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sion 2026
17.05.2018
Olympia-Kredit spaltet das Wallis
Die Abstimmung zum Walliser Unterstützungsbeitrag für die Olympia-Kandidatur spaltet das Wallis wie kaum ein anderes Projekt in jüngster Zeit. Hauptsächlicher Streitpunkt ist der 100-Millionen Kredit für «Sion 2026» und die Frage, wer das Risiko eines Defizits trägt.

Am 10. Juni entscheiden die Walliser Stimmberechtigten über eine finanzielle Beteiligung von 100 Millionen Franken des Kantons an den olympischen Winterspielen im Jahr 2026. Es wird die entscheidende Hürde für das Kandidaturdossier, das bis Anfang 2019 beim Internationalen Olympischen Komitee (IOK) eingereicht werden muss. Bisher ist Sitten am Olympia-Traum viermal gescheitert. Die letzte Walliser Kandidatur wurde 1999 mit dem Wörtchen «Torino» – also Turin – zunichte gemacht. Vielleicht scheint deshalb die Begeisterung in der Bevölkerung gedämpft.

Die Befürworter – allen voran Vertreter der Kantonsregierung oder Sportler wie Pirmin Zurbriggen – eilen zusammen mit Jürg Stahl (SVP) und Hans Stöckli (SP) von Swiss Olympic von Podium zu Podium, um die Leute von «nachhaltigen und zukunftsweisenden Spielen im Herzen der Schweizer Alpen» zu überzeugen.

Aggressiver Ton
In den Bistros, in den Vereinen und selbst am Familientisch wird die Olympia-Kandidatur heftig diskutiert. Wenn Befürworter und Gegner aufeinander treffen, ist fast jedes Mal eine verbale Eskalation vorprogrammiert. Auch auf den sozialen Netzwerken ist der Ton oft sehr aggressiv, und die Positionen sind deutlich abgesteckt. Eine Anfang Mai von den Walliser Medien veröffentlichte Umfrage bestätigt die gespaltene Meinung im Kanton. Befürworter (46 Prozent) und Gegner (47 Prozent) hielten sich beinahe die Waage; sieben Prozent waren noch unentschlossen.

Zu den Befürwortern gehören der Tourismus sowie CVP und FDP. Bekämpft wird das Projekt vor allem von den Grünen, der SP, der SVP und den Umweltorganisationen. Sie warnen vor den finanziellen Risiken und befürchten, dass die Kosten zu tief veranschlagt sind und am Schluss die öffentliche Hand für das Defizit aufkommen muss.

Nachhaltigkeit statt Gigantismus
Die Befürworter der Kandidatur halten dieser Skepsis entgegen, dass die Spiele positive Auswirkungen auf die Wirtschaft, das Image und den Tourismus haben werden. Das Organisationskomitee betont zugleich immer wieder, dass auf Gigantismus verzichtet werde. Im Einklang mit der Agenda 2020 würden die Spiele vielmehr eine vernünftige Grösse aufweisen und auf einem nachhaltigen Konzept basieren. Anstatt neue Gebäude zu bauen, sollen bestehende Anlagen genutzt werden, insbesondere die Eislaufbahnen in den Kantonen Waadt, Freiburg und Bern, die Skisprung-Schanzen im Berner Oberland oder die Natureis-Bobbahn in St. Moritz. Die Promotoren versprechen ausserdem, dass 80 Prozent der Besucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Spielstätten gelangen sollen.

Für die Austragungsorte Wallis, Waadt, Bern, Freiburg und Graubünden dürften nicht zuletzt die Sicherheitskosten eine grosse Unbekannte sein. Die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren machte beispielsweise klar, dass die nicht beteiligten Kantone voraussichtlich keine Polizisten gratis zur Verfügung stellen werden. Der bernische Volkswirtschaftsminister Christoph Ammann (SP) räumte vor ein paar Tagen im Regionaljournal ein, dass der Beitrag des Kantons Bern von zehn Millionen Franken nicht ausreichen dürfte. Das Stimmvolk im Kanton Bern wird voraussichtlich im Februar 2019 über den Kredit für die Durchführung der Spiele abstimmen.

Langer Weg
Ob auch das Schweizer Volk wird mitreden können, ist noch offen. Der Nationalrat hat sich im März zwar für eine nationale Abstimmung zum Bundesbeitrag von fast einer Milliarde Franken ausgesprochen. Der Ständerat müsste der entsprechenden Motion der Bündner SP-Nationalrätin Silva Semadeni in der Herbstsession aber ebenfalls noch zustimmen.

