Reto Knutti (49) ist Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich und tritt als Referent am Wandergipfel in Gstaad BE auf (siehe Box). Er wuchs im Saanenland auf und studierte Physik an der Universität Bern. Seit über 20 Jahren untersucht der Berner, wie sich das globale Klima erwärmt, und hat in leitender Funktion an Berichten des UNO-Weltklimarats mitgearbeitet. An der ETH Zürich führt Knutti das Zentrum für Klimasystem-Modellierung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Veränderungen im Klimasystem durch Treibhausgase und die Weiterentwicklung, Bewertung und Anwendung von Klimamodellen. Als Wissenschaftler hält er es für seine Pflicht, zu den gesellschaftlich drängenden Fragen beizutragen: Die ETH soll kein Elfenbeinturm sein.

Reto Knutti, was denken Sie, was wird sich in den nächsten 20 bis 30 Jahren aufgrund des Klimawandels bei uns verändern?
Wir sehen das schon jetzt: Hitzetage und lange Hitzewellen sowie Trockenheit im Sommer nehmen zu. Der aktuelle Sommer wird wieder als einer mit Rekorden in die Geschichtsbücher eingehen. Gleichzeitig nehmen die sehr starken Regenfälle zu und erhöhen das Risiko von Hochwasser. All das wird sich weiter akzentuieren. Im Winter nehmen kalte Phasen und Schneesicherheit ab.

Wie werden sich Wandern und Bergwandern verändern?
Die Bergregionen werden generell attraktiv bleiben oder sogar profitieren, wenn es in tiefen Lagen zu heiss wird. Der Sommertourismus in den Bergen profitiert von den vielen schönen Wandertagen.

Der Alpenraum könnte in den Sommermonaten eine interessante Alternative zu den Feriendestinationen im Mittelmeerraum werden. Wird sich das Wanderland Schweiz noch mehr füllen?
Der Sommertourismus in der Schweiz läuft grundsätzlich gut, es gibt auch immer mehr Angebote, die das Wandern ergänzen. In der Pandemie waren besonders viele wieder in der Schweiz unterwegs. Wie sich das Wanderland Schweiz entwickeln wird, hängt sicher massgeblich davon ab, wie viele ausländische Gäste kommen oder wiederkommen. Aber auch politische Entwicklungen und die Frankenstärke werden eine Rolle spielen.

Gewisse Routen im Hochgebirge sind gefährlich geworden.

Werden die Berge wegen Gletscherabbrüchen und auftauendem Permafrost nicht zu gefährlich fürs Wandern?
Alles hat immer mehrere Seiten. Gewisse Wege und Routen, vor allem im Hochgebirge, sind gefährlich geworden, weil es wärmer ist und die Gletscher schmelzen.Hangrutsche und Steinschlag werden punktuell zum Problem werden.

Können mit zunehmenden extremen Naturereignissen ganze Destinationen unattraktiv werden?
Ganze Destinationen trifft es selten, aber es gibt einzelne Orte wie beim «Spitze Stei» in Kandersteg, wo grössere Gebiete gefährdet und auch Häuser bedroht sind. Es kommt hier immer wieder zu Felsabbrüchen, denn das Felsgebiet rutscht mit zunehmender Geschwindigkeit ab. Mit Verbauungen und Messungen kann man vieles abfangen und eine gewisse Sicherheit bieten, aber das ist aufwändig. Allerdings haben wir Erfahrung mit Naturgefahren in Bergregionen, von Lawinen über Felsstürze bis zu Hochwasser ist man sich einiges gewohnt und hat sich entsprechend vorbereitet.

Wirken sich der allgemeine Wassermangel und die Trockenheit auf das Wanderparadies Schweiz aus?
Trinkwasser gibt es genug, aber Wasser kann für die Landwirtschaft oder die Alpwirtschaft ein Problem werden. Auch einzelne SAC-Hütten haben im Moment zu wenig Wasser und müssen ihre Wasserversorgung neu bauen. In einzelnen Hütten ist das Wasser derzeit so knapp, dass es in Waschräumen kein fliessendes Wasser mehr gibt.

Sie wandern gerne: Haben sich Ihre Gewohnheiten verändert?
Wenn es sehr heiss ist, geht man besser in die Höhe – und früh am Morgen los. Aber besonders im Hochgebirge muss man die Verhältnisse gut beobachten. Touren, die früher problemlos auf Firnschnee machbar waren, sind heute wegen Gletscherspalten, Bergschründen oder Steinschlag heikel. In Grindelwald haben die Bergführer zum ersten Mal die Touren auf die Jungfrau ausgesetzt, weil es zu gefährlich ist.

Der Mensch ist nicht sehr gut, sich auf Gefahren vorzubereiten, die er noch nie erlebt hat.

