Wer heute auf das «Regina» bei Interlaken blickt, sieht nicht nur ein ehemaliges Schulhotel. Das Haus erzählt fast zwei Jahrhunderte Tourismusgeschichte – von den Anfängen des Fremdenverkehrs im Berner Oberland über die Zeit der Grandhotels bis zur Ausbildung von Generationen von Berufsleuten. [RELATED]

1838 entstand am Kleinen Rugen die Pension Jungfraublick. Noch war das Haus vergleichsweise bescheiden. Doch der Tourismus rund um Interlaken entwickelte sich rasch, und mit ihm wuchsen die Pläne. Aus der Pension sollte eine Kur-, Bade- und Molkenanstalt werden. Der Weg dorthin verlief nicht geradlinig: Projekte wurden verworfen, Kosten gerieten aus dem Ruder, Teile eines begonnenen Neubaus wieder abgetragen.

1863 nahm der Burgdorfer Architekt Robert Roller Sohn die Planung des neuen Kurhauses auf. Am 30. Juni 1864 öffnete das Hotel Jungfraublick. Auf einer künstlich angelegten Terrasse über Matten entstand ein viergeschossiger Bau, ergänzt durch Spazierwege, Ruhebänke, einen Aussichtspavillon und eine Molken-Trinkhalle.

Vom Kurhaus zum Grandhotel

Mit dem Aufstieg Interlakens zum internationalen Ferienort entwickelte sich auch das Hotel Jungfraublick weiter. 1870 ist fliessendes Wasser dokumentiert, 1896 werden Elektrizität, Telefon und ein Aufzug genannt. 1892 logierte Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn im Haus.

Auch der Name wandelte sich mit den Jahrzehnten: Aus dem Hotel Jungfraublick wurde das Rugenhotel Jungfraublick, später das Regina Hotel Jungfraublick und um 1920 das Regina Palace Jungfraublick.

1905 erhielt der Komplex auf der Nordseite eine bedeutende Erweiterung. Neue Gebäudeteile vergrösserten das Hotel und veränderten sein Erscheinungsbild dauerhaft. Aus der einstigen Pension war längst ein stattliches Haus geworden.

Krieg und neue Besitzer

Das 20. Jahrhundert brachte Brüche. Während des Ersten Weltkriegs blieb der Betrieb zeitweise geschlossen. Im Zweiten Weltkrieg verlor das Haus vorübergehend seine touristische Funktion: 1940 diente es als militärische Sanitätsanstalt, später bezogen Büros des Geniestabs und der Befestigungsbauten Räume im Gebäude.

Nach dem Krieg begann erneut ein anderes Kapitel. 1947 ging das Regina an Hotelplan, 1954 an die Immobilien-am-See AG des Migros-Genossenschaftsbundes.

Der entscheidende Richtungswechsel folgte 1979. Die Stiftung Tschumifonds des Schweizer Hotelier-Vereins, heute HotellerieSuisse, übernahm die Liegenschaft und liess sie zum Schulhotel umbauen. Kauf und Umbau kosteten laut Stiftung insgesamt 9,3 Millionen Franken. Damit wurde das Regina zu einem festen Bestandteil der Ausbildungsarbeit des Branchenverbands.

Generationen lernten im Regina

1981 nahm das Regina seinen Schul- und Internatsbetrieb als gastgewerbliche Abteilung des Berufsschulzentrums Interlaken auf. 1985/86 erhielt es den Status einer eigenständigen Berufsschule.

Von da an prägten nicht mehr Feriengäste, sondern Lernende den Alltag im Haus. Über Jahrzehnte lebten und lernten hier Nachwuchskräfte aus Hotellerie, Gastronomie und Hauswirtschaft. Zuletzt konnten gleichzeitig bis zu 150 Schülerinnen und Schüler im Regina untergebracht werden.

Die enge Verbindung zu HotellerieSuisse blieb über die folgenden Jahrzehnte bestehen. 2017 entstand aus dem Zusammenschluss der Stiftung Tschumifonds mit zwei weiteren Stiftungen die heutige Stiftung Tschumi. Eigentümerin der Liegenschaft blieb sie auch, als die Hotelfachschule Thun 2023 den Internatsbetrieb übernahm.

Die Ausbildung zieht weiter

Mit der Schliessung endet die Ausbildung im Regina, nicht aber ihre Geschichte im Berner Oberland. Ab Oktober 2026 wird die Grundbildung für Hotellerie und Gastronomie am Campus der Hotelfachschule Thun gebündelt.

Dort treffen künftig Berufsbildung, HF-Studium und Weiterbildung an einem Standort zusammen. Zum Campus gehören unter anderem Schulküchen, Unterrichts- und Seminarräume sowie das The Lab Hotel. Damit entsteht in Thun ein Kompetenzzentrum, das verschiedene Stufen der gastgewerblichen Bildung miteinander verbindet.

Für das Regina endet damit eine Nutzung, die das Haus seit 1981 geprägt hat. Seine Geschichte führte von der Pension über Kurhaus und Grandhotel, durch militärische Nutzung und Besitzerwechsel bis zum Ausbildungsort für Generationen von Fachkräften.

Am 9. Oktober wird diese Ära mit der offiziellen «Austrinkete» verabschiedet – im Beisein von Gästen aus Wirtschaft und Politik sowie zahlreichen Menschen aus der Region, die dem Haus über Jahre verbunden waren.

Der nächste Wandel steht bevor: Die Stiftung Tschumi will die Liegenschaft verkaufen. Welche Geschichte das Regina danach schreibt, ist noch offen.

Roland Flückiger-Seiler leitete das Nationalfonds-Projekt «Schweizer Hotelbauten 1830–1920» und ist Autor zahlreicher Publikationen zur Hotel- und Tourismusgeschichte, darunter «Berghotels». Für diesen Beitrag stellte er historische Grundlagen zur Verfügung. 
www.historischehotels.ch