktioniert, werden wir ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Akteuren finden und Leben in die Gemeinschaft von Forschern, Start-ups und Industrievertretern bringen müssen. Wir werden Veranstaltungen organisieren, um den Austausch zu fördern.

Sie werden schliesslich die Leitung des Innovationsdorfs übernehmen. Wie stellen Sie, als ehemalige EHL-Studierende, sich das Dorf vor?

Das Innovationsdorf wird für eine neue Kultur eintreten, das wird eine echte kulturelle Herausforderung. Unter EHL-Alumni sagen wir oft, wir seien «vom gleichen Schlag». Unser Ziel ist es, junge Unternehmer aufzunehmen, offen zu bleiben und diese Offenheit weit über unsere Gemeinschaft hinaus auszustrahlen.

Erzählen Sie uns vom experimentellen Element des Dorfs …

Der Gasthof von Chalet-à-Gobet wird für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Er soll zu einem Technologie-Schaufenster mit Wanderausstellungen werden. Eine Küche und mehrere Zimmer werden mit Forschungswerkzeugen ausgestattet, um zum Beispiel die Faktoren zu untersuchen, welche die Schlafqualität beeinflussen.

Wie werden Sie die Unternehmen auswählen, die bei Ihnen einziehen?

Die Auswahl wird ein Expertenkomitee treffen. Wir werden vielversprechende Start-ups auswählen, die sich unserem Beschleuniger oder unserem Inkubator anschliessen. Und wir werden dafür sorgen, dass eine Vielfalt von relevanten Bereichen vertreten ist.

Ab wann kann man Ihrer Meinung nach von Innovation sprechen?

Ich betrachte Innovation als die Fähigkeit, sich Veränderungen zu stellen oder sie einzuleiten, sei es digital oder analog. Diese Vision deckt ein relativ breites Spektrum ab, von inkrementell bis disruptiv. Mit inkrementellem Vorgehen lassen sich kleine Anpassungen in weniger agilen Strukturen vornehmen, mit disruptivem Vorgehen werden agilere, neue oder zu kompletter Neupositionierung befähigte Strukturen umgebaut. Wir müssen beides fördern.

Ist Innovation ohne Digitalisierung möglich?

Die Digitalisierung ist in vielen Branchen ein wesentlicher Schritt, aber neue Geschäftsmodelle oder die Erfindung neuer Materialien können ebenso zu Innovationen führen. Die For-
schung macht mithilfe immer leistungsfähigerer digitaler Werkzeuge grosse Fortschritte. Daraus sind Start-ups und Innovationen entstanden. Ich denke aber, dass wir den Wert der Kreativität und der menschlichen Vision nicht vernachlässigen dürfen, die sich nicht durch Algorithmen ersetzen lassen.

Übersetzung: Christina Miller

Gastrednerin am Hospitality Technology Forum
Winnaretta Zina Singer wird am neuen «Hospitality Technology Forum by Milestone», welches am 5. Juli im «Trafo» Baden stattfindet, in Englisch referieren. An dieser Veranstaltung kommen Experten zu Digitalisierungs- und Innovationsthemen zu Wort. Rund 20 erfolgreiche Startups sind vor Ort, einige messen sich in «Startup-Battles». Publikum und Jury werden die Startups bewerten.
Mehr Informationen hier
Tickets unter: htf-zuerich.com