Sascha Spiegel, wenn Sie Ihre eigene Servicelehre heute nochmals absolvieren müssten: Woran würden Sie scheitern?

An nichts. Ich habe die Lehre bewusst gewählt, weil ich wusste, dass ich in die Hotellerie will. Lernen war für mich nie ein Muss, sondern etwas, das ich wollte. Ich war nie der beste Schüler, aber es hat gepasst. Vor allem, weil mir das Ganze Freude gemacht hat.

Woher kam diese Leidenschaft?

Das kam sehr früh. Mein Umfeld hatte nichts mit Hotellerie oder Gastronomie zu tun. Aber wir konnten als Familie Ferien machen, einmal im Jahr irgendwohin, Skiferien in der Schweiz. Und wenn wir auswärts essen gingen, war das etwas Besonderes. Man hat sich schön angezogen. Der Moment, in dem der Kellner kam, die Bestellung aufnahm, ruhig, aufmerksam, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, hatte Gewicht. Dieses Gefühl von Bedeutung und Aufmerksamkeit hat mich geprägt.

Auch das Hotel Schweizerhof Bern & Spa bildet Lernende aus: Was können Lernende heute besser als viele ausgebildete Mitarbeitende?

Fachlich sind Lernende oft sehr stark. Sie befassen sich aktiv mit Produkten. Im Betriebsalltag geht das über die Jahre manchmal verloren. Beim Wein kennen sie häufig Traubensorte und Herkunft genau. Es ist wie beim Autofahren: Der Neulenker kennt die Regeln besser, der Erfahrene kompensiert mit Routine.

Es ist wie beim Autofahren: Der Neulenker kennt die Regeln besser, der Erfahrene kompensiert mit Routine.

Sie unterrichten an der Hotelfachschule Thun Kalkulation und Bankettorganisation. Wie praxisnah ist Ihr Unterricht?

Ich versuche zu erklären, wie ein Hotel im Alltag wirklich funktioniert. Theorie ist wichtig, aber entscheidend ist, was davon in der Anwendung relevant wird, worauf man achten muss und wie die Dinge zusammenhängen. Diese Praxiserfahrung weiterzugeben, ist mir wichtig.

Die Managementausbildung wird immer akademischer. Entfernt sich die Ausbildung vom Alltag?

Die Hotelfachschule Thun gehört wie die EHL in Lausanne zur EHL Hospitality Business School. Der Unterschied liegt im Fokus. In Thun ist die Ausbildung deutlich praxisnäher. Viele Studierende kommen direkt aus der Branche und wollen einen Betrieb übernehmen oder sich selbstständig machen. In Lausanne ist der akademische Anteil stärker, mit Bachelor und Masterprogrammen und vielen internationalen Studierenden ohne klassischen Hotellerie-Background.

Warum sind Hotelfachschüler auch in anderen Branchen so gefragt?

Hotelfachschüler sind gefragt, weil sie in der Praxis gelernt haben, mit Menschen umzugehen, unter Druck zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Diese sozialen Kompetenzen, Empathie und Stressresistenz sind in vielen Branchen entscheidend. Fachwissen kann man lernen, diese Haltung oft nicht.

Sascha Spiegel persönlich gefragt

Wo schalten Sie wirklich ab?
Bei der Familie. Mein vierjähriger Sohn ist ein echtes Energiebündel. Wir verbringen viel Zeit draussen, auf dem Snowboard oder auf dem Eis. Das sorgt dafür, dass der Wechsel vom Arbeiten ins Private sehr schnell passiert. Wenn ich zuhause bin, bin ich wirklich dort.

Welches Buch hat Ihren Blick auf Führung stärker geprägt als jede Ausbildung?
The Carrot Principle von Adrian Gostick. Es geht um Wertschätzung im Alltag. Ein ehrliches «Merci» hat oft mehr Wirkung als jedes Programm.

Was vermissen Sie aus Ihrer Zeit als Servicemitarbeiter heute am meisten?
Das Teamgefühl. Je höher die Funktion, desto weniger arbeitet man wirklich im Team. Dieses unmittelbare Miteinander fehlt manchmal.

Gibt es Situationen, in denen Sie im Betrieb gegen das handeln müssen, was Sie unterrichten?

