Familiengeführte Betriebe prägen die Schweizer Hotellerie und Gastronomie in besonderem Masse. Sie stehen für Kontinuität, persönliche Gastgeberkultur und regionale Verwurzelung. Umso zentraler ist die Frage der Nachfolge. Denn sie entscheidet nicht nur über Eigentumsverhältnisse oder Führungsstrukturen, sondern auch über Identität, Kultur und langfristige Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.
Eine gelungene Nachfolge beginnt deshalb nicht mit juristischen Regelungen oder steuerlichen Optimierungen, sondern mit offenen Gesprächen. Gespräche über Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen, über Rollenbilder, Verantwortung und persönliche Lebensentwürfe. Dabei treffen häufig unterschiedliche Generationenlogiken aufeinander: Sicherheit versus Veränderung, Bewahren versus Gestalten. Erst wenn diese Perspektiven ausgesprochen und verstanden werden, kann die Nachfolge als gemeinsamer Prozess gelingen – und nicht in einem schmerzhaften Bruch enden.
Über Kohl & Partner
Kohl & Partner ist ein international tätiges Beratungsunternehmen, das auf über 40 Jahre Erfahrung in den Bereichen Hotellerie, Gastronomie und Tourismus zurückblickt. In der Schweiz ist das Unternehmen mit Standorten in Zürich und Thun vertreten und begleitet Hotelbetriebe, Gastronomieunternehmen und Destinationen bei strategischen, konzeptionellen sowie betriebswirtschaftlichen Fragestellungen.
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Loslassen als Führungsaufgabe
Für die abgebende Generation ist die Nachfolge oft der anspruchsvollste Schritt ihres Lebenswerks. Der Betrieb ist über Jahre oder Jahrzehnte gewachsen, eng verknüpft mit der eigenen Identität, mit Erfolgen, Krisen und persönlichen Kontakten. Loslassen bedeutet deshalb mehr als einen formalen Rückzug. Es bedeutet auch, Vertrauen in die Fähigkeiten der nächsten Generation zu entwickeln.
Wer bereit ist, Verantwortung schrittweise abzugeben und neue Ideen zuzulassen – auch wenn sie vom eigenen Stil abweichen –, schafft Raum für Entwicklung. Die Rolle der bisherigen Unternehmerinnen und Unternehmer verändert sich dabei grundlegend: von der operativen Führung hin zur Mentoren- oder Begleiterrolle. Für diese neue Rolle sind Klarheit, innere Stabilität und die Fähigkeit, Einfluss bewusst zu reduzieren, entscheidend.
Diese Haltung wirkt weit über die Familie hinaus. Mitarbeitende erleben Orientierung und Verlässlichkeit, weil die Rollen klar definiert sind. Gäste nehmen auch in Zeiten des Wandels Kontinuität und Authentizität wahr. Und der Betrieb gewinnt an Stabilität, weil die Führung nicht abrupt endet, sondern verantwortungsvoll übergeben wird.
Die Perspektive der nächsten Generation
Nicht jedes Kind ist von Natur aus eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger. Entscheidend ist nicht die Familienzugehörigkeit, sondern die innere Motivation. Erfolgreiche Nachfolgeprozesse bieten der jungen Generation die Möglichkeit, sich ausserhalb des Familienbetriebs zu entwickeln, andere Führungsstile kennenzulernen und eigene Erfahrungen zu sammeln – in anderen Betrieben, Branchen oder auch im Ausland.
Diese externe Perspektive stärkt die fachliche Kompetenz und die persönliche Überzeugung: Möchte ich diese Verantwortung wirklich übernehmen? Und wenn ja, auf welche Weise? Die bewusste Rückkehr in den Familienbetrieb ist dann keine Pflicht, sondern eine aus Überzeugung getroffene Entscheidung.
In diesem Kontext bedeutet Nachfolge nicht, in bestehende Fussstapfen zu treten, sondern neue Wege zu gehen – auf einem stabilen Fundament. Das erfordert Vertrauen vonseiten der Eltern, eine gelebte Fehlerkultur im Unternehmen und ein gemeinsames Zukunftsbild, das Raum für Eigenständigkeit lässt. Nur so entsteht echte Identifikation mit der Rolle und dem Unternehmen.
Struktur schafft Sicherheit
Eine Unternehmensnachfolge gelingt in der Regel nicht kurzfristig. In der Praxis erstreckt sich der Prozess manchmal über mehrere Jahre. Klare Zeitpläne mit definierten Etappen, transparente Rollenbeschreibungen und eine strukturierte Kommunikation nach innen und aussen sind dabei zentrale Erfolgsfaktoren.
Besonders wichtig ist es, familiäre und unternehmerische Themen zu trennen. Verbindliche Vereinbarungen, regelmässige Standortbestimmungen und begleitete Austauschformate helfen dabei, emotionale Spannungen sachlich zu bearbeiten. Professionelle Moderation kann dabei unterstützen, schwierige Themen anzusprechen, Erwartungen zu klären und tragfähige Lösungen zu entwickeln, ohne dass Beziehungen Schaden nehmen.
Betriebe, die die Nachfolge frühzeitig und strukturiert angehen, schaffen Vertrauen auf allen Ebenen. Mitarbeitende fühlen sich ernst genommen und eingebunden, Partner erleben Verlässlichkeit und Gäste nehmen Stabilität wahr. Nachfolge wird so nicht als Unsicherheit, sondern als Perspektive erlebt.
Zukunft gemeinsam gestalten
Ein Generationenwechsel bedeutet stets einen Einschnitt – und bietet zugleich eine grosse Chance. Er ermöglicht es, Bewährtes zu bewahren und gleichzeitig neue Kapitel aufzuschlagen. Wenn Eltern loslassen können und Kinder Verantwortung übernehmen, entsteht eine neue Dynamik: Innovation trifft auf Erfahrung, neue Ideen auf gewachsene Werte.
Entscheidend ist dabei die Haltung auf beiden Seiten. Die abgebende Generation tritt zurück – nicht aus dem Leben, sondern aus der operativen Verantwortung. Die nachfolgende Generation tritt vor – nicht als Kopie, sondern als eigenständige Unternehmer mit eigener Handschrift.
So bleibt das Familienunternehmen lebendig: wirtschaftlich tragfähig, kulturell verankert und menschlich verbunden. Nachfolge wird dann nicht als Übergabe, sondern als gemeinsamer Schritt in die Zukunft verstanden.
Frank Reutlinger ist Geschäftsführer und Inhaber von Kohl & Partner (Schweiz) AG
Dieser Fachartikel ist in Zusammenarbeit mit Kohl & Partner entstanden.
