Die klassische Aufteilung in Sommer- und Wintersaison verliert im Schweizer Tourismus zunehmend an Bedeutung. Seit 2005 ist die Saisonalität um rund 21 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig stieg der Anteil der Nebensaison an den alpinen Logiernächten von 17,7 auf 21,4 Prozent.[RELATED]

Diese Zahlen präsentierte Simon Flury, Projektleiter Tourismus bei BAK Basel Economics, am 12. Branchentalk Tourismus vom 29. Oktober auf dem Titlis. Mehr als 70 Vertreterinnen und Vertreter der Tourismusbranche sowie Investoren diskutierten auf Einladung von Schweizer Aktien.net AG über Strategien für den Ganzjahrestourismus.

Klimawandel verändert die Nachfrage

Laut Flury treiben klimatische Veränderungen, längere Herbstsaisons und neue touristische Angebote die Entwicklung voran. Insbesondere höher gelegene Destinationen profitieren von der Verschiebung der Nachfrage. Im Sommer 2026 verzeichneten Orte auf über 1200 Metern deutliche Zuwächse bei den Logiernächten, während tiefer gelegene Regionen teilweise Rückgänge hinnehmen mussten.

Auch das Reiseverhalten internationaler Gäste verändert sich. Besonders Reisende aus Indien, China und weiteren asiatischen Ländern besuchen die Schweiz überdurchschnittlich häufig ausserhalb der Hochsaison. Europäische Gäste reisen ebenfalls öfter ausserhalb der klassischen Ferienzeiten als noch vor 20 Jahren.

Lenzerheide will zur 300-Tage-Destination werden

Wie sich eine Destination breiter aufstellen kann, erläuterte Daniel Stiefel, Verwaltungsratspräsident der Lenzerheide Marketing & Support AG. Die Ferienregion zählt jährlich rund 1,7 Millionen Logiernächte. Etwa 85 Prozent der Gäste stammen aus der Schweiz, Familien machen rund 55 Prozent aus.

Gerade diese starke Abhängigkeit vom Heimmarkt stellt die Destination vor Herausforderungen. Schweizer Familien sind häufig an die Schulferien gebunden. Zusätzliches Wachstum ausserhalb dieser Zeiten muss deshalb verstärkt aus internationalen Märkten kommen.

Lenzerheide setzt unter anderem auf internationale Sportveranstaltungen im Biathlon-, Bike- und Skisport. Mit der Kampagne «Novemberhoch» versucht die Destination bereits seit 2014, die Zeit zwischen Sommer- und Wintersaison touristisch besser zu nutzen. Je nach Wetter können Gäste wandern, biken, langlaufen oder Ski fahren.

Die Logiernächte im November konnten laut Stiefel deutlich gesteigert werden. Herausforderungen bleiben die sinkende Aufenthaltsdauer und die Entwicklung neuer Winterangebote für zusätzliche Zielgruppen.

Zermatt setzt auf Qualität statt zusätzliche Gästemassen

Einen anderen Ansatz verfolgt Zermatt. Die Destination zählt rund 2,5 Millionen Übernachtungen und erwirtschaftet eine touristische Wertschöpfung von etwa 1,3 Milliarden Franken.

Martin Hug, CEO der Zermatt Bergbahnen, betonte die Bedeutung langfristiger Investitionen und einer engen Zusammenarbeit zwischen Bergbahnen, Hotellerie, Gastronomie und weiteren Leistungsträgern. Eine neue Destinationsstrategie für die kommenden zehn Jahre soll im November vorgestellt werden.

Obwohl der Wintersport weiterhin rund 70 Prozent des Umsatzes der Bergbahnen generiert, will Zermatt das Geschäft ausserhalb der Wintersaison stärken. Dazu tragen das grenzüberschreitende Angebot «Matterhorn Alpine Crossing» und zusätzliche Aktivitäten in den übrigen Jahreszeiten bei.

Hug sprach sich dabei gegen ein rein quantitatives Wachstum aus. Entscheidend sei, die Nachfrage besser über das Jahr zu verteilen, bestehende Infrastrukturen effizienter zu nutzen und die Bedürfnisse der Bevölkerung zu berücksichtigen.
Längere Saison bedeutet zunächst höhere Kosten
Dass Ganzjahrestourismus nicht automatisch wirtschaftlichen Erfolg bringt, zeigte die abschliessende Podiumsdiskussion.

Patrik Scherrer, Präsident von Made in Bern, verwies auf die finanziellen Risiken einer Saisonverlängerung. Bergbahnen müssten länger betrieben und Hotels länger geöffnet bleiben, ohne dass zusätzliche Nachfrage garantiert sei. Ob sich entsprechende Investitionen lohnten, zeige sich häufig erst nach mehreren Jahren.

Scherrer sprach zudem die Auslastung der Hotellerie an. Diese liege schweizweit durchschnittlich bei rund 50 Prozent. Für einen nachhaltig rentablen Betrieb seien seiner Einschätzung nach normalerweise etwa 60 Prozent erforderlich.

Sandra Bütler, CEO der Pilatus Bahnen, schilderte eine andere Ausgangslage. Auf dem Pilatus bestehen im Winter noch freie Kapazitäten. Das Unternehmen will deshalb zusätzliche Gästegruppen erschliessen, darunter kunstinteressierte Menschen aus dem urbanen Raum Zürichs.

Gleichzeitig investiert es in die Erneuerung der historischen Zahnradbahnstrecke. Die künftige Anlage soll eine leicht höhere Kapazität ermöglichen.

Bütler warnte allerdings davor, die Belastbarkeit der Mitarbeitenden zu unterschätzen. Eine längere Saison dürfe nicht dazu führen, dass Teams über Monate hinweg an ihrer Leistungsgrenze arbeiteten.

Den Auftakt der Veranstaltung bildete die Besichtigung des Infrastrukturprojekts Titlis. Norbert Patt, CEO der Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis AG, stellte die laufenden Bauarbeiten vor. Dazu gehört der von Herzog & de Meuron umgestaltete Titlis Tower. Die aktuellen Projekte sollen bis 2029 abgeschlossen werden und liegen laut Patt sowohl zeitlich als auch finanziell im Plan. (mm)


Impressionen vom Branchentalk
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