Ewout Versloot, die Niederlande wollen Besucher, Bevölkerung und Wirtschaft besser ausbalancieren. Was bedeutet «Ausgewogenheit» konkret?
Der Tourismus steht im Dienste der Bedürfnisse einer Destination – zum Beispiel, wenn Besucher zu Dienstleistungen beitragen, die die Einwohner schätzen, oder wenn der Tourismus dazu beiträgt, wichtige Naturräume zu erhalten. Mit anderen Worten: Wenn die positiven Auswirkungen der Besucher die negativen überwiegen, bewegt man sich in Richtung einer ausgewogeneren Destination. [RELATED]
Mit «Perspective 2030» vollzogen die Niederlande einen Kurswechsel in der Tourismuspolitik. Was hat sich seither verändert – und wo blieben sie hinter ihren Ambitionen zurück?
Seit der Einführung im Jahr 2018 hat sich das Destinationsmanagement von einem eher vagen Konzept zu einem konkreten Leitfaden entwickelt, der landesweit genutzt wird. Unsere nationale Datenallianz liefert heute deutlich mehr Entscheidungsgrundlagen: Neben Übernachtungen und Ausgaben betrachten wir auch Tourismusintensität, Tourismusdichte und CO₂‑Emissionen. Unsere Marketingkampagnen richten sich zunehmend auf Gebiete, die zusätzliche Besucher benötigen und wünschen, während wir uns von bekannten Hotspots lösen. Wir versuchen, die Interessen der Destinationen, der Branche und der Besucher im Blick zu behalten. Versäumt haben wir, den Overtourism an einigen Orten wirklich einzudämmen. Gleichzeitig leistet der Tourismus einen wichtigen Beitrag zur niederländischen Gesellschaft und ihrer Lebensqualität.
Lassen sich Reisende tatsächlich so stark lenken?
Die Verteilung der Besucher wird oft auf «einfach neue Orte vermarkten» reduziert. Während das für diesen neuen Ort vielleicht funktioniert, entlastet es den vom Overtourism betroffenen Ort nicht. Man braucht einen sehr lokalen, gezielten Ansatz, der genau auf die dortigen Gegebenheiten eingeht. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, zwischen Orten zu unterscheiden, die «manchmal überfüllt» sind und von einem intelligenten Besuchermanagement profitieren könnten, und Orten, die mit einer komplexen Reihe von Herausforderungen konfrontiert sind, die weit über Marketing oder Besuchermanagement hinausgehen.
Was geschieht, wenn wirtschaftliche Interessen und die Bedürfnisse der Bevölkerung aufeinanderprallen?
Einfach immer mehr Gäste anzuziehen, während die Bevölkerung unzufriedener wird, kann nicht das Ziel sein. Tourismus ist dann erfolgreich, wenn Entwicklung, und Interessen der Bevölkerung sowie der Branche möglichst gut zusammenpassen. Genau diese Balance meinen wir mit «Ausgewogenheit».
Droht dabei die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus aus dem Blick zu geraten?
Wir müssen uns öfter fragen: «Welche Art von Wirtschaftswachstum?» und «Für wen?». Sollen wohlhabende Besucher angezogen werden, die im 3-Sterne-Restaurant essen, oder Gäste, die auf dem Campingplatz übernachten und im Supermarkt einkaufen? Welcher Typ für das eigene Reiseziel geeignet ist, hängt von den lokalen Herausforderungen und der lokalen DNA ab. Das ist der Kern des Destinationsmanagements: Betrachte zuerst die Bedürfnisse der Destination und entscheide dann, wie du deine Tourismuswirtschaft darauf aufbaust.
Mit «Perspective 2040» denken die Niederlande den Ansatz weiter. Was davon lässt sich auf die föderal und alpin geprägte Schweiz übertragen und was nicht?
Die Niederlande und die Schweiz haben viel mehr gemeinsam als die meisten europäischen Reiseziele. Der dezentrale Charakter unseres Tourismussystems ist sehr ähnlich. Deshalb sind «Perspective 2030» und übrigens auch «2040» keine Regierungsstrategie, sondern eine Vision für den gesamten Tourismussektor. Ihr Erfolg liegt nicht in der politischen Steuerung durch die Zentralregierung, sondern in der lokalen Zusammenarbeit und Koordination. Genau dort, wo der Tourismus seine Wirkung entfaltet: lokal und regional. Als nationale Tourismusorganisation inspirieren wir und vernetzen. Wir fördern Zusammenarbeit und initiieren Forschungsarbeiten. Wir unterstützen Zukunftsprojekte wie «Perspective 2040» und entwickeln Marketingkampagnen. Doch die eigentliche Wirkung entsteht immer vor Ort.
Viele alpine Destinationen kämpfen weniger mit Überfüllung als mit schwacher Nachfrage ausserhalb der Hochsaison. Kann derselbe Ansatz beiden Problemen begegnen?
Auch dies gilt wiederum für viele niederländische Reiseziele. Die Niederlande als Ganzes sind kein touristisch überlaufenes Land. Und ja! Wir glauben, dass ein intelligentes Destinationsmanagement erkennen kann, wo mangelnde Nachfrage in der Nebensaison den lokalen Fortschritt behindert, und gezielt dazu beitragen kann, den Fokus auf die Steigerung der Nachfrage in diesen Zeiten zu legen. Ausgewogenheit kann bedeuten, den Druck an einem Ort oder in einer bestimmten Zeit zu verringern, während an einem anderen Ort mehr Besucher angezogen werden.
Wenn die Schweiz ihre Tourismuspolitik mit Blick auf 2040 neu ausrichten würde: Welche Frage müsste sie sich zuerst stellen?
Die erste Frage lautet: «Was brauchen wir im Jahr 2040?» Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und ökologisch. Für Besucher, Unternehmen und Einheimische gleichermassen. Kombiniert man dies mit dem, was man weiss, was auf uns zukommt – Klimawandel, geopolitische Unruhen, demografische Veränderungen und so weiter –, dann erkennt man allmählich, wo die grössten Herausforderungen liegen.
Tourismus Forum Schweiz
Das Tourismus Forum Schweiz (TFS) ist eine Dialog- und Koordinationsplattform zur Stärkung der Zusammenarbeit in der Schweizer Tourismuspolitik. Es bringt Akteure aus der Tourismuswirtschaft, Behörden und Wissenschaft zusammen, um Herausforderungen zu diskutieren, Wissen auszutauschen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Dies geschieht insbesondere im Rahmen der jährlichen Veranstaltung, nächstes Mal am 24. November in Bern, sowie thematischer Webinare.
Hier mehr erfahren
