Oberwald steht auf dem letzten Flecken ebener Wiese im Obergoms, bevor sich die Furkastrasse zum gleichnamigen Pass hochschlängelt. Im Bergdorf an der jungen Rhone führt Claudio Spranzi das 3-Sterne-Hotel Furka – in sechster Generation. Es wurde von seinen Vorfahren aus Stein erbaut, damals ein köstliches Gut.

Das Hotel ist ein Treffpunkt der Dorfbevölkerung und Erholungsort für sportbegeisterte Feriengäste aus dem In- und Ausland. Der Betrieb ist lebendig. Das Gespräch fand im modernen Restaurant des Hauses statt, unterbrochen von einem spontanen Vertreterbesuch und von Passanten, die eine Autopanne hatten. Der Gastgeber reagierte hilfsbereit, ein Hotelier wie aus dem Bilderbuch. Ein Gespräch über das enge Familienband und über die Wünsche an die lokale Politik für eine erfolgreiche touristische Zukunft.

Claudio Spranzi, das Hotel Furka wurde 1848 eröffnet und ist seither in Familienbesitz. Macht das Freude?
Ich bin stolz, dass meine Vorfahren dieses Hotel so visionär erbauten und dass immer ein Familienmitglied das Haus leitete. Meine Vorfahren haben es durch zwei Weltkriege und einige Krisen geführt. Sie haben immer wieder investiert. Dass es meine Grossmutter als einziges Kind übernommen und mit Herzblut betrieben hat, finde ich besonders bemerkenswert.

Jedes der sieben Grosskinder hätte das Hotel haben können, aber ich war der Einzige, der ins Gastgewerbe eingestiegen ist.

Visitenkarte
Name: Hotel Furka Oberwald
Ort:  Furkastrasse 270, 3999 Oberwald VS
Klassifikation: Klassiert als 3-Sterne-Hotel durch HotellerieSuisse
Baujahr: Mit dem Bau des Hotels wurde 1845 begonnen und es wurde 1848 eröffnet.
Anzahl Zimmer: Das Hotel verfügt insgesamt über 22 Zimmer mit 48 Betten, 6 Zimmer haben zusätzlich ein Schlafsofa. Es sind die Zimmerkategorien Einzelzimmer, Doppelzimmer, Suiten und Familienzimmer erhältlich.
Zimmerkosten: Im Einzelzimmer ab 125 Franken, im Doppelzimmer ab 220 Franken und im Familienzimmer ab 280 Franken pro Zimmer und Tag. 
Auslastung: Im Winter 70 bis 90 Prozent, im Sommer je nach Wetter 40 bis 50 Prozent.
Umsatz: 1,3 bis 1,5 Millionen Franken pro Jahr
Zielgruppe: Im Winter Schweizer Schneesportler, im Sommer Walk-ins und internationale Gäste.
Restaurant: Die Küchenphilosophie  verspricht traditionelle Gerichte mit lokalen Produkten. Einflüsse aus Italien und Asien. 
Angestellte: 15 Personen
Gastgeber: Claudio Spranzi
Besitzer: Die Hotel Furka AG ist in Familienbesitz, die Aktienmehrheit hat Claudio Spranzi

 

Wie bereiteten Sie sich auf das Jubiläum vor?
Als ich im Sommer 2022 keinen Koch fand und zusätzlich zu meinen Aufgaben im Büro und an der Front auch noch die Leitung der Küche übernehmen musste, forderte das viel Energie. Ich hatte keine Kapazität, mich um das Jubiläum zu kümmern. Glücklicherweise bereitete vor allem mein Patenonkel mithilfe seiner Geschwister eine Broschüre vor.

Haben Sie trotzdem ein Jubiläumsangebot kreiert?
Wir bieten eine Übernachtungspauschale mit Essen oder E-Bike-Miete an, und unser Kaffeepreis lehnt sich ebenfalls ans Jubiläum an. Der Kaffee kostet das ganze Jahr über nur 1.75 Franken Die Gäste fragen oft nach dem Grund des speziellen Preises. So teilen wir mit ihnen die Geschichte unserer Familie und des Hotels. Das hat eine weitreichende Wirkung. Sie erzählen sie weiter.

Verzeichnen Sie wegen des tiefen Kaffeepreises mehr Gäste?
Vielleicht mehr Arbeiter, die tageweise im Dorf zu tun haben. Sie bestellen dann noch ein Sandwich zum Kaffee dazu, was uns wieder zusätzlichen Umsatz bringt. Wir boten beim 150-Jahr-Jubiläum den Kaffee bereits für 1.50 Franken an. Davon reden die Gäste noch heute.