Ein Ja des Walliser Stimmvolkes wäre erst der Beginn eines langen Weges Richtung Austragung der Olympischen und Paralympischen Winterspielen in der Schweiz. Eingereicht werden soll das Kandidatur-Dossier am 11. Januar 2019. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) wird dann im Oktober 2019 in Mailand über die Vergabe der Winterspiele 2026 entscheiden. Wenn das Wallis am 10. Juni Nein sagt, würde die Kandidatur der Schweiz laut Sportminister Guy Parmelin gestoppt. (sda/og)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Lorenzo Schmiedke.


Olympische Winterspiele: Seit 70 Jahren scheitern alle Schweizer Bewerbungen

Erst zweimal sind in der Schweiz Olympische Spiele ausgetragen worden, die Winterspiele 1928 und 1948 in St. Moritz. Lang ist hingegen die Liste der geplatzten Olympia-Träume:

  • Garmisch-Partenkirchen (GER) 1936: St. Moritz unterliegt 1933 wie Montreal (CAN) an der Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) in Wien den damals noch getrennten Gemeinden Garmisch und Partenkirchen in Nazideutschland.
  • 1940: Die Spiele fallen wegen des Zweiten Weltkrieges aus. Ursprünglich waren sie in Sapporo (JPN) geplant gewesen, dann in St. Moritz und schliesslich erneut in Garmisch-Partenkirchen.
  • Squaw Valley (CAN) 1960: St. Moritz unterliegt 1955 an der IOK-Versammlung in Paris wie Innsbruck, Garmisch-Partenkirchen und Karatschi (PAK) dem kanadischen Wintersportort.
  • Grenoble (FRA) 1968: Die Walliser Stimmberechtigten lehnen 1963 eine Kandidatur ab.
  • Innsbruck (AUT) 1976: 1969 interessierten sich Zürich, das Berner Oberland, das Wallis und Graubünden für die 12. Ausgabe. In Zürich und Bern platzen die Träume an der Urne, im Wallis sagen die Stimmbürger dagegen Ja. Zwar gibt das Schweizerische Olympische Comitee (SOC) dem Wallis gegenüber Graubünden den Vorzug. Beim IOK unterliegt die Walliser Kandidatur aber 1970 Denver (USA). Schliesslich werden die Spiele nach einem negativen Volksentscheid in Denver in Innsbruck ausgetragen.
  • Calgary (CAN) 1988: Graubünden beendet 1980 eine mögliche Teilnahme vorzeitig mit ihrem Nein zur Defizitgarantie.
  • Lillehammer (NOR) 1994: Die Stimmberechtigten von Davos und St. Moritz erteilen 1986 einer gemeinsamen Bündner Bewerbung eine Absage. Eine Waadtländer Kandidatur siegt zwar im SOC gegen eine bernische, scheitert aber 1988 in Lausanne an der Urne.
  • Salt Lake City (USA) 2002: Eine weitere Walliser Kandidatur unterliegt 1995 in Budapest, als das IOK die Winterspiele in die USA vergibt.
  • Turin (ITA) 2006: Der nächste Olympiatraum des Wallis, zu dem die Stimmenden im Kanton 1997 ebenfalls Ja sagen, ist 1999 in Seoul ausgeträumt. Das IOC wählt Turin zum Austragungsort der 20. Winterolympiade.
  • Vancouver (CAN) 2010: Für 2010 gehen Graubünden und Zürich sowie Montreux mit Bern ins Rennen. Das Sportparlament von Swiss Olympic setzt auf Bern-Montreux, doch zeigen die bernischen Stimmberechtigten dem Projekt 2002 die kalte Schulter.
  • Sotschi (RUS) 2014: Graubünden und Zürich treten erneut gegeneinander an. Obwohl Swiss Olympic den Zürchern vor Davos den Vorzug gibt, werfen die Zürcher Promotoren 2004 aus politischen und finanziellen und Gründen das Handtuch.
  • Peking (CHN) 2022: Eine weitere Schweizer Kandidatur erleidet 2013 mit dem Veto des Bündner Stimmvolks Schiffbruch.
  • Winterspiele 2026: Neue Schmach für das Bündner Wirtschafts- und Politestablishment: Das Stimmvolk lehnt im Februar 2017 eine Kandidatur noch deutlicher ab als 2013. Dadurch bekommt aber die Westschweizer Kandidatur «Sion 2026» mit den Kantonen Wallis, Waadt, Bern und Freiburg Aufwind.
  
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