Tourismus wird zunehmend nicht mehr als isolierte Branche verstanden, sondern als Teil eines komplexen Systems, das Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Raum gleichermassen prägt. Die im Kanton Graubünden durchgeführte Grundlagenstudie zum Tourismussystem Graubünden greift diesen Perspektivenwechsel auf und untersucht, wie ein ganzheitliches Tourismusverständnis in Theorie und Praxis gelebt wird. [RELATED]

Aus wissenschaftlicher Sicht stützt sich das Tourismussystem Graubünden auf etablierte Konzepte wie die Systemtheorie, die Perspektive touristischer Ökosysteme, den regenerativen Tourismus sowie das Lebensraummanagement. Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Abkehr von einer rein ökonomischen Betrachtung hin zu einem integrativen Verständnis von Tourismus als dynamisches, vernetztes System. Im Zentrum stehen neben Gästen und Leistungsträgern die lokale Bevölkerung, ihre Lebensqualität und die langfristige Resilienz.

Tourismus als vernetzten Wirkungsraum verstehen

Die empirische Basis der Studie bilden qualitative Experteninterviews mit Akteuren aus Destinationen, touristischen Leistungsträgern, Verkehrsbetrieben und regionalem Management im Kanton Graubünden. Die Gespräche zeigen, dass Tourismus als vernetzter Wirkungsraum verstanden wird, in dem wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Lebensqualität der Bevölkerung und ökologische Tragfähigkeit gemeinsam gedacht werden. Wiederkehrend betont wird die Bedeutung der lokalen Bevölkerung als zentrale Anspruchsgruppe sowie die Notwendigkeit, Tourismus stärker in raumplanerische, arbeitsmarktliche und infrastrukturelle Fragestellungen einzubetten. Zur Strukturierung des Themas wurden fünf übergeordnete Themenfelder identifiziert:

Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeit, Raum und Infrastruktur, Umwelt und Erlebnisraum sowie Governance. In allen Bereichen zeigen sich konkrete Herausforderungen. Themen wie Fach- und Arbeitskräftesicherung, Wohnraumverfügbarkeit, Besucherlenkung und Tourismusakzeptanz werden dabei nicht als Einzelprobleme, sondern als miteinander verknüpfte Herausforderungen beschrieben. Einigkeit besteht zudem darin, dass wirksame Lösungen vor allem an Schnittstellen entstehen und eine koordinierte Zusammenarbeit zwischen Destinationen, Gemeinden, Bevölkerung und weiteren öffentlichen sowie privaten Akteuren voraussetzen.

Drei Erkenntnisse auf den Punkt

Tourismus ist Lebensraumentwicklung: Tourismus wird nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als Teil eines vernetzten Systems, das Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Raum gleichermassen prägt.

Bevölkerung als Akteurin miteinbeziehen: Die lokale Bevölkerung ist eine zentrale Anspruchsgruppe. Akzeptanz, Mitwirkung und soziale Kohäsion sind Teil einer erfolgreichen touristischen Entwicklung.

Das Tourismussystem dient als Orientierungsrahmen: Der Ansatz hilft, Zielkonflikte sichtbar zu machen und Lösungen an Schnittstellen zu entwickeln – durch Kooperation, Governance und datenbasierte Entscheidungen. Tourismus wird als gestaltbarer Teil des Lebensraums verstanden.

Gleichzeitig dokumentiert die Studie eine Vielzahl laufender Initiativen – von regionalen Mobilitätslösungen über Kooperationen mit lokalen Produzenten bis hin zu partizipativen Governance-Modellen. Die zentrale Erkenntnis: Das Tourismussystem Graubünden ist weniger als neues Label zu verstehen, sondern vielmehr als Orientierungsrahmen, der hilft, Zielkonflikte sichtbar zu machen und Tourismus als gestaltbaren Teil eines gemeinsamen Lebensraums zu verstehen, der zum Wohl aller Beteiligten beiträgt.

Die Erkenntnisse werden durch Forschungs- und Entwicklungsprojekte an der FHGR weiter vertieft. Bevölkerungsbefragungen zur Tourismuswahrnehmung und -akzeptanz in der Region Prättigau/Davos lieferten Erkenntnisse darüber, wie Einheimische den Tourismus erleben und wo sie Belastungsgrenzen wahrnehmen. Parallel dazu wurden im Projekt «Entwicklung nachhaltiger Communities in Destinationen in Bergregionen» gemeinsam mit Praxispartnern Instrumente erarbeitet, um lokale Gemeinschaften aktiv in touristische Entwicklungsprozesse einzubeziehen und soziale Kohäsion zu stärken. Ergänzend untersucht das Projekt «Applied Tourism Intelligence 2.0», wie datenbasierte Ansätze Destinationen dabei unterstützen können, Besucherströme besser zu verstehen, die Infrastruktur effizienter zu nutzen und Entscheidungsgrundlagen für eine nachhaltige Angebotsentwicklung zu schaffen.

Bianca Schenk ist wissenschaftliche Projektleiterin am Institut für Tourismus und Freizeit (ITF) der Fachhochschule Graubünden.

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Bianca Schenk