Sie übernahmen den Betrieb vor elf Jahren. Ihr Hauptfokus?
Neben dem Alltagsgeschäft habe ich die Infrastruktur auf Vordermann gebracht. Das begann 2010 mit der Aussenhülle, dann folgten das Restaurant und die Küche. Sogar der Umschwung erhielt einen neuen Look. Wir fällten Bäume, um die Aussicht auf die Gommer Berge freizugeben. Als Letztes kamen die Zimmer dran. Wir haben einige aufgehoben und andere dafür vergrössert. Das bezahlt sich aus. Wir konnten die Zimmerpreise erhöhen. Die Gäste fühlen sich wohl und bleiben länger. Über alles ist der Umsatz gestiegen, obwohl wir nun weniger Zimmer haben.

Sie haben beim Umbau die Hotelbetten mit einem Ihrer besten Freunde selbst geschreinert, die Küche gefliest und den maroden Belag der Treppe entfernt. Sie sind Handwerker, Restaurateur, Koch, Frontoffice-Manager, HR-Manager und sollten auch noch strategisch denken.
Die Strategie kommt tatsächlich etwas zu kurz. Nicht nur wegen der Arbeit, sondern auch, weil ich kein Büromensch bin. Glücklicherweise müssen wir für den Winter keine Werbung machen. Die Gäste kommen aufgrund des Langlaufeldorados Goms von allein. Im Sommer bringt uns die Furka-Dampfbahn zwischen Oberwald und Andermatt viele Gäste.

Das Hotel Furka wurde 100 Jahre lang von Frauen geleitet. Gab es zu reden, als mit dieser Tradition gebrochen wurde?
(lacht) Nein, nein! Allen Familienmitgliedern liegt es am Herzen, dass das Hotel in Familienbesitz bleibt. Dass ich ein Mann bin, ist egal. Und übrigens hätte jedes der sieben Grosskinder das Hotel haben können, aber ich war der Einzige, der ins Gastgewerbe eingestiegen ist.

Alle Aktien verblieben in Familienbesitz, und man unterstützt sich, wo man kann. Wie erklären Sie sich das Band?
Die Verwandtschaft lebt heute in der ganzen Schweiz, in Luzern und Zürich beispielsweise. Der Treffpunkt bleibt aber das Hotel Furka. Als Grossmutter noch lebte, kam man hierher, wenn man sie und die Familie sehen wollte, oder um Hochzeit zu feiern.

Bevor Sie sich definitiv für die Übernahme entschieden, absolvierten Sie ein Probejahr im Hotel. Wie kann man sich das vorstellen?
Meine Mutter wie auch die Onkel und Tanten schlugen vor, dass ich ein Jahr lang die Verantwortung für das Haus mittrage, um zu sehen, ob ich das wirklich möchte. Ich fand es eine gute Idee. Zwar bin ich im Hotel aufgewachsen und habe immer mitgeholfen, aber so erfuhr ich, wie es ist, wenn man an den Wochenenden nicht mehr nach Belieben freinehmen kann. Da ich das Gastgewerbe von der Pike auf kenne, war das schliesslich nichts Neues.

Weil ich kein Büromensch bin, kommt die Strategie tatsächlich etwas zu kurz.


Gibt es trotzdem einen Bereich, der schwieriger ist als angenommen?
Mitarbeiter zu finden und zu führen, braucht mehr Energie, als ich dachte.

Wie finden Sie jeweils gutes Personal?
Die Mund-Propaganda ist das Wichtigste, und dann (schmunzelt) glaube ich auch, dass meine Grossmutter mir hilft. Als sie erfuhr, dass ich das Hotel definitiv übernehme, war sie wahnsinnig glücklich. Sie meinte, dass sie mir immer helfen werde, auch wenn sie nicht mehr da sei. Vielleicht ist es Einbildung, aber ich habe wirklich oft grosses Glück und finde immer gute Mitarbeitende, sie schaut wohl von da oben (zeigt in den Himmel) schon noch zu mir und zum Haus.

Kämpft Oberwald wie viele Berggebiete mit der Abwanderung?
Wir haben nur noch knapp 200 Einheimische, alle anderen Liegenschaften gehören Zweitwohnungsbesitzern.

