Die Eishockey-WM 2026 kommt nach Freiburg und Zürich. Was spricht für und was gegen Grossveranstaltungen?
Pierre-Alain Morard: Solche Anlässe schaffen nationale und internationale Sichtbarkeit – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen. Der Event muss zum Austragungsort passen. In Freiburg ist das der Fall: Eishockey gehört zur Identität, Infrastruktur und Qualität überzeugen. Ohne Erfahrung ist der Koordinations- und Zeitaufwand erheblich. Freiburg ist übrigens die kleinste Host City des 21. Jahrhunderts. [RELATED]
Christophe Clivaz: Die Art und der Ort der Veranstaltung sind entscheidend. Eine Eishockey-Weltmeisterschaft in einer Stadt mit bestehender Infrastruktur und am Ende der Saison bereitet kaum Probleme. Anders in Bergorten: Neue Infrastrukturen und zusätzliche Besucher in ohnehin stark ausgelasteten Zeiten – etwa bei Olympischen Spielen im Februar – führen schnell zu Belastungen.

Braucht der Schweizer Tourismus aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht heute noch Grossevents?
Morard: Grossveranstaltungen stärken den Standort Schweiz: Sie zeigen Know-how, Infrastruktur und Offenheit. Sport und Kultur schaffen Emotionen, Stolz und Identifikation. Bei guter Organisation wirken die wirtschaftlichen Effekte lange nach – wie Basel zeigt, wo seit 2025 Übernachtungsrekorde erzielt werden. Öffentliche Unterstützung bei Finanzierung und Logistik ist aber unverzichtbar.
Clivaz: Dem Schweizer Tourismus geht es gut. Grossveranstaltungen lohnen sich wirtschaftlich nur, wenn sie wenig Zusatzinvestitionen erfordern und ausserhalb der Hochsaison stattfinden. Gleichzeitig braucht es Entlastungsphasen für Bevölkerung und Betriebe – zum Durchatmen und für den Unterhalt.

Allzu oft werden die Gewinne privatisiert und die Kosten sozialisiert.
Christophe Clivaz, Professor für Tourismus an der UNIL und Nationalrat (Grüne)
 

Wer verdient an solchen Veranstaltungen und wer nicht?
Morard: Touristisch profitieren Leistungsträgerinnen und -träger in der Beherbergung, der Gastronomie, dem Transport sowie an verschiedenen Besuchsorten. Gewinnen kann, wer aktiv wird, eigene Angebote schafft und Synergien nutzt. Wer passiv bleibt und nur auf zusätzliche Gäste hofft, profitiert kaum. Der Erfolg hängt vom eigenen Engagement und der Einbindung in das Gesamterlebnis ab.
Clivaz: Das ist ein wesentlicher Punkt. Allzu oft – und das gilt insbesondere für Grossevents – werden die Gewinne privatisiert und die Kosten sozialisiert. Die Veranstalter erzielen manchmal saftige Gewinne, während die öffentlichen Körperschaften das Defizitrisiko tragen oder in Infrastrukturen investieren müssen, die nicht immer von Nutzen sind und nach dem Anlass nur schwer rentieren.

Wann und wie muss die Bevölkerung einbezogen werden?
Morard: Die Bevölkerung sollte möglichst früh informiert und einbezogen werden. Ihre Unterstützung ist entscheidend. Kantone und Gemeinden tragen ebenfalls zur Information bei – etwa indem sie helfen, freiwillige Helferinnen und Helfer zu finden, die eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung spielen.
Clivaz: Die Bevölkerung sollte von Anfang an einbezogen werden und Entscheidungsbefugnis haben. Das Beispiel der Olympischen Spiele zeigt, dass die Bevölkerung nicht immer begeistert von der Ausrichtung solcher Mega-Events ist und es in der Vergangenheit oft abgelehnt hat, dass die öffentliche Hand finanzielle Risiken für deren Organisation eingeht.

Gewinnen kann, wer aktiv wird, eigene Angebote schafft und Synergien nutzt.
Pierre-Alain Morard, Direktor Freiburger Tourismusverband
 

Wie sollen Kosten, Nutzen und Risiken fair verteilt werden?
Morard: Grossveranstaltungen sind Partnerschaften von öffentlicher und privater Hand. Entscheidend sind klare Verträge, Transparenz und definierte Rollen sowie enger Austausch. Die grössten Risiken sind Wirtschaftlichkeit und Sicherheit – hier ist meist die öffentliche Hand die Schlüsselfigur, was jedoch auch in Vereinbarungen geregelt sein muss.
Clivaz: Oft gilt jede Grossveranstaltung als Gewinn für Einnahmen und Image. Das greift zu kurz. Verdrängung von Stammgästen und finanzielle Risiken sind möglich. Umso wichtiger ist eine klare, kohärente Strategie auf Ebene von Destination oder Kanton, die Veranstaltungen mit Mehrwert auswählt – und andere bewusst ausschliesst.

Was kommt durch die Priorisierung solcher Events zu kurz, und ist das vertretbar?
Morard: Grossevents dürfen das touristische Tagesgeschäft nicht beeinträchtigen. Hauptaufgaben bleiben Empfang und Information der Gäste sowie die Tourismuswerbung. In Freiburg sehen wir die bevorstehende WM als Chance, Kompetenzen auszubauen und verschiedene Tools zu entwickeln oder zu optimieren. So bereiten wir uns gezielt auch auf zukünftige Anlässe vor, denn diese kommen bestimmt.
Clivaz: Im Idealfall bringt ein Grossanlass einer Region mittel- und langfristig Mehrwert – über kurzfristige Einnahmen hinaus. Etwa durch eine bessere ÖV-Anbindung, die Nutzung bestehender Infrastrukturen in der Nebensaison oder städtebauliche Verbesserungen. Andernfalls lohnt sich der Aufwand nicht immer.

Im VSTM-Tourismusduell diskutieren zwei Persönlichkeiten ein aktuelles Thema aus unterschiedlichen Perspektiven.

Nora Devenish und Marion Schmitz