Wer nach 391 Tagen Reisen meint, die Welt gesehen zu haben, der irrt sich gewaltig. Erst unterwegs wird einem bewusst, wie viele Kulturen, Bräuche, Sprachen und Menschen unseren Planeten so einzigartig machen. Lässt der Reisende seine gewohnte Umgebung hinter sich, realisiert er nach wenigen Wochen, dass der Mensch an einem verzerrten Bezug zum Wort «Normalität» leidet. Vieles, was wir als normal erachten, ist anderorts undenkbar. Umgekehrt feiern wir Dinge als Errungenschaften, welche in anderen Regionen seit Jahrzehnten zum Alltag gehören. 

Akzeptanz, Anpassungsfähigkeit und die Abkehr von Perfektion gehen Hand in Hand.

So betrachten wir Westeuropäer uns im Bereich der Digitalisierung gerne als Pioniere. Sind stolz darauf, dass wir Rechnungen mittels Twint aufteilen und betiteln es als innovativ, Dinge wie Speisekarten mittels QR-Code anzubieten. All dies gänzlich unwissend darüber, dass das Mobiltelefon in Südostafrika schon seit den frühen 2000er-Jahren als Bankfiliale fungiert und das Mobile-Bezahlsystem M-Pesa rund 60 Millionen Nutzer verzeichnet.

Oder dass in Ozeanien Bestellung und Bezahlung in Restaurants fast ausschliesslich über Smartphone-Apps möglich ist. Was wir als technologisches Neuland feiern, ist in anderen Teilen der Welt längst Alltagsnormalität.

Highlight
Menschen in aller Welt sind meist stolz, ihr Essen zu teilen. Dabei verschmelzen Normalität und Exotik zwangsweise.

Missing
Leere Versprechen gaukeln falsche Normalitäten vor. Zum Beispiel, wenn die südafrikanische Regierung Fortschritt verspricht und gleichzeitig täglich die Stromversorgung kappt.

Aufgefallen
Kinder mögen keine Normalität und öffnen dadurch Herzen.

Ähnlich verhält es sich in Sachen Mobilität. Wir sind Weltmeister im Nörgeln über unser ÖV-System. Helvetische Pünktlichkeit ist für uns eine Selbstverständlichkeit, während 1,6 Milliarden Menschen in Indien das Wort Fahrplan bloss in groben Grundzügen kennen, und 1,4 Milliarden Afrikaner bloss über ein informelles Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln verfügen; Hauptsache von A nach B, Dauer ist höchstens sekundär.

Dass Tuk-Tuks und Motorradtaxis in vielen Ländern meist über Apps wie Grab, Bolt oder Uber bestellt werden, ist für uns mindestens so fremd wie für die Bewohner Bangkoks leere Strassen zur Geisterstunde.

Ein dritter Punkt, bei welchem unsere Normalität von derer vieler anderer abweicht, bildet die viel zitierte Gastfreundschaft. Während die Hotellerie dem Gästewohl verzweifelt sämtliche Prioritäten einräumt, findet der Gast meist einen blinden Fleck, über welchen er sich genüsslich auslassen kann.

Für viele Menschen, welche die Hospitality-Welt nur vom Hörensagen kennen, gilt ein Fremder in den eigenen vier Wänden gar als eine Art Bedrohung. Unsere Privatsphäre ist uns heilig. Etwas Spiessigkeit erscheint uns als normal. Die Welt jedoch ist viel einladender, nachgiebiger, offener und fehlerverzeihender, als wir wahrhaben wollen: Neujahrsfeste mit fremden Menschen, Tee in unbekannten Gemäuern und mehrtägige Aufenthalte bei entfernten Verwandten von Freunden sind eher Regel denn Ausnahme. Gegenseitige Akzeptanz, Anpassungsfähigkeit und eine Abkehr von Perfektion gehen dabei Hand in Hand.

Normalität ist also ein höchst subjektiver Ausdruck. Wir Westeuropäer dürfen die unsrige ruhig mit etwas mehr Demut anerkennen. Wenn wir schätzen, welche Privilegien wir geniessen, und gleichzeitig nicht vergessen, dass wir von anderen Normalitäten laufend Neues lernen können, dann sind unseren Möglichkeiten kaum Grenzen gesetzt – nicht bloss als Gastgeberinnen oder als Gäste, sondern als Menschen.

[IMG 2] Gemeinsam mit seiner Partnerin Lena-Maria Weber reiste Patric Schönberg mit dem Rucksack 391 Tage lang durch die Welt. Der ehemalige Leiter Kommunikation von HotellerieSuisse berichtete aus seiner persönlichen Perspektive über Dinge, die auffallend anders sind als bei uns. Interessierte können die gesamte Reise auf Instagram unter @losnescos nachschauen.