Man muss realistisch sein. Lehrbücher zeigen das Best Case Szenario. Im Alltag treffen Wirtschaftlichkeit, Qualitätsanspruch und Eigentümerinteressen aufeinander.
Dazu kommt der Druck zwischen kurzfristigen Entscheiden und langfristiger Entwicklung. Man trifft Entscheidungen, die nicht ideal sind, aber notwendig.

Welche Entscheide haben Sie in den ersten 100 Tagen als Direktor des Hotels Schweizerhof Bern & Spa getroffen?

Ich habe bewusst beobachtet. Nach drei Monaten zeigt sich, wo Strukturen angepasst werden müssen, damit sie langfristig tragen. Bern ist keine Selbstläufer-Destination wie Zürich oder Genf. Man muss aktiv verkaufen, Veranstaltungen holen und Gäste davon überzeugen, hier zu übernachten.

Wie hoch ist Ihre Auslastung und wo sehen Sie konkret Hebel, um sie zu verbessern?

Im Schnitt liegen wir bei rund 60 Prozent Auslastung. Januar und Februar sind traditionell schwache Monate. Um das zu verbessern, müssen wir in Marketing, Digitalisierung und Sichtbarkeit investieren, eng mit Bern Welcome zusammenarbeiten und Synergien mit unseren Schwesterhäusern, dem Bürgenstock oder dem Royal Savoy in Lausanne, nutzen. Gemeinsame Auftritte an Messen und im Verkauf machen dabei Sinn.

Im Geschäftstourismus schreiben viele Firmen aus Compliance-Gründen heute maximal 4-Sterne-Hotels vor. Wird ein 5-Sterne-Hotel in einer Stadt wie Bern damit eher zur Hypothek als zum Vorteil?

Natürlich hat das Vor- und Nachteile, aber das Beispiel Luzern mit dem Mandarin Oriental Palace zeigt, dass ein starkes 5-Sterne-Angebot eine Stadt beleben kann.

Das Beispiel Luzern zeigt, dass ein starkes 5-Sterne-Angebot eine Stadt beleben kann.

Braucht auch Bern mehr Luxushotels?

Spannend fände ich Angebote im Long-Stay-Bereich. Entscheidend ist aber etwas anderes: Bern darf nicht nur als Stadt gedacht werden. Der Schweizerhof liegt direkt beim Bahnhof, mit hervorragenden Verbindungen. Das Berner Oberland, das Emmental oder auch das Greyerz sind leicht erreichbar. Für internationale Gäste gehört das zusammen. Es geht darum, Emotionen zu vermitteln und Bern als Ausgangspunkt für authentische Erlebnisse im Umfeld zu erzählen, nicht nur das Übernachten in der Stadt.

Sie wollen den Schweizerhof stärker im städtischen Alltag verankern. Wo setzen Sie konkret an?

Wir setzen beim Tagesgeschäft an. Der Mittag und vor allem der Nachmittag haben gerade in der Lobby viel Potenzial. Viele Gäste aus der Stadt kommen heute nicht mehr für ein grosses Menü, sondern für einen Kaffee, einen Tee und etwas Kleines dazu. Darauf reagieren wir mit einem angepassten Angebot in der Lobby und nächsten Sommer auf der Dachterrasse. Es geht darum, niederschwelliger zu werden, präsent zu sein.

Ist Luxus in einer politisch linken Stadt ein Widerspruch?

Ich finde nicht. Nachhaltigkeit, öffentlicher Verkehr, Velos – das sind Themen, die international stark an Bedeutung gewinnen. Gäste schätzen genau das. 

Zur Person
Sascha Spiegel ist seit November 2025 General Manager des Hotel Schweizerhof Bern & Spa. Seine Laufbahn begann er mit einer Servicelehre im selben Haus. Es folgten Führungsfunktionen in der Schweizer Luxushotellerie, unter anderem im Victoria Jungfrau Grand Hotel & Spa in Interlaken sowie bei Kempinski und Intercontinental. Internationale Stationen führten ihn nach Vietnam und Thailand. Seit 2021 unterrichtet er Kalkulation und Eventmanagement an der Hotelfachschule Thun.

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