Geerte Udo, was wird die Kernbotschaft Ihres Vortrags an der Zürich Experience sein?
Im Zentrum steht der Ansatz «Residents First». Das klingt vielleicht nach einem neuen Konzept, ist es aber eigentlich nicht. Städte wurden immer von Menschen geschaffen, die dort leben, arbeiten und Gemeinschaften aufbauen. Wenn eine Stadt für ihre Bewohnerinnen und Bewohner funktioniert und eine hohe Lebensqualität bietet, wird sie automatisch auch für Besucher attraktiv. Genau dieser Zusammenhang geriet durch das enorme Wachstum des Tourismus teilweise aus dem Fokus. Früher war für viele Menschen direkt spürbar, welchen Mehrwert Besucherinnen und Besucher bringen. Kultur, Restaurants oder öffentlicher Verkehr profitieren davon. Mit dem starken Wachstum des Tourismus verschob sich dieses Gleichgewicht teilweise.
Amsterdam galt lange als Stadt, die stark unter dem Tourismuswachstum litt. Wann entstand das Gefühl, dass sich die Strategie ändern muss?
Die ersten kritischen Stimmen wurden etwa ab 2014 laut. Wichtig ist mir aber eine Differenzierung: Die Probleme betrafen nicht ganz Amsterdam, sondern vor allem die Altstadt und insbesondere das Rotlichtviertel. Viele andere Quartiere freuen sich weiterhin über Besucherinnen und Besucher und brauchen sie teilweise auch wirtschaftlich. In der Altstadt waren die Auswirkungen jedoch deutlich spürbar. Öffentliche Räume waren überfüllt, es kam zu Lärm, Abfall und respektlosem Verhalten. Gleichzeitig wurden immer mehr Wohnungen zu Investitionsobjekten für private Ferienvermietungen. Das hatte Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt und das Leben in den Quartieren.
Was bedeutet der Ansatz «Residents First» konkret in der Praxis?
Tourismus wird dabei nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Mittel, um wirtschaftliche, soziale und ökologische Ziele zu erreichen. Städte müssen zuerst für ihre Bewohnerinnen und Bewohner lebenswert bleiben. Genau das macht sie auch für Gäste attraktiv. Dabei braucht es einen langfristigen Blick. Städte wachsen weiter, gleichzeitig verändern Klimawandel oder neue Technologien unseren Alltag sehr schnell. Deshalb müssen wir uns ständig fragen: Wie bleibt eine Stadt auch für die nächste Generation lebenswert und attraktiv? Tourismus kann dazu einen positiven Beitrag leisten, wenn er Teil einer grösseren Gesamtstrategie ist.
Was können Städte wie Zürich von Amsterdam lernen?
Entscheidend ist ein integrierter Ansatz aus Stadtentwicklung, Markenführung und Marketing. Marketing allein macht eine Stadt nicht attraktiv. In Amsterdam entstand die Situation in der Altstadt nicht nur durch den Tourismus selbst, sondern auch durch frühere städteplanerische Entscheidungen. Wohnen, Arbeiten und Freizeit wurden über Jahrzehnte räumlich voneinander getrennt. In der Altstadt blieb schliesslich fast nur noch Freizeit- und Tourismuskultur übrig. Genau dort entstanden dann die Spannungen. Heute versuchen wir deshalb wieder stärker, verschiedene Nutzungen zu verbinden und Quartiere vielfältiger zu machen.
Hat sich damit auch die Rolle von Tourismusorganisationen verändert?
Ja, definitiv. Früher lag der Fokus oft stark auf Wachstum und Besucherzahlen. Heute geht es viel stärker darum, unterschiedliche Interessen innerhalb einer Stadt auszubalancieren. Tourismusorganisationen müssen enger mit Politik, Stadtplanung oder Kulturinstitutionen zusammenarbeiten. Auch Hotels und touristische Betriebe tragen Verantwortung für die langfristige Entwicklung einer Stadt. Der Wert eines Hotels hängt letztlich stark davon ab, wie attraktiv und lebenswert eine Stadt wahrgenommen wird.
Viele Städte kämpfen derzeit mit steigenden Wohnungspreisen und privaten Ferienvermietungen. Wie geht Amsterdam damit um?
Amsterdam hat die Regeln in diesem Bereich stark verschärft. Wer eine Wohnung kauft, muss grundsätzlich selbst darin wohnen. Wer seine Wohnung zeitweise vermieten möchte, muss sich registrieren lassen, zudem ist die Zahl der Vermietungstage begrenzt. Private Ferienvermietung ist jedoch nicht grundsätzlich negativ. In ländlichen Regionen kann sie kleinen Gemeinden oder lokalen Geschäften helfen. In grossen Städten mit Wohnungsmangel braucht es jedoch klare Regeln, damit Wohnraum nicht primär zum Investitionsobjekt wird.
Zürich Experience – Summit for Urban Tourism
Der Städtetourismuskongress von Zürich Tourismus bringt am 27. August im The Circle Convention Center am Flughafen Zürich Führungskräfte, Experten sowie Entscheidungsträgerinnen aus Tourismus, Wirtschaft und Politik zusammen. Sie diskutieren die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen des urbanen Tourismus, vom veränderten Reiseverhalten über Mobilität und wirtschaftliche Entwicklungen bis hin zu Nachhaltigkeit und klimatischen Veränderungen. Nebst Geerte Udo referieren unter anderem der Philosoph Richard David Precht, Seco-Direktorin Helene Budliger Artieda sowie Spitzenkoch und Unternehmer Andreas Caminada.
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