Welche Auswirkungen hat das?
Früher war es einfacher, Wanderpauschalen anzubieten. Damals führten meine Mutter und meine Tante den Betrieb noch, sodass ich mit den Gästen wandern konnte. Es gab auch mehr ältere einheimische Leute, die unseren Gästen Anekdoten und Geschichten von Oberwald erzählen konnten. Heute ist es sehr schwierig, jüngere Leute zu finden, die das noch können. Sie haben keine Zeit und Musse mehr für Traditionen, Historie oder auch für die Arbeit im Hotel. Wir haben nur noch zwei Personen aus dem Dorf, die für uns arbeiten – in der Küche und in der Zimmerreinigung.

Eine Schmalspurbahn soll Innertkirchen mit Oberwald durch einen neuen Tunnel verbinden. National- und Ständerat unterstützen das Projekt. Wichtige Entscheide wie die Finanzierung stehen allerdings noch aus. Ist der Grimseltunnel ein Lichtblick für die Zukunft?
Der Grimseltunnel hat grosses Potenzial, damit wieder junge Leute zurück ins Dorf kommen. Aber es fehlt nicht nur an den Jungen, die nicht zurückkommen möchten, sondern auch am Wohnraum. Die meisten Liegenschaften gehören wie gesagt Zweitwohnungsbesitzern. Und Bauen ist hier sehr teuer. Ich fände es schön, wenn die Gemeinde sich einsetzen würde, dass Junge und unter anderem junge Einheimische zurückkommen und sich ein Eigenheim bauen können.

Würden Sie sich in den Gemeinderat wählen lassen, um zu handeln?
Ich habe dafür schlicht keine Zeit. Die Sitzungen sind am Abend, wenn ich die Gäste betreue und im Service oder in der Küche mithelfe. Wenn ich einen Ersatz brauche, bezahle ich teure Löhne. Das wiegt sich einfach nicht auf. Ich habe auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich weggehe und es hier brummt. Dann müssen andere für mich arbeiten, das finde ich nicht richtig. Ich weiss, dass das eine falsche Einstellung ist, aber ich kann nicht anders.

Könnten Sie über den Hotelierverein Goms etwas bewirken? Hat er eine starke politische Stimme?
Wir haben zwar einen Gommer Hotelierverein, aber politisch können wir nicht viel bewirken.

Wie ist die Zusammenarbeit unter den Hoteliers im Dorf?
Sie ist sehr gut. Wir helfen uns immer aus, wenn etwas ist. Wir schauen zueinander. Auch treffen wir uns alle zwei Monate auf dem Tourismusbüro zu einem «Stammtisch».

Was würden Sie sich für die Gommer Hotellerie wünschen?
Dass die Winter weiter schneereich bleiben. Das ist das A und O hier. Hoffentlich finden wir weiterhin gute Mitarbeitende. Aber ich wünsche mir auch, dass sich die Gemeinde künftig stärker für den Tourismus einsetzt, das werden wir noch brauchen. Vor allem wenn der Schnee auch bei uns weniger wird. Uns würde ein regionales Schwimmbad mit Wellnessanlage helfen.

Wie wäre es, wenn sich die Hoteliers für ein solches Projekt zusammentäten? Ein Leistungsauftrag der Gemeinde könnte helfen.
Es ist schon schwierig genug, eine Mehrheit für ein Gesundheitszentrum zu finden. Ich will nicht wissen, was für ein Theater es wird, eine Wellnessanlage zu bauen.

Dann geht die Gemeinde das Risiko ein, ihre eigene Zukunft zu verspielen?
Wenn man es so betrachtet ... Tourismus ist in Goms allgemein ein schwieriges Thema. Andere Destinationen machen mehr für ihre Gäste, beispielsweise das Engadin mit einer grosszügigen Gästekarte, die Logiernächtezahlen zeigen den Erfolg. Die Finanzen dieser Gemeinden werden zwar belastet, aber die Gegend floriert. Bei uns ist das anders. Mit unserer Gästekarte erhält man zwar Preisreduktionen für verschiedene Angebote, aber das ist nicht mehr zeitgemäss.

Welche Art von Gästekarte schwebt Ihnen vor?
Die Gäste wollen in die Berge. Den ÖV auf die Pässe und die Bergbahnen sollten sie kostenlos benutzen können, wenn sie bei uns übernachten. Wieso nicht gleich ab Brig bis Andermatt? Ein lokales Modell bestand ein Jahr lang, das schätzten die Gäste. Als es wieder abgeschafft wurde, hatten wir sehr viele Reklamationen. Leider behaupten die Verantwortlichen, es sei zu teuer. Aber wenn wir die Kurtaxen erhöhen würden, könnten die Kosten gedeckt werden, das haben entsprechende Berechnungen gezeigt. Ich hoffe, wir finden bald eine Lösung.