Der Klimawandel ist kein neues Phänomen. Der Gletscherschwund ist seit Jahrzehnten dokumentiert. Seit wann weiss man, dass sich das Klima wegen uns Menschen verändert?
Die Grundlagen des Treibhauseffektes waren schon vor 1900 bekannt, und seit den Siebzigerjahren gibt es Berichte der Klimaforscher an die Regierungen. Man weiss also mindestens seit einem halben Jahrhundert davon. Aber der Mensch ist nicht sehr gut, sich auf Gefahren vorzubereiten, die er noch nie erlebt hat. Das war auch bei der Pandemie so. Wir lernen oft aus Erfahrung, aber das wird zum Problem, wenn man nur eine Chance hat, das Klimaproblem in den Griff zu bekommen.

Leider sind wir in der Schweiz zögerlich, wenn es um Veränderung geht, gerade in ländlichen Gebieten.

Wie viel kann das kleine Land Schweiz gegen die Klimaerwärmung tun?
Die Schweiz ist klein, aber das ist kein Argument, nichts zu tun, weil: Jede und jeder einzelne ist klein. Wir haben in der Schweiz mehr Geld, Technologie und gute Bildung als die meisten anderen und können zeigen, wie man von den fossilen Energieträgern wegkommen kann. Wenn wir es gut machen, dann werden wir davon sogar wirtschaftlich profitieren. Es fehlt nicht an Möglichkeiten, sondern am politischen Willen. Wir stehen uns selber im Weg. Leider sind wir in der Schweiz zögerlich, wenn es um Veränderung geht, gerade in ländlichen Gebieten. Ich bin in Gstaad aufgewachsen und kann mich an den Widerstand erinnern, als man die Dorfumfahrung bauen wollte. Die Geschäfte fürchteten, dass niemand mehr ins Dorf kommen würde. Heute ist das Dorf mit der Fussgängerzone so belebt und beliebt wie nie. Das ist ein Einzelbeispiel, aber es ist vielleicht symbolisch, dass man gewissen Sachen auch mal neu denken muss.

Warum tun wir uns denn so schwer?
Wir haben ein System aufgebaut, in dem viele ganz gut leben oder davon sogar profitieren. Und wir sind etwas träge, kurzsichtig und egoistisch. Warum sollte ich mich anstrengen, wenn es mir fast nichts bringt und einem Inder in 30 Jahren nützt? Der Klimawandel als globales, langfristiges Problem ist damit grundsätzlich schwierig zu lösen. Gleichzeitig ergeben sich einerseits immer mehr Möglichkeiten, die attraktiv sind und von denen man sogar finanziell profitieren kann. Eine Wärmepumpe, ein elektrisches Auto oder eine andere Ernährung. Andererseits muss man sich auch mal die Frage stellen, was denn eigentlich einen Wert hat. Muss es wirklich immer ein Flug nach Australien sein? Oder bietet der Zug in die Berge zum Wandern nicht mehr Lebensqualität?

Was kann eine einzelne Person überhaupt bewirken?
Jede und jeder kann im eigenen Leben vieles tun. Eine Ölheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen, weniger fliegen und Auto fahren, ein batterieelektrisches Fahrzeug kaufen und weniger tierische Produkte konsumieren. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass man solche kollektiven Probleme nicht allein mit Eigenverantwortung löst. Von Abfall, Abwasser, Luftreinhaltung, Ozonloch bis zur Pandemie haben wir sie immer gelöst, indem wir politische Rahmenbedingungen gesetzt haben, sodass alle mithelfen. Dafür müssen wir uns einsetzen.

Ist die Schweiz mit den laufenden Massnahmen einigermassen gut unterwegs?
Nein, wir tun wie alle anderen Länder zu wenig. Wir müssen die CO₂-Emissionen bis 2030 halbieren und bis 2050 auf netto null bringen, das heisst, nur noch so viel ausstossen, wie wir anderswo wieder aus der Luft entfernen. Es muss deutlich schneller gehen, damit wir das erreichen.

Branchentreffen mit Gipfelgefühl
Am 22. und 23. August 2022 findet in Gstaad BE der erste Schweizer Wandergipfel statt, eine Fachveranstaltung zu Trends, Angeboten und Entwicklungen des beliebtesten Hobbys der Schweizer Bevölkerung. Als Referenten treten unter anderem Klimaforscher Reto Knutti (s. Interview), Michael Roschi, Geschäftsführer Schweizer Wanderwege, und Benedikt Weibel, ehemaliger SBB-Chef, auf. Dabei werden Themen wie Wandern als Lifestyle, der Markt und die Vermarktung, Klimaerwärmung, die Nutzung der Wege durch Biker und Wandernde sowie der Naturschutz beleuchtet und diskutiert. Ausdauersportler Pascal Bourquin gibt zudem einen Einblick in sein Vorhaben, die 65 000 Kilometer des Schweizer Wanderwegenetzes abzuwandern. Durch das Programm führt der bekannteste Wanderer der Schweiz, der ehemalige SRF-Moderator Nik Hartmann.
wandergipfel.ch
Die hotelrevue ist Medienpartnerin des Schweizer Wandergipfels.

Claudia Langenegger