Sie führen das Hotel Furka in sechster Generation. Gibt es dereinst eine siebte?
Ich selbst identifiziere mich als homosexuell und werde keine Kinder haben. Die nächsten zwanzig Jahre werde ich das Hotel Furka, wenn alles gut geht, weiterführen, und ich bin zuversichtlich, dass es auch danach in Familienbesitz bleibt. Die Tochter meines Bruders lernt nämlich vielleicht Koch. Aber: Der sechsten Generation wurde kein Druck gemacht, das Hotel zu übernehmen, und diese Tradition wollen wir beibehalten.

Hotelier als Bubentraum
Claudio Spranzi begann seine Laufbahn mit der Kochlehre im Hotel Sternen in Flüelen UR. Nach der Zusatzlehre als Kellner im Schlosskeller in Brig zog es ihn wieder zurück in die Küche. Er arbeitete erst im Grand-Hotel Jungfrau-Victoria und später unter demselben Küchenchef im Hotel Saratz in Pontresina. Nach einem Probejahr im familieneigenen Hotel Furka in Oberwald absolvierte er die Hotelfachschule in Thun mit Abschluss im Jahr 2010. Zwei Jahre später übernahm der heute 42-Jährige den Familienbetrieb. Ein Bubentraum. Seiner Grossmutter soll er im Kindesalter gesagt haben: «Ich hätte das Hotel schon mal gerne. Aber ich weiss noch nicht, ob ich genug Geld haben werde, um es dir abzukaufen.»


Generationenüberblick

Sechs Generationen

Die Geschichte des Hotel Furka begann mit Andreas Kreuzer und wird heute von Claudio Spranzi erfolgreich weitergeschrieben. Ein Einblick.

1848
1. Generation: Andreas Kreuzer und Sohn Andreas junior erbauen das Hotel Furka. Arbeiter aus dem italienischen Pomatt im Val Formazza prägen den Baustil. Die Steine kommen aus den Oberwaldner Steinbrüchen. Ein Grossteil der männlichen Bevölkerung legt Hand an. Das erste Hotel in Oberwald wird gebaut, um die Nachfrage nach Betten zu bedienen, die durch den Passverkehr über Grimsel und Furka entsteht.

1872
Der Baedeker-Reiseführer «Handbuch für Reisende» erwähnt das Hotel Furka. Das neue Hotel werde gelobt, und die Übernachtungspreise betrügen vier bis acht Franken pro Person.

1883
2. Generation: Anton, der Sohn von Andreas Kreuzer junior, leitet das Hotel und kauft es 1892 seinem Vater für 19 000 Franken ab.

1905
3. Generation: Für 30 000 Franken erwerben Anton und Maria Kreuzer das Hotel von ihrem Vater Anton Kreuzer. Maria Kreuzer führt das Haus bis 1938.

1915
Die Furka-Oberalp-Bahn erschliesst Oberwald von Brig her.

1938
4. Generation: Die Tochter von Maria und Adolf Kreuzer, Gertrude Kreuzer, übernimmt die Leitung des Hotels und kauft den Betrieb 1946 gemeinsam mit Ehemann Werner Nanzer ihren Eltern ab.

1947
Eine grosse Sanierung steht an. Wegen des fehlenden Fundaments fault das Lärchenholz im Keller. 38 gegossene Betonsockel werden erstellt. Sie tragen seither das Haus. Ein Handlanger verdient 80 Rappen pro Stunde, der Maurermeister 1.80 Franken.  

1962
1962 wird die Strasse des Goms im Winter erstmals für den Verkehr geöffnet. Die Hotels kommen weg vom reinen Sommertourismus. Das Goms etabliert sich als Langlaufeldorado.  

1983
5. Generation: Klaus Nanzer führt das Hotel Furka erst alleine und ab 1990 mit seiner Tochter Brigitte Nanzer und der Schwester Beata Spranzi-Nanzer. Für eine Totalsanierung wird das Haus ein halbes Jahr lang geschlossen.  

1998
Die Kündigung der Kleinkredite durch die UBS betrifft auch das Hotel Furka. Es gerät in finanzielle Schwierigkeiten, die durch die Unterstützung der ganzen Familie und eines Freundes der Familie überwunden werden können. Die Aktiengesellschaft entsteht.  

2012
6. Generation: Claudio Spranzi, Sohn von Beata Spranzi-Nanzer, übernimmt das Hotel Furka. 

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